AktuellTiger in Indien
Ikone der GroßtierweltIn Indien wird es eng für den Königstiger. Wilderer und Bevölkerungswachstum machen der Art den GarausVon Ulli Kulke, WELT-online, 5.12.07 Das waren noch Zeiten, als ein prominenter Buchautor es feiern durfte, dass "die Ausrottung des Tigers ernstlich betrieben wird und man ihn fast vernichtet hat". Bejubelt hat der Schreiber vor allem einen Landsmann: "Die Insel Cossimbazar ist durch den unerschütterlichen Muth eines Deutschen, welcher mehrere Male an einem einzigen Tage fünf von den Ungeheuern tödtete, gereinigt worden." Der so schrieb, war Alfred Brehm, Altmeister der Tierbeschreibung, eigentlich ja ein Freund der Kreatur. Doch er verriet im 19. Jahrhundert in seinem "Thierleben" sogar Tricks, wie man dem Panthera tigris tigris ans Fell gehen könnte. Ob Brehm die heutige Lage des indischen Königstigers als Erfolg buchen würde? Auf gerade mal 1300 bis 1500 Tiere schätzen indische Wildtierexperten die heutige Population der Bengaltiger, wie die Art auch genannt wird. Auch wenn die Behörden des Landes, laut Tigerzählung von 2002, offiziell noch von gut 3000 Tieren ausgehen - ihr Überleben in freier Wildbahn ist so oder so stark gefährdet, zumal das Wohngebiet der Raubkatzen zerrissen ist in viele kleine, isolierte Habitate im Osten und Süden sowie in der Mitte Indiens. Der Genpool in freier Natur wird immer enger. Valmik Thapar, Tigerexperte und Mitglied des Nationalen Wildtier-Ausschusses, sagt: "Es wäre ein Wunder, wenn der Bengaltiger gerettet würde." Belinda Wright, die in den 60er-Jahren die indische Sektion des Worldwide Fund for Nature gründete und seither für den Tiger kämpft, hält nur noch zwei Populationen im Lande für überlebensfähig. Eine bewohnt das Kanha-Reservat in Madhya Pradesh, jenen Urwald, der Rudyard Kipling einst die Fantasien für sein "Dschungelbuch" lieferte. Shir Khan, Kiplings Königstiger, getrieben von abgrundtiefem Menschenhass, könnte also noch leben. Zu Beginn des Jahrzehntes gab es noch rund 5000 Tiere in Indien und zur vorherigen Jahrhundertwende, kurz nach Brehm also, trotz aller Vernichtungsfeldzüge etwa 40 000. Es gibt keine Ikone der Großtierwelt, deren Bestand derzeit so rapide schwindet wie der des Königstigers, auch wenn er noch der weitestverbreitete seiner Art ist. Ein schwacher Trost: Seit Langem gilt, dass weit mehr Tiere in den Zoos der Welt leben und geboren werden als im Dschungel. Der Genpool der Art insgesamt ist nicht in Gefahr. Die Ursachen des heutigen Niedergangs der Raubkatze, die sogar Brehm als "herrliche, wunderschön gezeichnete und gefärbte Katze" beschreibt, haben durchaus mit dem zu tun, was in alten Zeiten das Bedürfnis nach Ausrottung gebar. Auch Thapar, der die Tiger retten will, muss eingestehen: Tiger und Menschen können nicht zusammenleben. "Wenn man keine Reservate fernab jeglicher Siedlungen findet, gibt es keinen Platz für wild lebende Tiger." Eine Aussage, die in einem Land mit 1,1 Milliarden Einwohnern, zu denen pro Jahr 15 Millionen hinzukommen, die Probleme klar benennt. Die Bevölkerungsdichte ist mit 329 Menschen pro Quadratkilometer etwa eineinhalb Mal so hoch wie in Deutschland - ungleich verteilt zwar, aber die unwirtlichsten Gebiete meidet auch der Tiger. Eine friedliche Koexistenz, wie sie europäischen Wildtiermanagern etwa mit den Braunbären vorschwebt und wie sie auch in den Abruzzen, den Pyrenäen