Aktuell


Notstand in Amazonien

Samstag 15. Oktober 2005, 02:49 Uhr

Brasilianischer Bundesstaat Amazonas verhängt Notstand wegen Dürre

Rio de Janeiro (AFP) - Wegen der schwersten Dürre seit über 40 Jahren hat der brasilianische Bundesstaat Amazonas den Notstand verhängt. Dieser gelte für 61 Städte mit Ausnahme der Hauptstadt Manaos, wo es vereinzelt Regenfälle gebe, teilte ein Behördenvertreter am Freitag mit. Am schlimmsten sei die Situation in 1200 Dörfern, die an ausgetrockneten Seen und kleinen Flüssen liegen: dort seien Trinkwasser und Lebensmittel bereits knapp. Amazonas ist der größte Bundesstaat Brasiliens und zu 92 Prozent von Regenwald bedeckt, der über die größte Artenvielfalt der Welt verfügt. Die Region leidet derzeit unter einer Hitzewelle mit Temperaturen um die 38 Grad Celsius. Der Pegel des Rio Negro, einem Nebenfluss des Amazonas, sank von Juli bis Oktober um zwölf Meter. Die schlimmste Dürre im vergangenen Jahrhundert verzeichnete das Amazonas-Gebiet im Jahr 1963.


Mittwoch 12. Oktober 2005, 11:30 Uhr

Amazonas: Schlimmste Trockenheit seit 40 Jahren

Warmer Atlantik sorgt für Hurrikans und Regenwald-Trockenheit

Boston (pte) - Es mutet fast grotestk an: Während in Nord- und Mittelamerika ein Hurrikan nach dem anderen tobt, erlebt Amazonien die schlimmste Dürre seit 40 Jahren. In Brasilien wurde bereits in einigen Städten der Notstand ausgerufen. Wissenschaftler glauben, dass die steigenden Temperaturen im Nord-Atlantik dafür verantwortlich sind, berichtet das Wissenschaftsmagazin Nature.

In der Amazonas-Forschungsstation Santarem, wo die Flüsse Amazonas und Tapajos aufeinander treffen werden Wasserpegel gemessen, die 15 Meter unter dem Durchschnitt liegen, berichtet Paul Lefebvre vom Woods Hole Research Center in Massachusetts, der die Forschungsstation leitet. Trockenheit in Südamerika wird häufig mit dem El Nino in Verbindung gebracht, der von der Oberflächenwassertemperatur des Pazifiks abhängt. Allerdings ist in diesem Jahr keine solche Erwärmung gemessen worden. Auffällig ist allerdings in diesem Jahr die ungewöhnlich hohe Erwärmung des Atlantik, die bereits im Juli Forscher dazu veranlasst hat, eine heftige Hurrikan-Saison vorherzusagen.

"Das El-Nino-Phänomen beeinflusst in erster Linie die Westküste Südamerikas. Die natürliche Barriere der Anden verhindert allerdings große Einflüsse auf Amazonien", erklärt der Klimaforscher Herbert Formayer von der Universität für Bodenkultur in Wien im pressetext-Interview. Es sei aber durchaus vorstellbar, dass das wärmere Atlantikwasser auf den Amazonas derartige Auswirkungen habe. Lefebvres Studien haben deutlich gemacht, dass verminderte Niederschläge in Amazonien auch das Pflanzenwachstum verlangsamen. "Das Szenario, das das britische Headley Centre for Climate Prediction and Research gezeichnet hat, ist davon ausgegangen: Ein riesiger Rückkopplungseffekt führt zum Absterben des gesamten Regenwaldes und zur Freisetzung riesiger CO2-Mengen", erklärt Formayer, der jedoch darauf hinweist, dass die meisten Klimamodelle Probleme zeigen, wenn es darum geht den Niederschlag in Amazonas zu modellieren. "Das Klimamodell, dass das Hamburger Max-Planck-Institut erst kürzlich vorgestellt hat, kommt aber zum Schluss, dass der Amazonas als Kohlenstoffsenke erhalten bleibt", erklärt der Experte.

Problematisch sei jedoch die Tatsache, dass nach dem Brandroden, also im Falle dessen, dass der Wald weg ist, auch der Wasserkreislauf massiv verändert wird, da weniger Wasser verdunstet, führt Formayer aus. Nach Untersuchungen von Lefebvre könnte längerfristig die CO2-Aufnahme des Waldes um bis zu 25 Prozent fallen. Dann wird der Amazonas zu einer CO2 Pumpe, die mehr Treibhausgas produziert als absorbiert. Brandrodung trägt zusätzlich dazu bei, wie der Forscher berichtet. Ein einmaliger Brand zieht weitere Brände nach sich. "Lokale Regierungen verbieten zwar die Brandrodung, die Armut der Bevölkerung lässt allerdings so manches Verbot hinfällig werden", erklärt der Wissenschaftler.


Amazonasregion katastrophal trocken

Behörden erklären Teile Amazoniens zum Katastrophengebiet

Von Helge Holler, Greenpeace-Online, 13.10.05

Buschbrände greifen um sich, die Bevölkerung erkrankt, weil kein sauberes Wasser mehr zur Verfügung steht, Millionen Fische sterben: Amazonien erlebt zurzeit die schlimmste Trockenheit seit mehr als 40 Jahren. Die Zuflüsse des längsten Flusses Amerikas sind an vielen Stellen zu flach für die Schifffahrt, tausende Hausboote liegen auf dem Trockenen. Der Wasserstand des Amazonas selbst liegt rund 2 Meter niedriger als normalerweise um diese Jahreszeit.

Die Regierung des brasilianischen Bundesstaats Amazonas hat jetzt für Teile der Region den Notstand ausgerufen, denn viele Bewohner Amazoniens leben vom Fischfang und sind von den Flüssen auch für ihre Trinkwasserversorgung abhängig. Aber die Hilfsgüter erreichen die häufig nur über die Flüsse erreichbaren Dörfer nur schwer. Durchfall-Krankheiten breiten sich aus, auch eine Malaria-Epidemie wird befürchtet.

Über die Ursachen der Trockenheit sind sich Wissenschaftler bislang nicht im Klaren. Normalerweise herrscht in Amazonien nur in El Nino-Jahren große Trockenheit. Der El Niño-Effekt, also relativ hohe Temperaturen des Oberflächenwassers im Ostpazifik, ist in diesem Jahr jedoch nicht besonders ausgeprägt.

Stattdessen gibt es erste Vermutungen, dass die Trockenheit in Amazonien mit den Wetterverhältnissen im Atlantik zusammenhängen könnte. Das besonders warme Oberflächenwasser in der Karibik, das zu den Verheerungen der Wirbelstürme Katrina, Rita und Stan beigetragen hat, habe mehr Luft aufsteigen lassen und so auch für Veränderungen der Windrichtungen in Südamerika gesorgt.

Die weitverbreiteten Abholzungen des Regenwaldes in der Region dürften ebenfalls zur Trockenheit beigetragen haben. Wo kein Wald mehr ist, verdunstet wesentlich weniger Wasser, das später als Regen fallen könnte.

Bis zu einer Besserung der Situation wird es noch dauern: Die Regenzeit in Amazonien beginnt erst im Dezember, erst dann ist mit ausreichend Regen zu rechnen. Erst dann werden die vielen Buschbrände gelöscht, die seit Beginn der Trockenzeit allein im Bundesstaat Acre schon mehr als 100.000 Hektar Wald vernichtet haben.


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