Aktuell


Amazonien-Dürre geht weiter (2)

"Wir müssen endlich die Augen aufmachen"

Die Gleichung ist einfach: Weniger Wald bedeutet mehr Verdunstung. Im Amazonas hat dieser Effekt zur schlimmsten Dürre seit Jahrzehnten geführt. Denn die Abholzung des Regenwaldes schreitet ungehindert voran und raubt dem Fluss und seinen Anwohnern die Lebensgrundlage.

Von Gottfried Stein, ARD-Hörfunkkorrespondent Südamerika, 10.11.05

Bei Santarem ist der Amazonas von Inseln durchzogen und mehrere Kilometer breit. Aber schon im Hafen der Stadt, mitten im brasilianischen Regenwald, kann man sehen, dass etwas nicht stimmt: Der riesige Fluss hat sich etwa hundert Meter vom Ufer zurückgezogen. Um auf die Schiffe zu kommen, muss man erst durch Sandbänke und schmutzige Ablagerungen waten.

Im Amazonasbecken herrscht die schlimmste Dürre seit 50 Jahren - und das hat nichts mit ausbleibendem Regen zu tun, erklärt der Klimaforscher Marcelo Croce vom Umweltinstitut IPAM. Modelle des Amazonaspegels zeigten, dass sich das Niveau der Austrocknung geändert habe, obwohl die Regenmenge mehr oder weniger die Gleiche geblieben sei. "Die Prognosen gehen davon aus, dass die Austrocknung immer schneller verlaufen wird, wegen der Abholzung und der Bewirtschaftung des Uferbeckens."

Das Süßwasserreservoir trocknet aus

Noch ist Trockenzeit am Amazonas, die Regenzeit beginnt vielleicht Mitte des Monats. Früher spielte das keine Rolle, die Seen im Amazonasdelta hatten genug Wasserspeicher, um Verluste auszugleichen. Schließlich ist der Amazonas der größte Strom und das bedeutendste Süßwasserreservoir der Erde.

Heute aber ist die Situation dramatisch. Je weiter man in die Seitenarme kommt, vor allem in dem Abschnitt hinter Manaus, umso erschreckender ist das Bild: Vertrocknete und zu Tümpeln verkommene Flüsse und Seen, die Wasserstände um über zehn Meter gesunken, das Restwasser eine stinkende, faulige Brühe, in der Tonnen verwesender Fischkadaver treiben.

Im Gebiet um Santarem geht es noch, aber die Zeichen gelten für die gesamte Amazonasregion, meint Marcelo Croce: "Ich glaube, dass die Leute endlich die Augen öffnen müssen. Wir werden diese Situation immer häufiger erleben. Früher gab es solche Trockenzeiten alle sechs oder sieben Jahre. Jetzt stellen wir fest, dass es in den letzten zehn Jahren schon drei große Trockenzeiten gab".

Der See zieht sich zurück

In der kleinen Gemeinde Jaguarari mitten im "Floresta Nacional de Tapajos", einem von der Regierung geschütztem Nationalpark, ist der Regenwald noch in Ordnung. Aber die zweihundert Menschen, die hier weit ab von der Zivilisation leben, spüren die Auswirkungen der Trockenheit auch hier. Die kleinen Häuschen und Hütten liegen normalerweise direkt am Ufer eines gewaltigen Urwaldsees. Jetzt muss man einen Fußmarsch unternehmen, um ans Wasser und an die Boote zu kommen. Der Dorfvorsteher sagt, so schlimm sei es seit 20 Jahren nicht gewesen. Das Wasser werde immer weniger. Mittlerweile müssten sie 15 Minuten im Flussbett gehen, bis sie ans Wasser kämen.

Den Menschen in Juaguarari geht es noch vergleichsweise gut. Tiefer im Regenwald, in den Regionen, die man nur auf verschlungenen Nebenflüssen des Amazonas erreicht, sind Hunderttausende, vor allem Ureinwohner, von der Außenwelt abgeschnitten und müssen vom Militär aus der Luft mit Lebensmitteln und Medikamenten versorgt werden.

