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Aktuell

Umweltzerstörung in Indonesien

Die Zerstörung des Paradieses

In Indonesien wird Klimawandel zunehmend ein Thema – nicht nur, weil die Konferenz auf Bali stattfindet. Aber auf der Ferieninsel rückt das UN-Treffen besonders ins Blickfeld.

Von Costa Alexander, Hannoversche Allgemeine, 30.11.07

Mohammed Kemingun atmet noch einmal tief ein, zieht seine Atemschutzmaske über den Mund und öffnet die Tür. Draußen schlägt ihm die Hitze ins Gesicht, der Lärm des Verkehrs ist ohrenbetäubend. Trotz der Maske sticht die Luft in Nase und Rachen. Mühsam kämpft sich Mohammed vorbei an Essensständen und weicht immer wieder Mopedfahrern aus, die auf dem Bürgersteig dahinrasen. Es ist Rushhour in Indonesiens Hauptstadt Jakarta.

Mohammed versucht wie jeden Tag nach Hause zu kommen. Seit die Stadt die Expressbuslinien in den vergangenen Jahren immer weiter ausgebaut hat, ist der 28-Jährige umgestiegen: vom Sammeltaxi ohne Klimaanlage und ohne richtige Tür hin zu den luxuriös anmutenden Expressbussen der Transjakarta-Linie. Er spart dadurch eine Stunde pro Fahrt zwischen seinem Haus und seinem Büro mitten im Geschäftsviertel der Megacity. Trotzdem ist er immer noch mehr als eine Stunde unterwegs. Alltag in der 13-Millionen-Metropole Jakarta.

Allerdings weiß niemand so ganz genau, wie viele Menschen wirklich in der Stadt leben. Der Strom von Arbeit Suchenden und Glücksrittern vom Land in die Stadt ist typisch für ein Entwicklungsland und nimmt der Regierung jede Möglichkeit einer kontrollierten Stadtplanung.

Jakarta ist größtenteils auf Sumpfgebiet gebaut. Die Versiegelung durch Betonflächen und Straßenbebauung behindert die natürlichen Abflüsse. Das Abwassersystem ist alt und marode. In vielen Teilen der Stadt gibt es noch nicht einmal so etwas wie eine Kanalisation. In der Regenzeit kommt es deshalb schnell zu Überflutungen. Die Bilder von der letzten großen Flut im Februar dieses Jahres gingen um die Welt.

Für die meisten besitzer von Villen und höher gelegenen Apartmentkomplexen ist Hochwasser kein Problem. Für die Menschen in den Armutsvierteln aber schon. Über 100.000 Menschen mussten aus ihren Unterkünften fliehen. Die meisten von ihnen leben - wie drei Viertel der Bevölkerung - mit einem Einkommen unterhalb der Armutsgrenze. Der Notstand wurde ausgerufen, Soldaten mussten die Lage unter Kontrolle bringen.

Zur humanitären Katastrophe kommt die ökologische. Die Menge an Giftstoffen und Müll, die durch solche Fluten zusätzlich zu den unachtsam entsorgten Abfällen in die Flüsse und ins Meer gelang, ist nicht messbar. Schon jetzt ist an den Privatinseln in der Bucht vor Jakarta das Baden unmöglich. An den traumhaften Stränden werden jährlich Tausende Tonnen Müll angeschwemmt. Selbst die Müllsammler, die mit ihren Handkarren täglich auf den Straßen unterwegs sind und Papier, Plastik und Metall einsammeln, schaffen es nicht, Ordnung in das Abfallchaos zu bringen.

Von der Gesellschaft ausgestoßen, von der Politik ignoriert, bleibt ihnen nichts anderes übrig, als sich einer der mafiös organisierten Banden anzuschließen, um Geld zu verdienen. Die Verbrecherorganisationen haben die Stadt unter sich aufgeteilt und lassen Arme den Müll sammeln. Der Wertstoffhandel bringt mehr Geld als der Drogenhandel.

