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ZEIT-Dossier Amazonas-Regenwaldschutz

Erwachen am Amazonas

Seit 40 Jahren wird der Regenwald rücksichtslos ausgebeutet. Jetzt setzt sich in Brasilien die Erkenntnis durch, dass eine schonende Nutzung profitabler ist.

Von Dirk Asendorpf, DIE ZEIT, 14.12.2006

Wie oft wurde der Regenwald am Amazonas in den vergangenen 40 Jahren totgesagt? Erst schlugen gigantische Straßenbauprojekte der brasilianischen Militärdiktatur Tausende Kilometer lange Schneisen in das Dickicht. Dann kamen die Siedler, mit staatlichen Prämien gelockt. Dann illegale Tropenholzräuber. Später starb der Regenwald durch die Sägen der Großfarmer, die sich mit Sojaplantagen und Rinderweiden eine goldene Nase im Exportgeschäft verdienten. Seit 1960 schrumpfte der Amazonas-Wald um die Fläche Frankreichs. Das ist Grund zur Sorge – aber keineswegs zu Endzeitstimmung. Nach 40 Jahren Abholzen ist der Wald noch immer so groß wie die gesamte Europäische Union. Dort, wo er noch steht –, auf immerhin 83 Prozent seiner ursprünglichen Fläche – geht es ihm überraschend gut. Und die Aussicht ist nicht schlecht, dass er auch künftig gedeihen kann. Denn in Brasilien wächst die Überzeugung, dass eine umsichtige Nutzung des Waldes auf Dauer weitaus profitabler ist als seine Abholzung.

Wie das geht, wollen an einem Montag im November ein Dutzend junge Leute erkunden. Im Schnellboot sind sie, allesamt Studenten der Forstwirtschaft, von der Zwei-Millionen-Metropole Manaus auf die unbewohnte Seite des Rio Negro gekommen, an den Füßen Gummistiefel, über den Schultern Taschen mit Proviant und Messgeräten. Wenige Fußminuten vom Ufer entfernt haben sie einen Hektar Wald mit Plastikbändern markiert und bestimmen jetzt systematisch die Vegetation. Rund 500 Bäume stehen hier. Art, Stammumfang, Höhe, Ausdehnung der Krone, Alter – das sind die Grunddaten, die die Jungforscher in Listen eintragen. Dazu Angaben über Bodenfeuchte, Zahl und Stärke der Sprösslinge. Die Höhe der jährlichen Überschwemtmung lesen sie an deutlichen weißen Ringen an der Rinde ab. Rund 3,50 Meter sind es hier, an anderen Stellen des Amazonas und seiner Zuflüsse steigen die Pegel in der Regenzeit um bis zu 12 Meter. Ein Fünftel des Waldes steht dann im Wasser. Wie funktioniert seine Erneuerung unter derart extremen Bedingungen? Wie kann er genutzt werden? Was passiert, wenn in den Regenzeiten – wie 2004 und 2005 – weit weniger Niederschlag fällt als im Durchschnitt?

»Von dem Trockenstress ist heute nichts mehr zu sehen«, sagt Jochen Schöngart, »der Wald hat sich vollständig erholt.« Der Forstwissenschaftler des Plöner Max-Planck-Instituts für Limnologie, das in Manaus eine Außenstelle betreibt, zeigt den Studierenden, wie man den Bohrer ansetzen muss, um einen langen Span aus dem Baum zu ziehen. Deutlich sind darauf die Jahresringe zu erkennen. Sie zeigen nicht nur das Alter des Baumes, sondern geben auch Aufschluss über das Klima der Vergangenheit. Ein dünner Ring bedeutet, dass der Baum in der Regenzeit lange unter Wasser gestanden hat. Dann können ihn die feinen Wurzelhärchen wegen des Sauerstoffmangels im Boden nur schlecht versorgen. Ein breiter Ring steht für eine kurze Überschwemmungszeit.

