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Selbstmord gegen bras. Umweltzerstörung (erweitert)

Montag 14. November 2005, 17:00 Uhr

Selbstmord aus Protest gegen Umweltzerstörung in Brasilien

Rio de Janeiro (AP) Aus Protest gegen den Bau einer Alkoholdestillerie in einem brasilianischen Biotop hat ein Umweltaktivist sich selbst verbrannt. Francisco Anselmo de Barros hüllte sich in eine mit Alkohol getränkte Decke und zündete diese an, wie das Krankenhaus in Santa Casa, gut 1.000 Kilometer nordwestlich von Rio de Janeiro, am Montag mitteilte. Dort erlag der 65-Jährige am Sonntag seinen schweren Brandwunden. Der Zwischenfall ereignete sich am Oberlauf des Paraguay-Flusses im Staat Mato Grosso. Dort liegt das größte Feuchtbiotop der Welt, das Pantanal, das Umweltschützer von geplanten Fabrikbauten nachhaltig bedroht sehen.


Aus Verzweiflung verbrannt

Brasilianischer Umweltschützer sah keinen Ausweg als Suizid

Von Wolfgang Kunath, Frankfurter Rundschau, 15.11.05

Der brasilianische Umweltschützer Francisco Anselmo Gomes de Barros hat sich aus Protest mit Benzin übergossen und verbrannt. Der Hintergrund: Das Verbot von Ethanol-Fabriken in ökologisch sensiblen Gebieten, das Gomes und seine Mitstreiter 1982 durchsetzten, soll demnächst fallen.

Rio de Janeiro · Der 65 Jahre alte Gomes hatte am Samstag (Ortszeit) an einer kleinen, weitgehend unbeachteten Demonstration gegen die Genehmigung der Zuckerrohr-Monokulturen und der Ethanol-Fabriken teilgenommen. Während dieser Versammlung im Zentrum von Campo Grande, der Hauptstadt des Bundesstaates Mato Grosso do Sul, übergoss er plötzlich zwei Decken mit Benzin, rollte sich in sie ein und zündete sie an. Am Sonntag starb er an seinen schweren Verbrennungen.

Gomes war Chef der drittältesten Umweltschutz-Organisation Brasiliens, der Fuconams, einer Stiftung zum Schutz der Natur in Mato Grosso do Sul, die mit internationalen Öko-Verbänden kooperierte, unter anderem zum Schutz des Pantanals. Dieses 230 000 Quadratkilometer große Sumpfgebiet in Südwest-Brasilien, Paraguay und Bolivien gehört zu den spektakulärsten Naturschutzgebieten der Welt.

In einem Abschiedsbrief begründete Gomes seinen Suizid mit der Aussichtslosigkeit des Kampfes gegen die Gefährdung der Umwelt: "In Brasilien sehen wir mit an, wie das Schiff sinkt, und niemand sagt etwas." Gomes erwähnte genetisch veränderte Soja-Sorten, die nach Brasilien geschmuggelt werden, die Abholzung im Amazonasbecken und die erneuerten Pläne, unmittelbar neben dem Pantanal Zuckerrohr anzubauen und daraus Ethanol zu destillieren.

Die Staatsregierung will für 18 der 33 Gemeinden in der Nachbarschaft des Pantanal den Bau von Ethanol-Destillerien genehmigen. Sie bestreitet Gefahren für die Umwelt, weil die Spritfabriken in sicherer Entfernung zu ökologisch sensiblen Zonen gebaut würden, eine wirtschaftliche Alternative zu Soja-Anbau und Rindfleischproduktion darstellten und Musterbeispiele nachhaltiger Entwicklung seien. Die Umweltschützer fürchten dagegen vor allem Unfälle, die Flüsse verseuchen könnten. Praktisch das gesamte Pantanal-Wasser kommt von außerhalb - und aus dem höher liegenden Hügelland im Osten, das doppelt so groß ist wie das Pantanal und wo die Alkoholfabriken hinsollen.

Ethanol findet reißenden Absatz. Die brasilianische Zuckerindustrie, die die Grenzen des Wachstums weitgehend erreicht hat, sieht im Benzin-Ersatz Ethanol das Geschäft der Zukunft. Von 2003 auf 2004 haben sich die Alkoholexporte Brasiliens verdreifacht. Von den brasilianischen Autos fahren heute bereits viele mit Alkohol, der billiger als Benzin ist. Der Industrie zufolge muss die Anbaufläche um 2,5 Millionen Hektar wachsen, also etwa die Fläche Hessens, um bis 2010 die Nachfrage zu befriedigen.

Der wirtschaftliche Druck hat nun auch das Gebiet erreicht, in dem Gomes tätig war. Der Öko-Aktivist und seine Organisation hatten die Ausbreitung der Zucker- und der Alkoholproduktion bis zum Pantanal zu Beginn ihres Kampfes vor 25 Jahren noch abwehren können. Damals setzten sie genau jenes Gesetz durch, das nun aufgehoben werden soll.


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