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Aktuell

Orang-Utan-Projekt

Die Waisen des Waldes und ihr Adoptivvater

Auf Borneo hat Willie Smits das weltweit größte Primatenschutzprojekt gegründet

Von Heike Le Ker, Berliner Morgenpost, 18. Dezember 2006

Wie oft Unbekannte versucht haben, Willie Smits umzubringen, weiß der 49-Jährige nicht. Er zählt schon lange nicht mehr mit. Sein Haus haben sie zweimal angezündet. Sie sabotierten seine Autos, tyrannisierten die Familie. Dennoch: Willie Smits macht weiter. Für die Orang-Utans. "Dieses Leben habe ich gewählt. Ich kann nicht aufhören."

Sein Antrieb, das sind die Waisen des Waldes. Orang-Utan-Babys, deren Mütter von Wilderern erschossen wurden. Smits' Gegner machen auf dem Schwarzmarkt viel Geld mit den Kleinen, deswegen hassen sie ihn und seinen unerschütterlichen Einsatz. Wenn Smits von einem Schmugglerring erfährt, rückt er mit seinen Leuten von der Borneo Orangutan Survival Foundation (BOS) an und konfisziert die Affen. Bei BOS bringt er sie in Sicherheit.

Es ist ein einziges Tier, das Smits zum Ziehvater der Waisen gemacht hat: Uce lag 1989 halb tot auf einem Markt in Balikpapan, weggeworfen von einem Händler. Smits nahm das Affenkind mit, zog es auf. Bald schon lieferten Bekannte ein weiteres Affenbaby ab und später noch eines.

Die Mutter ersetzen

Auf Borneo, wo Smits lebt, sterben jedes Jahr 5000 der Menschenaffen. Ihre Heimat, der Urwald, schwindet, weil Menschen ihn roden. Weniger als 50 000 Orang-Utans gibt es nur noch auf der riesigen Insel, im benachbarten Sumatra sind es kaum 6000. Um das Jahr 1900 bevölkerten noch etwa 350 000 die Wälder von Java bis China. Heute ist selbst ihre geschrumpfte Heimat nicht mehr sicher, und ohne Hilfe wird es sie in zwei Jahrzehnten nicht mehr geben, meint Smits. Das will der gebürtige Holländer verhindern. Seit mehr als 15 Jahren kämpft er in Indonesien für die "Waldmenschen" - so die Übersetzung des Wortes Orang-Utan. Zwei Jahre, nachdem Smits Uce auf dem Markt gefunden hatte, gründete er 1991 BOS in Kalimantan, dem indonesischen Teil Borneos. Heute ist die Organisation das größte Primatenschutzprojekt der Welt.

Heimat für 850 Orang-Utans

850 konfiszierte Orang-Utans leben derzeit in den verschiedenen Rehabilitationsstationen von BOS. Smits hat allen einen Namen gegeben. Die Babys leben mit 100 Frauen vom Volk der Dajak zusammen. Sie ersetzen ihnen die getöteten Mütter, geben ihnen die Flasche, windeln sie. Zunächst teilen sich zwei Kleine einen Käfig, später kommen sie in größere Gehege. Erst gelernt haben, in der Wildnis zu leben, werden sie ausgewildert. Drei Jahre ist ein Affe im Schnitt bei BOS. 4500 Dollar und unendlich viel Liebe kostet es, sein Leben zu retten.

In Indonesien sind die Orangs Prestigeobjekte. Wer etwas auf sich hält, kauft sich einen auf dem Schwarzmarkt. Reiche Kaufleute tun das, Generäle, Schauspieler. Auch Michael Jackson hält so ein Tier auf seiner Neverland-Farm.

Woher die Affenbabys kommen, fragt kaum einer. Für jeden Säugling auf dem Markt ist die Mutter gestorben und neben ihr statistisch noch mindestens ein weiteres Tier. "Zuerst schießen die Wilderer der Mutter eine Kugel zwischen die Augen, damit sie vom Baum stürzt und nicht wegläuft", sagt Willie Smits. "Dann zerlöchern sie ihren Körper." Falls das Kleine überlebt, fällt es den Wilderern zum Opfer. Die schmuggeln es von Indonesien nach Japan, Hongkong, Taiwan in die USA und nach Deutschland. Am Ende der Handelskette kostet ein Tier bis zu 30 000 Euro. Bei vier Milliarden Dollar Jahresumsatz für Tierhandel hat Smits durch seinen Kampf für die Affen viele Feinde.

Willie Smits weiß auch, dass Milchfläschchen und Liebe allein den Tieren nicht helfen. Solange die Einheimischen davon leben, Wälder in Brand zu stecken und das neue Land mit billigen Ölpalmen zu bepflanzen, solange kann auch BOS die Heimat der Orang-Utans nicht schützen.

Entwicklungshilfe in großem Stil

Deswegen macht Smits Entwicklungshilfe in immer größerem Stil. Er knüpft Kontakte in der ganzen Welt, verhandelt mit Ölgiganten wie Shell und spannt sogar Indonesiens Präsidenten ein. Viele der Dajaks sind heute seine Freunde. Mit Zuckerpalmen, Mikrokrediten und wieder sprudelndem Bodenwasser hat der Forstwissenschaftler ihnen neue Lebensgrundlagen gegeben. Das aktuelle Projekt heißt "Samboja Lestari". Nördlich von Balikpapan hat BOS über 1800 Hektar Land gekauft und forstet dort mit der Bevölkerung den Regenwald wieder auf.

Besonders Zuckerpalmen sichern den Bauern ein geregeltes Einkommen. "Das ist die Lösung für all unsere Probleme mit Armut, Arbeitslosigkeit und mit der Umwelt", meint Smits. Und mit den Affen, denn die will BOS in Samboja Lestari auch auswildern.


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