Aus diesen Daten, zusammen mit den Pegelständen, die seit 1903 am Zusammenfluss von Rio Negro und Rio Solimões zum Amazonas gemessen werden, hat Schöngart die Klimageschichte der vergangenen 200 Jahre rekonstruiert. Er fand dabei keinen Beleg für die immer wieder von Medien und Wissenschaftlern geäußerte Sorge, dass Abholzung und Klimawandel den brasilianischen Regenwald austrocknen lassen. Fünf Mal zwischen 1903 und 1963 war die Regenzeit noch trockener als 2004. Doch da hatten Rodungen und Klimawandel noch gar nicht begonnen. Jedes Mal hat der Regenwald sich schnell erholt, vor allem dank seiner Vielfalt. Mehr als tausend verschiedene Baumarten wachsen in den Überschwemmungsgebieten. Jede reagiert anders auf veränderte Umweltbedingungen. Ebenso die Fauna: Seitenarme des Amazonas, die sich vor zwei Jahren in tote Rinnsale verwandelt hatten, sind heute wieder voller Fische. Viele Arten hatten sich in tieferes Wasser zurückgezogen, andere haben im Schlamm überlebt.

Das Wissen über solche ökologischen Zusammenhänge ist in den vergangenen Jahrzehnten enorm gewachsen. Nirgends sonst ist es so konzentriert wie am Inpa, dem Brasilianischen Institut für Amazonas-Forschung in Manaus. Mehrere hundert Wissenschaftler arbeiten in Büros und Labors, die über die Fläche eines ganzen Stadtteils unter dem Blätterdach des so genannten Wissenschaftswaldes verstreut liegen. In einem kleinen Kellerbüro sitzt, verschanzt hinter Türmen aus Pappkartons und vergilbten Broschüren, Philip Fearnside. Mit seinem überdimensionalen grauen Schnauzer hat der schlaksige US-Amerikaner die Ausstrahlung eines freundlichen Waldschrats. Seine Forschungsergebnisse verteilt Fearnside auf einer CD, die in abgerissenes braunes Packpapier eingeschlagen ist. Viele seiner mehr als 300 Fachaufsätze sind in Science oder Nature erschienen. Er ist der am zweithäufigsten zitierte Wissenschaftler zum Thema Treibhauseffekt. Schon in den siebziger Jahren hatte Fearnside als einer der Ersten vor der Zerstörung des Amazonas-Regenwaldes gewarnt.

Fearnside hat hochgerechnet, welchen Beitrag der Verlust an Regenwald zum Klimawandel leistet. 27.200 Quadratkilometer wurden 2004 am Amazonas gerodet. Das habe 500 Millionen Tonnen Kohlenstoff freigesetzt, der in der Vegetation gebunden war, viermal so viel wie Brasilien im selben Zeitraum mit dem Verbrennen von Öl, Kohle und Erdgas emittiert hat. Die Zahl ist bedrückend – und birgt doch zugleich eine große Chance. Denn sie zeigt den ökonomischen Wert des Waldes als Kohlenstoffspeicher. Lange sah Brasiliens Regierung in der Forderung nach Schutz des Regenwaldes eine unzulässige Einmischung in die eigene Entwicklungsstrategie. Inzwischen zeigt sie Bereitschaft, Entwicklungszahlungen im Tausch für das Eindämmen der Rodungen zu akzeptieren.

»Das ist nur ein erster Schritt, aber er ist sehr positiv«, sagt Fearnside. Denn ein ökonomischer Anreiz, das ist dem Forscher nach 30 Jahren in Amazonien klar, ist der beste Schutz für den Regenwald. Das zeigt sich schon heute. Seit der Weltmarktpreis für Sojabohnen sinkt, nimmt auch die gerodete Waldfläche ab. Gegenüber dem Spitzenwert von 2004 hat sie sich inzwischen fast halbiert. Anders als in Südostasien sind in Brasilien nicht Hunderttausende Kleinbauern, sondern vor allem große Farmen für die Entwaldung verantwortlich. Oft waschen sie mit ihren Plantagen Geld aus Drogenhandel und anderen illegalen Geschäften, Arbeitsplätze entstehen kaum. »Niemand muss hungern, wenn die Entwaldung gestoppt wird«, sagt Fearnside.