Gefährliche Stoffe werden freigesetzt

Ein Mitarbeiter der Organisation Greenpeace betrachtet die Ausmaße der Abholzung in Mato Grosso (Brasilien). Die brasilianische Regierung gibt bekannt, dass die Abholzung bereits über 26.000 Quadratkilometer des Amazonas-Becken betrifft. (Foto: REUTERS) Großansicht des Bildes [Bildunterschrift: Ein Mitarbeiter der Organisation Greenpeace betrachtet die Ausmaße der Abholzung in Mato Grosso (Brasilien). ] Umweltschützer warnen seit Jahren, dass die Abholzung des Regenwaldes immer dramatischere Auswirkungen hat. Jedes Jahr fällt eine Fläche von der Größe des Staates El Salvador der Abholzung oder Brandrodung zum Opfer. Die ökologischen Folgen sind gewaltig: Der Regenwald bindet große Mengen Kohlendioxid, die bei Brandrodungen freigesetzt werden. Und das ursprünglich vom Waldboden gebundene Quecksilber ist eine Gefahr für die Menschen, sagt der Klimaforscher Marcelo Croce.

Durch die Abholzung werde der Boden ausgewaschen und verliere seine Fähigkeit, Metalle zurückzuhalten. Sie gelangten in die Nahrungskette und damit auch zu den Menschen. Und weil die Seen allmählich austrockneten, verließen die Fische die Seen. In kritischen Situationen wie in diesem Jahr seien dann ganze Populationen bedroht. "Das ganze Ausmaß", befürchtet er, " wird sich erst mittel- und langfristig zeigen."

Hörfunk-Bericht


Dürre am Amazonas

Regenwald trocknet aus - Fische sterben - Landwirtschaft in der Krise - Flüsse als Transportwege unbenutzbar

von Wolfgang W. Merkel, Die Welt, 9.11.05

Manaus - Jedes Jahr von Dezember bis Juni - im Verlauf der Regenzeit - steigt der Pegel des Amazonas. Danach fällt er wieder ab. Doch derzeit erlebt der Regenwald am wasserreichsten Fluß der Erde eine große Dürre. In einigen Regionen hat es seit Jahresbeginn nicht mehr geregnet. In Folge des Wassermangels ging der Pegel in zahlreichen Flüssen der Urwaldregion massiv zurück, manche sind ganz ausgetrocknet. Der Wasserstand in Amazoniens größter Stadt Manaus fiel Ende Oktober drei Meter unter den üblichen Tiefststand.

Das bedroht nicht nur Pflanzen und Tiere, die Flüsse sind auch Verkehrsadern und Lebensgrundlage für die Menschen. Die Dürre mache sich am Amazonas selbst bemerkbar, aber vor allem seien viele Nebenflüsse betroffen, sagt Professor Friedrich-Wilhelm Gerstengarbe, Klimatologe am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Der flächenmäßig größte brasilianische Bundesstaat Amazonas wurde zum Katastrophengebiet erklärt.

Dürren sind am Amazonas, dem neben den polaren Eiskappen größten Süßwasserreservoir der Welt, nicht völlig unbekannt. Sie ereignen sich im Zusammenhang mit dem rund um den Äquator wirkenden sogenannten El-Niño-Phänomen alle sieben bis acht Jahren. Doch in diesem Jahr tritt dieses Phänomen gar nicht auf. Starke Dürren hat es beispielsweise 1997 und vor allem 1963 gegeben.

Normalerweise bezieht das Amazonas-Tiefland seine Niederschläge vom Atlantik. Die Region liegt im Bereich der sogenannten Innertropischen Konvergenzzone (ITC), wo die Windsysteme des Nordost- und des Südostpassat zu beiden Seiten des Äquators zusammenströmen. An der ITC bewegen sich die über dem Atlantik mit Wasser gesättigten Luftmassen aufwärts und kühlen ab, die Feuchtigkeit kondensiert und regnet sich ab. Das macht sich bis weit ins Landesinnere bemerkbar. "Am Rand der Anden stauen sich zudem die Luftmassen, und mehr Feuchtigkeit regnet sich ab", erklärt Professor Gerstengarbe.

Im jahreszeitlichen Wechsel verschiebt sich mit der ITC die Zone starker Niederschläge nordwärts und südwärts - in dieser Saison jedoch besonders weit nördlich, so daß weite Teile des Urwaldes vom Regen abgeschnitten sind. Die Vermutung liegt nahe, dies auf den Klimawandel zurückzuführen. Das sei auch plausibel, sagt der Potsdamer Klimatologe, "aber das jetzige Extremereignis können wir dem Klimawandel nicht eindeutig zuordnen. Solche extreme Dürren sind zu selten, als daß eine statistisch sichere Aussage möglich wäre." Sicher sei aber, daß extreme Wetterereignisse in den vergangenen Jahrzehnten gehäuft auftreten. Die Münchner Rückversicherung komme nach Datenanalysen auf eine Vervierfachung in den letzten 50 Jahren.