oder Südosteuropa - mehr oder weniger - funktioniert, wäre mit Tigern undenkbar. Sie sind nicht nur bedroht, sie sind auch bedrohlich wie einst Shir Khan. Einige sind bekannt als regelrechte "man-eater" - Menschenfresser. Holzfäller, Honigsammler und andere, die im Wald zu tun haben, weigern sich, ihrer Arbeit nachzugehen, wenn von Tigern in der Nähe berichtet wird. Schätzungen belaufen sich auf bis zu 100 Menschen, die immer noch pro Jahr Tigern zum Opfer fallen. Vor allem manch älteres Tier schätzt die langsamen Zweibeiner als leichtes Opfer. Der Tierfilmer Werner Fend, der vor Jahren all dies für pure Gerüchte hielt und mit dem festen Vorsatz nach Indien fuhr, seine Sichtweise zu belegen, ließ sich vor Ort von den Anwohnern eines Besseren belehren und schilderte dies auch später so seinem Publikum. Artenschützer, die Angriffe von Tigern allein darauf zurückführen, dass Menschen ihnen den Lebensraum beschneiden, und die Raubkatzen im Verteidigungskampf sehen, können bei Brehm auch nachlesen, wie es war, als der Dschungel noch weitgehend intakt stand, als dennoch ganze Dörfer evakuiert wurden, weil die Tigerattacken überhandnahmen. Heute sind die Tiger, so beklagen Entwicklungsexperten, deshalb Ursache dafür, dass bei allfälligen Umsiedlungen für Projekte im Verkehrs-, Energie- oder Industriesektor oftmals nur noch die Slums in den Vorstädten als Ausweichquartiere infrage kommen, nicht aber Landstriche, wo die Tiger mit ihren immensen Revieren wohnen. Natürlich wird kein Tiger von staatlicher Hand getötet, nur weil er einem Infrastrukturprojekt oder einer Umsiedlung im Wege stand. Und doch sind die Nachrichten von "Problemtigern", und seien sie noch so spärlich, und die begrenzte Tigerakzeptanz in der Landbevölkerung auch ein Grund dafür, dass die Hauptursache für das Verschwinden der Tiger nur verhalten bekämpft wird: der kriminelle Abschuss durch Wilderer. Der Anreiz, Tiger zu erlegen, ist nach wie vor groß. Besonders das benachbarte China ist für Tigerprodukte noch ein lukrativer Markt: Ein Fell bringt umgerechnet etwa 3500 Euro ein, Tigerpenisse werden für 9500 Euro pro Kilo gehandelt, berichtete kürzlich der Indienkorrespondent der britischen Zeitung "Independent". Der Aberglaube, Tigerprodukte aus Knochen, Geschlechts- oder anderen Körperteilen wären etwa wundersame Potenzmittel, ist in der Volksrepublik nach wie vor weit verbreitet - wie auch die vor allem in der Haute Volaute der tibetischen Hauptstadt Lhasa verbreitete Mode, Tigerfelle zur Schau zu tragen. Belinda Wright spricht von einer "Mafia", die die Tigerteile von Indien nach China verfrachtet. Offiziell gilt der Tiger seit 1972 in Indien als geschützt. Es nutzt ihm wenig. Längst vorbei sind die Zeiten, da Tiger und Löwen sich sogar direkt die Reviere streitig machen konnten. Alfred Brehm konnte noch erleben, wie in Persien Panthera tigris und Panthera leo gleichermaßen zu Hause waren. Womöglich sind dem Löwen die Begegnungen schlecht bekommen: "Der Tiger ist nicht bloß dreist, sondern geradezu frech", schreibt Brehm. Dafür lässt er es in anderer Hinsicht ruhiger angehen als andere Großkatzen. "Die Begattung erfolgt ohne die üblichen Tatzenschläge", beobachte er, "obschon nicht gänzlich ohne Murren." Möge - im Sinne der Arterhaltung - jenes Murren noch lange durch den Dschungel schallen. » zurück |
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