Jakarta ist ein Moloch. Unaufhaltsam wachsen die Wolkenkratzer in die Höhe. Unabhängig von einer wirklichen Nachfrage und oft weit entfernt davon, Erdbebenschutzrichtlinien einzuhalten. Jedes Hochhaus ist ein Kunstwerk aus Stahl und Glas. Die Häuser heizen sich so schnell auf. Im Hauptgeschäftszentrum kann man die Klimaanlagen laut surren hören.

Auch wenn die Natur immer weiter verdrängt wird, wenn immer häufiger Insektizide gegen die Moskitos gesprüht werden, von denen einige auch Malaria übertragen – die Natur erkämpft sich immer wieder kleine Räume zurück. Schon jetzt beklagen die Straßenhändler sich über Ratten, die ihnen Hühner und andere Nahrungsmittel stehlen. Katzen, die eigentlich als Wächter dienen sollen, werden selbst oft zu Opfern der Nagetiere.

220 Millionen Menschen leben in Indonesien. Mehr als 300 verschiedene ethnische Gruppen verteilen sich auf 17400 Inseln - 24 weniger als noch vor ein paar Jahren. 20 Inseln sind Raubbau und Umweltschäden zum Opfer gefallen, vier wurden vom Tsunami vor drei Jahren verschluckt. Bis 2030, so befürchten Wissenschaftler, könnten durch den Klimawandel und den damit verbundenen steigenden Meeresspiegel rund 2000 Inseln untergehen.

Der größte Teil der Bevölkerung Indonesiens lebt auf der Hauptinsel Java, auf der auch Jakarta liegt. Die Namen der Inseln wie Java, Sumatra, Bali oder Borneo lassen eher an unberührte Regenwälder und tropische Strände denken als an Urwaldabholzung, Wasserverschmutzung oder Verelendung der Bevölkerung durch Umweltverschmutzung. Und doch ist aus dem eheamligen Vorzeigeland mit einer nahezu hundertprozentigen Alphabetisierungsrate und Erfolg versprechenden Demokratisierungstendenzen ein Ort des Schreckens für Umweltaktivisten und Entwicklungshelfer geworden.

Während Java immer mehr im Smog und Müll untergeht, werden im ganzen Land jedes Jahr mehr als 2,1 Millionen Hektar Regenwald vernichtet. Vor allem die Brandrodungen auf Sumatra zeigen, dass Umweltverschmutzung nie nur auf eine Region beschränkt ist: Die Rauchwolken der Brände ziehen über die schmale Seestraße von Malacca bis in die Nachbarstaaten Malaysia und Singapur. Dort erzeugen die Abgase Atemwegsbeschwerden, legen auch mal den Flughafen von Malaysias Hauptstadt Kuala Lumpur lahm.

Aufforderungen Singapurs und Malaysias, die Brandrodungen auf Sumatra einzuschränken, werden mit dem Hinweis auf die staatliche Souveränität ignoriert. Die Einheimischen, die nicht direkt von der Holzindustrie profitieren, werden vertrieben.

Auf Borneo macht sich indes der Boom der alternativen Kraftstoffe im Westen bemerkbar. Während die Ölindustrie Indonesiens weitgehend brach liegt – das Land ist als Opec-Mitgründer von einem Erdöl exportierendem zu einem importierenden Land geworden –, verzeichnet die Palmölindustrie hohe Wachstumsraten. Mehr als fünf Millionen Hektar Regenwald wurden in den vergangenen 30 Jahren in Ölpalmplantagen umgewandelt, eine Fläche etwas größer als Niedersachsen. Der Trend setzt sich fort. Da die Nachfrage nach dem sogenannten Biokraftstoff steigt, plant die indonesische Regierung bis zu elf Millionen Hektar in Anbaugebiete für Ölpalmen umzuwandeln.

Die Firmen haben ihren Sitz vor allem in Singapur - zu weit weg, um die sozialen Auswirkungen der Rodungen zu beachten. In vielen Gebieten auf Sumatra oder Borneo leben immer noch Menschen in direkter Abhängigkeit von der Natur. SIe jagen und fischen und betreiben kleine Landwirtschaft. Ihr Lebensraum wird durch die Ölindustrie immer kleiner.