Einen bisher unbekannten Effekt haben Forscher des Max-Planck-Instituts für Limnologie in Plön gefunden. Jochen Schöngart, der vor Ort in Manaus mit Forschern des Nationalen Instituts für Amazonasforschung arbeitet, entdeckte einen Zusammenhang zwischen Dürren und ungewöhnlich hohen Wassertemperaturen des Nordatlantiks und des Pazifiks. Er hat die Amazonas Pegelstände in Manaus mit den Meerestemperaturen verglichen und eine enge Korrelation gefunden. "Seit November 2004 ist der Atlantik wieder außergewöhnlich warm", sagt Schöngart. Die Temperaturanomalie führe dazu, daß sich die großräumigen Windverhältnisse ändern.

Umweltverbände machen auch die Rodungen im Tiefland für die Dürre verantwortlich. "Das eine hat mit dem anderen ganz klar zu tun", bestätigt Friedrich-Wilhelm Gerstengarbe. Der Wasserkreislauf werde durch die Rodungen gestört: Niederschläge würden vom entwaldeten Boden weniger gut gespeichert, sie flössen schnell ab. So können sie nicht nach und nach über Bodenverdunstung und Wasserabgabe der Pflanzen wieder in die Atmosphäre zurückkehren und für neue Niederschläge sorgen.

In der Tierwelt sind derzeit Fische am stärksten vom Wassermangel beeinträchtigt: "Das Fischsterben ist enorm", sagt Professor Joachim Adis vom Max-Planck-Institut für Limnologie. "Es kommt zu Faulprozessen und damit zu starker Bildung von Schwefelwasserstoff. Das läßt in vielen Bereichen alle Fische absterben." Betroffen sind aber auch im Wasser lebende Säugetiere wie Flußdelphine, Seekühe und Wasserschweine. Von den ohnehin schon bedrohten Seekühen seien 120 tot aufgefunden worden, berichten Umweltverbände vor Ort. "Die Tiere versuchen, in Seen auszuweichen, in denen noch genügend Wasser vorhanden ist", sagt Joachim Adis. Das schaffe natürlich nicht jede Seekuh, aber insgesamt sei die Gefahr für die Tiere nicht dramatisch: "Die lokale Fauna verkraftet das. Wenn nicht, dann gäbe es sie nicht mehr, denn Dürren sind dort ja nicht unbekannt." Wirklich eng werde es für die Tierwelt aber, wenn sich starke Dürren häufen sollten.

Probleme haben aber auch die Menschen. Sie leben vom Fischfang und der Landwirtschaft. Doch die Gewässer führen kaum Wasser, viele Millionen Fische sind verendet. Jetzt fehlt wertvolles Protein. Und auch das Wasser für Gemüse und Obst fehlt. "Es gibt einen ökonomischen Einbruch, die Preise steigen", so Adis. Erschwerend kommt hinzu, daß auch Gütertransporte häufig nur über die Flüsse abgewickelt werden können. Doch die Schiffe liegen zwangsweise vor Anker oder auf Grund. Das Militär hat deshalb zeitweise tausend Kommunen per Hubschrauber mit Nahrung, Benzin für Generatoren, Medikamenten und Trinkwasser versorgt - oder Wasser-Desinfektionsmitteln.

Nach Monaten der Trockenheit hat es jetzt jedoch am Oberlauf wieder zu regnen begonnen. Denn mit der Jahreszeit verlagert sich jene Zone mit hohem Sonnenstand nach Süden, zur Wintersonnenwende am 21. Dezember steht die Sonne dann über dem südlichen Wendekreis im Zenit. Damit verlagern sich auch die tropischen Windsysteme, und die Innertropische Konvergenzzone wandert nach Süden - dem Amazonas-Tiefland wird sie vor allem zwischen Dezember und Mai kräftig Regen bringen. Bei Manaus steigt der Pegel derzeit wieder täglich um etwa 17 Zentimeter. Der Wasserstand könne in den kommenden Wochen noch einmal fallen, dann aber ab Dezember - wie jedes Jahr - kräftig steigen, meint Professor Adis.


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