AktuellNach dem Hungerstreik
Dom Luiz Cappio vertraut auf die Vereinbarung mit Präsident Lula zugunsten einer angepassten und nachhaltigen Regionalentwicklung und gegen das Kanalprojekt am Rio São FranciscoVon Gustav Krammer, Pax Christi Burgenland, 28.10.05Bischof Luiz Flávio Cappio hat am 6. Oktober 2005 seinen Hungerstreik gegen das Kanalprojekt am Rio São Francisco nach 11 Tagen abgebrochen, weil ihm Präsident Luiz Inacio Lula da Silva durch Minister Jaques Wagner ein Überdenken des Projekts, eine breite und öffentliche Diskussion darüber sowie die Instandsetzung des verschmutzen und "alten" Rio São Francisco zugesagt hatte. Auch ein persönliches Treffen mit dem Präsidenten Lula wurde vereinbart. Dieses Treffen wird mit Spannung erwartet und es kam bereits zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Vertretern der Regierung, die an der Umsetzung interessiert sind, und den Befürwortern der regionalen, angepassten Entwicklung um Dom Cappio. Ciro Gomes, Minister der Nationalen Integration, sagte am 24.10. in Recife, dass das Kanalprojekt wie vorgesehen begonnen und nach 2 Jahren fertig gestellt werden kann. Bischof Cappio warf er vor, das 2 Mrd-Dollar-Projekt falsch darzustellen, sich nicht an die Regeln des Vatikans zu halten und den Armen des trockenen Nordostens das lebensnotwendige Wasser vorenthalten zu wollen. Bereits am folgenden Tag gingen Bischof Cappio sowie Vertreter der Brasilianischen Bischofskonferenz auf diese Vorwürfe ein. „Wenn ich falsch zitiere, dann haben mir die Verantwortlichen falsche Projektunterlagen gegeben, und auch dem brasilianischen Volk. Aber sie können mir gerne die „richtigen“ zeigen “ , sagte Bischof Cappio anlässlich der Volksversammlung zur Sozialen Woche Brasiliens. Dom Cappio betont das Übereinkommen zwischen ihm und dem Präsidenten Lula und wünscht sich, dass sich auch die Regierung daran hält und den Interessen der betroffenen Bevölkerung den Vorzug vor multinationalen Interessen gibt. Er will auch die Alternativvorschläge von 60 Organisationen für die Sanierung des Rio São Franciscos und seiner Bewohner von Ciro Gomes richtig verstanden wissen und gibt zu bedenken, dass die Regierungen seit Jahren den Armen bessere Lebensbedingungen und Wasser versprochen haben, und in Wirklichkeit ist davon nichts zu merken; die Armen werden immer ärmer, die Natur immer mehr geschändet. Bischof Odilo Scherer, Generalsekretär der brasilianischen Bischofskonferenz, meinte zu den Äußerungen von Ciro Gomes, dass die Regierung nicht nur auf die formalrechtliche Vorgangsweise achten, sondern auch auf die öffentliche Meinung hören sollte. Kardinal Geraldo Majella Agnelo, Präsident der brasilianischen Bischofskonferenz, zeigte sich auf der Regionalversammlung der Bischöfe von Bahia und Sergipe sehr besorgt über die momentanen Krisen der brasilianischen Innenpolitik. Die Regierung wird beschuldigt, Abgeordnete anderer Parteien für Abstimmungsergebnisse bestochen zu haben. Die Landreform wird nicht umgesetzt. Das Justizwesen ist untätig, Täter und Hintermänner von Erschießungskommandos bleiben großteils unbestraft. Zum Kanalprojekt sagte der Kardinal: „Warum hat es die Regierung gar so eilig mit diesem Projekt? Es entspricht nicht den nationalen Interessen, sondern den internationalen und vor allem den von multinationalen Konzernen. Wir unterstützen Projekte, die den Bedürfnissen der Menschen des Nordostens entsprechen.“ Auch Demétrio Valentini, Bischof von Jales-São Paulo, nannte das Projekt „ein Abenteuer“ der Regierung. „Wie kann man ein derartiges Megaprojekt in Angriff nehmen, wenn eigentlich keine Mittel dafür vorhanden sind, und wenn die erwarteten Ergebnisse undurchsichtig und zweifelhaft sind?“ Zurzeit findet in ganz Brasilien die Volksversammlung zur Sozialen Woche statt. Sie wird von der Brasilianischen Bischofskonferenz zum Thema „Für ein Neues Brasilien“ veranstaltet. Zu den großen Veranstaltungen in der Hauptstadt Brasília sind 8.000 Personen gekommen. Am 26.10. marschierten die Teilnehmer geschlossen zum „Platz der Drei Gewalten“ und protestierten gegen das Kanalprojekt der Regierung zugunsten ausländischer Interessen. Bei verschiedenen Pressekonferenzen und Veranstaltungen wiederholte Bischof Cappio das Übereinkommen zwischen ihm und Präsident Lula, das geplante Projekt einzustellen und eine breite Diskussion über eine nachhaltige regionale Entwicklung zu eröffnen, und forderte seitens der gesamten Regierung dessen Respektierung ein. „Ich bin kein Papagei; ich vertraue dem Präsidenten Lula, er hat mit mir dieses Abkommen durch seinen Minister Jaques Wagner getroffen. Ich hoffe nur, dass sich auch die gesamte Regierung daran hält und Großmut beweist.“ Dom Luiz hält Lula als „vom internationalen Kapital entführt“, der leider bisher ein „glaubwürdiges und ernsthaftes Projekt“ für die Menschen der Trockengebiete im Nordosten schuldig geblieben ist. Dom Cappio hätte den Hungerstreik nur aufgrund des Abkommens mit Lula beendet, und im Falle einer Nichteinhaltung werde er ihn wieder aufnehmen – „und dann sicher nicht nur ich.“ Angesprochen auf die Schreiben des Vatikans während des Hungerstreiks sagt Dom Cappio, umgeben von Indigenen des Trukás-Volkes, selbst Betroffene vom Kanalprojekt: „Ich habe mit meinen Vorgesetzen gesprochen. Wer bereit ist zu sterben, hat keine Angst vor Sanktionen. Mein Gewissen ist mir heilig.“ Am 27.10. hatte Dom Luiz Cappio eine Audienz beim Minister des Obersten Gerichtshofes, Sepúlveda Pertence, und er war über dessen Aufgeschlossenheit sehr erfreut. Gegen das Kanalprojekt ist seitens der Bundesstaatsanwaltschaft ein Verfahren anhängig, weil bereits Aufträge vergeben worden waren und das Umweltgutachten zum Projekt noch nicht abgeschlossen ist. Der Sprecher des Obersten Gerichtshofes teilte mit, dass der Termin für die Verhandlung noch nicht feststeht. » zurück |
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