Dann zählt er die Vorteile der Erhaltung des Waldes auf: Nirgends ist die Biodiversität größer, im Amazonas fließt mehr Süßwasser als in den sechs nächstgrößeren Flüssen der Welt zusammen, entsprechend groß ist die globale Bedeutung seines Wasserkreislaufs. Bräche dieses System zusammen, könnte das den Klimawandel so anheizen, dass er außer Kontrolle gerät. Denn in der Biomasse des Amazonas-Waldes steckt so viel Kohlenstoff, wie die Menschheit in zehn Jahren mit der Verbrennung fossiler Energien freisetzt. Aber wie weit entfernt ist dieser Tipping Point, mit dem auch in einigen globalen Klimamodellen schon gerechnet wird? »Es ist politisch schädlich, zu sagen, mit wie viel Entwaldung man gerade noch leben kann, ohne den Rest mit zu zerstören«, antwortet Fearnside. Gefährlich sei vor allem das Zerstückeln des Waldes in viele, nicht mehr miteinander verbundene Teile. Dann kann er sich nicht mehr regenerieren.

An den Rändern des Amazonas-Einzugsgebietes, dem so genannten Bogen der Entwaldung im Süden und Osten, droht diese Gefahr tatsächlich, im großen Inneren kaum. Welche Auswirkungen der Klimawandel auf das Amazonas-Klima haben wird, ist unter den Experten umstritten. Während das britische Hadley Centre eine hohe Bedrohung errechnet hat, kommt der Regenwald in anderen Klimamodellen ungeschoren davon. Unbestritten ist nur der Zusammenhang zwischen trockeneren Jahren am Amazonas und der atlantischen Variante des El-Niño-Phänomens. Wenn sich das Wasser des tropischen Atlantiks überdurchschnittlich erwärmt, lenken Hurrikane hohe Niederschlagsmengen in die Karibik statt zum Amazonas.

Dort sind jedoch auch gegenläufige Kräfte am Werk. In Jahren mit niedrigen Pegelständen nimmt die Biomasse in den Überschwemmungswäldern überdurchschnittlich zu. Überdies lässt ein höherer CO2-Anteil in der Atmosphäre manche Pflanzen schneller wachsen. Welche das sind und wie stark die Rückkopplungseffekte auf den Kohlenstoffkreislauf sind, ist noch weitgehend unklar – obwohl eine Forschergruppe bereits seit 1993 in dem vor allem von der Nasa mit fast 100 Millionen Dollar finanzierten Large-Scale Biosphere-Atmosphere-Experiment in Amazonia (LBA) daran forscht. Messungen mit Flugzeugen und Beobachtungstürmen haben gezeigt, dass der Wald im Wechsel zwischen Tag und Nacht, Trocken- und Regenzeit große Mengen CO2 ein- und ausatmet.

Was mit diesem Kreislauf unter veränderten Umweltbedingungen geschieht, untersucht Jürgen Kesselmeier vom Max-Planck-Institut für Biogeochemie. Am Inpa in Manaus verpackt er kleine Bäumchen in luftdichte Plastikmanschetten. Wie Patienten auf der Intensivstation hängen sie an Schläuchen. Durch sie strömt Luft mit verschieden hohem CO2-Anteil. Je nach Art und Bodenbeschaffenheit reagieren die Bäumchen unterschiedlich. Auch ihr Alter hat einen Einfluss auf den Gasaustausch. »Bisher haben wir höchstens 30 bis 40 Prozent des Kohlenstoffkreislaufs verstanden«, meint Kesselmeier. Vor allem das in Wurzeln und Erdreich gespeicherte CO2 gibt noch viele Rätsel auf.

Klimamodelle, die mit eindeutigen Reaktionen des Regenwaldes auf die Erderwärmung rechnen, stehen deshalb auf wackeligen Füßen. »Das darf aber keine Entschuldigung für Untätigkeit sein«, fordert Philip Fearnside. Und stößt damit bei der Regierung des Bundesstaates Amazonas auf Zustimmung. Der ist viermal so groß wie Deutschland und besteht noch zu weit über 90 Prozent aus Wald. Die Wunden des Kautschukbooms vor 100 Jahren sind vernarbt. Vom Reichtum, der damals in der Hauptstadt Manaus angehäuft wurde, sind ein Opernhaus und einige Dutzend Paläste geblieben. Jeden November werden sie zum Schauplatz eines internationalen Festivals für Abenteuerfilme. Der Wettbewerb ist Teil einer Strategie mit dem Namen Zona Franca Verde – grüne Freihandelszone.