Kritik an der fehlenden Entschlossenheit der Regierung, ihr Umweltprogramm durchzusetzen, bleibt weitgehend aus. Zwar hat Indonesien auch das Kyoto-Protokoll unterschrieben, doch profitieren viele Regierungsmitglieder durch Korruption von der Umweltzerstörung. So veröffentlichte die Zeitschrift Tempo im Frühjahr eine Reportage, in der der Zusammenhang der Überflutung Jakartas mit der Zersiedlung des Umlandes beschrieben wurde – ein heikles Thema.

Zwar herrscht offiziell Pressefreiheit, doch die Praxis sieht anders aus. Ausländische Entwicklungshelfer, die in Interviews über die Fehler der Umweltpolitik sprechen, müssen Angst haben, abgeschoben zu werden. Ein Austausch zwischen den NGO und der Regierung wird dadurch verhindert, eine progressive Umweltpolitik unmöglich gemacht.

Der Stillstand zieht sich durch alle Bereiche bis in die untersten Ebenen. So scheiterte ein Projekt, bei dem Slumbewohner ihre Kerosinkocher gegen Gaskocher umtauschen sollten, vor allem am Boykott der armen Bevölkerung. Die Familien nehmen so neben der Auswirkung auf die Umwelt auch eigene gesundheitliche Schäden in Kauf. Schon jetzt gilt als häufigste unnatürliche Todesursache in Indonesien Erkrankung der Atemwege. Die Indonesier selbst bleiben bei all den Problemen ihres Landes stoisch. "That's Indonesia", sagen sie als Leitspruch: So ist Indonesien nun einmal.


„Wir essen den Wald der Orang Utans!“

Willie Smits berichtet im Gespräch mit der „Presse“ von den bedrohten Neffen.

Von Jürgen Langenbach, Die Presse, 29.11.07

Einzelne Orang Utans wird es noch in fünfzig oder hundert Jahren geben“, erklärt Willie Smits, der für diese Neffen eine Rolle spielt wie Jane Goddall für die Schimpansen, „aber Gruppen mit tausend Individuen in geschützten Urwäldern werden in zwei Jahren nicht mehr da sein.“ Dabei kennt man sie noch kaum, obwohl erste lebende Exemplare Mitte des 19.Jahrhunderts in europäische Zoos kamen, etwa in den von London. Dort sah Darwin einen und empfahl, die „Arroganz“ des Menschen aufzugeben und „seine“, des Orang Utan, „Intelligenz zu sehen“. Ähnlich empfand es Queen Victoria, allerdings graute ihr davor, „frightfull“ seien diese Wesen und „painfully and disagreeably human“.

So heißen sie auch, „Orang Utan“ übersetzt sich mit „Waldmensch“, und dass sie gar so herzig aussehen, haben sie vor zwanzig Jahren bitter gebüßt: In einer TV-Serie in Taiwan spielte ein junger Orang als Haustier mit, das brachte Nachfrage, von Familien, später auch von Bordellen. In den letzten Rückzugsgebieten – Borneo und Sumatra – begann Wilderei in großem Stil, die Mütter wurden abgeschossen, die Jungen kamen auf die Märkte, erst auf die lokalen (150 Dollar), dann auf die internationalen (15.000). Auf einem der lokalen hatte Smits – er war als Agrarexperte in Indonesien – 1991 seine erste Begegnung, er sah ein junges Weibchen, im abendlichen Müll, niemand hatte sie kaufen wollen, er päppelte sie auf.

„Keine Wälder ohne Wilderer...“

Das hat er inzwischen mit vielen Waisen getan, er jagt sie Wilderen und Händlern ab, oft unter größter Gefahr. Und er versucht mit seiner Organisation – Borneo Orang Utan Survival (BOS) –, die Jungen zu lehren, was ihre Mütter sie nicht mehr lehren können, das freie Leben. „Wir haben 600 wieder ausgewildert und derzeit tausend auf unserer Station“, berichtet der Forscher, „aber die Situation wird immer dramatischer, weil es keine Wälder ohne Wilderer und Holzdiebe mehr gibt.“ Und in den verbliebenen Wäldern kann man sie nicht einfach freilassen. Das haben andere Tierschützer versucht, sie hielten die Jungen erst in engem Kontakt mit Menschen und ließen sie dann dort frei, wo andere Orang Utans lebten. Das waren gleich zwei Sünden: Zum einen brachten die Tiere Krankheiten von Menschen mit, zum anderen brauchen Orang Utans viel Raum. Deshalb sieht man sie – wenn man sie überhaupt sieht, sie leben hoch in den Wipfeln – oft alleine, deshalb dachte man lange, sie lebten alleine, deshalb werden sie in Zoos oft alleine gehalten.