So wie Manaus seinen bescheidenen Wohlstand einer Industrie-Freihandelszone verdankt, in der von Siemens bis Sony viele Elektro- und Elektronikunternehmen mit steuerfreien Importen für den lateinamerikanischen Markt produzieren, so soll die grüne Freihandelszone eine behutsame Nutzung des Waldes als Geldquelle erschließen. Dokumentar- und Tierfilmproduktionen gehören ebenso dazu wie die Ausbildung in nachhaltiger Forstwirtschaft, Einrichtung und Überwachung von Schutzgebieten oder der Verkauf von Konzessionen für die Vermarktung von Duftstoffen, Medikamenten, exotischen Früchten und Fischen. Regenwaldforscher Fearnside kritisiert, dass die Strategie auch manches enthält, was langfristig mehr Schaden als Nutzen bringt. Zum Beispiel eine Impfkampagne gegen die Maul- und Klauenseuche. Weil die in Amazonien grassiert, kann Rindfleisch bisher nicht exportiert werden, und das Roden neuer Weideflächen lohnt sich für den inländischen Markt kaum. »Das sollte auch so bleiben«, fordert Fearnside.

Insgesamt hält er die grüne Freihandelszone aber für eine gute Idee. Sie steht für die Anerkennung des Waldes als schützenswerte Ressource. Seit mehr als zehn Jahren versuchen Entwicklungshelfer, Forscher und Berater diese Idee in Brasilien zu verbreiten. 300 Millionen Euro hat Deutschland als größter Geber für das Pilotprogramm zur Bewahrung der Regenwälder Brasiliens (PPG7) ausgegeben. »Es hat lange gedauert, aber inzwischen können sich die Ergebnisse sehen lassen«, sagt Imme Scholz vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik, die das PPG7 wissenschaftlich begleitet hat. Ein Gebiet von der Größe Frankreichs hat Brasiliens Regierung bereits unter Schutz gestellt, teilweise unter der Regie der indianischen Bevölkerung. Und das ist eine Art Lebensversicherung für den Wald. »Die Indianer hatten bisher den größten Erfolg damit, illegale Entwaldung zu bremsen«, sagt Scholz.

Ausländische Waldeigner haben dagegen keine Chance, das Roden ihres Besitzes zu verhindern. Davon ist Philip Fearnside überzeugt und hält deswegen nichts von Spendenaktionen zum Ankauf von Schutzgebieten. »In Deutschland kommt sofort die Polizei, wenn jemand ein Haus besetzt«, sagt er, »hier kann jemand 10000 Hektar illegal abbrennen, und es passiert gar nichts.«

Über ganze 320 Mitarbeiter verfügt die Naturschutzbehörde Ibama, die für die Waldaufsicht im Bundesstaat Amazonas zuständig ist. »Wir sind schwach, aber nicht machtlos«, sagt ihr Chef, Henrique Pereira. Der Verkauf illegal gefällter Bäume ist schwer geworden. Dafür sorgt ein neues, ebenfalls mit deutscher Unterstützung eingeführtes Kontrollsystem. Es beruht nicht mehr auf Papieren, die von korrupten Beamten gefälscht werden können. Jeder einzelne Holztransport ist online gespeichert. Mit einem kostenlosen Telefonanruf kann seine Rechtmäßigkeit jederzeit geprüft werden.

Einen wichtigen Erfolg hat der brasilianische Ableger von Greenpeace im Kampf gegen die Entwaldung für den Sojaanbau errungen. Brasilien ist der weltgrößte Exporteur, Deutschland der größte Importeur der Ölsaat, die seit der BSE-Krise das verbotene Tiermehl als Futtermittel in der Massentierhaltung ersetzt. Mit intensiven Recherchen und Kampagnen ist es den Umweltschützern gelungen, den brasilianischen Pflanzenöl-Industrieverband zu einer Selbstverpflichtung zu bewegen. Danach darf zunächst für zwei Jahre kein Soja mehr von neu gerodeten Waldflächen angekauft werden.