Aber sie sind gesellig. „Wenn sie einen Feigenbaum mit vielen Früchten finden, kommen sie von allen Seiten und feiern Erntedank“, berichtet Smits, der so viel beobachtet hat, dass er seine Schützlinge für intelligenter hält als Schimpansen: Sie benutzen Werkzeuge, sie erkennen sich im Spiegel – „einer hat darin auch gleich sein Geschlechtsteil betrachtet“ –, sie bauen ihre Nester mit Bedacht – flechten etwa Blätter ein, die Moskitos vergrämen –, und sie bauen, Smits ist davon überzeugt, auch mit ästhetischem Anspruch: „Ich habe oft gesehen, dass die Lage der Nester so ist, dass man beim Aufwachen einen schönen Blick hat.“ Immer öfter allerdings gibt es für die verbliebenen etwa 60.000 Individuen weniger Schönes zu sehen: Die Sägen kommen, und wenn die Bäume weg sind, werden Ölpalmplantagen angelegt.

Deren Öl beherrscht den Weltmarkt der Pflanzenöle, es ist in zahllosen Produkten – vom Shampoo bis zum Schweinefleisch –, und es wird besonders von Menschen geschätzt, die die Umwelt lieben und das Klima schützen wollen: Palmöl wird in europäischen Kraftwerken verheizt, unter Öko-Gütesiegel. „Wir essen den Wald der Orang Utans auf“, wird der sanfte Mann zum ersten Mal zornig: „Und wir verheizen ihn in Kraftwerken: Jede Tonne CO2-Ausstoß, die man mit diesem 'Biosprit' bei uns 'spart', bringt 32 Tonnen CO2-Ausstoß in Indonesien. Das sollten die europäischen Regierungen, auch die österreichische, auf der Klimakonferenz in Bali zur Sprache bringen: Orang-Utan-Schutz ist auch Klimaschutz.“

Denn die Wälder Indonesiens gehören zu den wenigen, die unaufhörlich CO2 bzw. seinen Kohlenstoff aus der Luft holen und lagern, in wachsenden Torfschichten. Werden diese Wälder gerodet – sie halten etwa 30 Prozent des CO2 –, kommt das Treibhausgas in frappanten Mengen frei, Smits rechnet es vor, am Beispiel eines winzigen Gebiets – 15.000 Hektar –, das im Urwald einen Hügel bildete, Torf schichtet sich so auf. Dann ließ irgendjemand einen Entwässerungsgraben ziehen, „nach zwei Monaten waren alle Bäume tot, Tausende, der Hügel verwandelte sich in ein Loch mit giftigem Wasser und in einen CO2-Vulkan. 100 Millionen Tonnen gingen dadurch in die Luft, das ist so viel, wie die Niederlande im Jahr emittieren.“

„...und Holzmafia“

Und wer ließ den Graben ziehen? „Holzmafia“, erklärt Smits und wird nun richtig böse: Nach seinem Urteil geht es um Holz und nur darum, die Ölplantagen sind ein nachgeschobenes Alibi, oft entstehen sie in Regionen, in denen Palmen gar nicht gedeihen. Das Urteil stützt sich auf modernste Analysemethoden: Smits hat für ganz Borneo durchgerechnet, wo was gut wächst, und er lässt von Satelliten den jeweiligen Stand illegaler Rodungen erheben. Der wird in den Niederlanden ausgewertet, zwei Tage später schaut ein Leichtflugzeug in Indonesien nach, zwei Tage später kommt die Polizei (wenn sie kommt, Korruption ist eines der großen Probleme).

Aber die Menschen brauchen doch Arbeit? Smits hat auch das durchgerechnet – die Plantagen bieten wenig Arbeit, noch dazu hoch giftige – und ein Alternativprogramm mit anderen Palmen entwickelt.

Details: www.bos-deutschland.de







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