Die größte Gefahr droht dem Wald jetzt wieder von Straßenbauprojekten. Die BR-319, die Manaus seit 40 Jahren über eine Strecke von 1000 Kilometern mit dem Rest Brasiliens verbindet, ist so ausgewaschen, dass sie nur noch mit Spezialfahrzeugen befahrbar ist. Der Busverkehr wurde bereits 1988 eingestellt. Jetzt soll die BR-319 nach dem Willen der Regierungen in Manaus und Brasília wiederhergestellt und geteert werden. Auf den ersten 280 Kilometern haben die Bauarbeiten schon begonnen. Um den großen Rest tobt ein erbitterter innenpolitischer Streit. »Wir werden alle juristischen Mittel ausschöpfen, um die Straße zu verhindern«, sagt Ibama-Chef Pereira. Und sollte sie doch kommen, werde man so strenge Umweltauflagen erlassen, wie sie Brasilien noch nie gesehen habe.

Das wird auch nötig sein. Bisher herrscht die Wildwest-Mentalität, dass Land demjenigen gehört, der es gerodet hat. Grundbücher oder ein Landkataster gibt es in der riesigen Amazonas-Region fast nirgendwo. »Für Fatalismus haben wir trotzdem keinen Anlass«, sagt Philip Fearnside im Rückblick auf 30 Jahre Einsatz für den Regenwald. Wer die Probleme in Amazonien für so groß hält, dass sie unlösbar sind, habe schon verloren.

Und die nächste Generation von Waldschützern steht in den Startlöchern. Die zwölf Studenten der Forstwissenschaft sind optimistisch, dass ihre Ausbildung in nachhaltiger Waldbewirtschaftung bald sehr gefragt sein wird. Eilig haben sie ihre Messinstrumente zusammengepackt. Die Skyline von Manaus am anderen Ufer ist schon im milchigen Licht eines Regenschauers verschwunden. In Sekunden ist alles durchweicht. Ein paar Minuten später ist die Sonne zurück. Der Wald dampft. Sein Klima macht sich der Amazonas-Regenwald mit dem schnellen Kreislauf aus Niederschlag und Verdunstung vor allem selbst.


Mythen des Regenwaldes

Viele Behauptungen über die tropischen Bäume Brasiliens sind falsch.

DIE ZEIT, 14.12.06

Der Urwald war lange Zeit unberührt.

Schon vor Ankunft der ersten Europäer war die Amazonas-Region dicht besiedelt. Archäologen haben an Flussufern Überreste von Siedlungen ausgegraben, die vor mehr als 7000 Jahren angelegt worden waren. Keramiken und Bewässerungsanlagen zeugen von der Fähigkeit, nicht nur im Wald zu leben, sondern ihn auch zu nutzen. Grobe Schätzungen gehen von rund sechs Millionen Amazonas-Bewohnern in vorkolumbianischer Zeit aus.

Der Boden des Regenwalds ist unfruchtbar.

Das stimmt für große Teile des Amazonas-Gebietes, aber nicht für alle. Entlang der Flüsse gibt es Stellen, an denen Gemüse, Getreide und Obst besser gedeihen als auf jedem gedüngten Acker. Terra Preta – Schwarzerde – heißt der fruchtbare Boden, denn er ist nicht rot, sondern schwarz wie Kompost. Rund zehn Prozent der Fläche Amazoniens ist vermutlich mit dem humusartigen Material bedeckt.

Tropenbäume haben keine Jahresringe.

So steht es zwar in den Lehrbüchern, für den Amazonas-Regenwald trifft es aber nicht zu. Zwar gibt es dort keine großen Temperaturschwankungen, die bei uns für die Bildung der Jahresringe sorgen. Dafür aber eine ausgeprägte Regen- und Trockenzeit. Und die schlägt sich in unterschiedlich schnellem Wachstum nieder. Aus den Jahresringen kann die Klimageschichte des Amazonas-Gebietes für die letzten 200 bis 400 Jahre rekonstruiert werden.

Tropische Bäume haben flache Wurzeln.

Das stimmt nur dort, wo Wasser und Nährstoffe dicht unter der Oberfläche ausreichend vorhanden sind. In ausgetrocknete und verwitterte Böden dringen auch die Wurzeln von Tropenbäumen einige Meter tief ein, um sich ausreichend zu versorgen. Deshalb ist es möglich, abgeholzten Tropenwald wieder aufzuforsten. Die ursprüngliche Artenvielfalt lässt sich dabei allerdings nicht wiederherstellen.


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