AktuellChinas Umweltprobleme
Kehrseite des WachstumsVon Jan W. Brügelmann, Kölner Stadt-Anzeiger, 12.7.08Versteppung, schmutziges Wasser und saurer Regen: China leidet immer stärker unter seinen Umweltproblemen. (Grafik: Böhne) Das imposante Wachstum des vergangenen Jahrzehnts droht China buchstäblich zu ersticken. Eine in der Geschichte ob seines Tempos beispiellose Industrialisierung und Urbanisierung hat den Energiebedarf des Landes steil nach oben schießen lassen. Und Energielieferant Nummer eins ist reichlich vorhanden und mit Abstand am schmutzigsten: Kohle. Chinas Kraftwerke verfeuern jährlich mehr Kohle als Europa, die USA und Japan zusammen, die eingesetzten Filteranlagen in den Kraftwerken der neueren Generation entsprechen aber kaum den westeuropäischen Standards. Zusätzlich verschärft wird das Problem durch einen ineffizienten Energieeinsatz. Chinesische Stahlproduktion braucht 20 Prozent mehr Energieeinsatz pro Tonne als in westlichen Industrienationen, bei der Zementherstellung ist es sogar 45 Prozent mehr. Hinzu kam eine Explosion bei der Kraftfahrzeugnutzung. Der Autoverkehr ist inzwischen hauptverantwortlich für die Smogglocken über Peking, Schanghai, Chongqing oder Guangzhou. Die Feinstaubbelastung in Peking etwa lag 2006 mehr als 300 Prozent über dem Grenzwert der Europäischen Union. Eine Studie der Weltbank und des chinesischen Umweltministeriums (Sepa) bezifferte 2007 die Zahl der Menschen, die vorzeitig an einer Erkrankung der Atemwege durch Luftverschmutzung starben, auf bis zu 400 000. Flüsse als Kloaken Ähnlich prekär ist die Lage beim Wasser. Fast die Hälfte der chinesischen Bevölkerung lebt in Gegenden, wo immer tiefer gebohrt werden muss, um am Frischwasserquellen zu gelangen. Die großen Flüsse des Landes ähneln zunehmend Kloaken. Tausende Fabriken produzieren etwa entlang des Jangtse und leiten ihre Abwässer - jedes Jahr Millionen von Tonnen - in den Fluss, der nach dem Nil und dem Amazonas der längste Strom der Welt ist und 35 Prozent der chinesischen Frischwasserreserven darstellt. Hinzu kommen der Düngemittelabfluss von den Feldern, ungeklärte Fäkalien und die Abwässer von Millionen von Menschen. Die chinesische Regierung hat die Brisanz des Themas erkannt und arbeitet fieberhaft an der Lösung der Umweltprobleme. Sie hat auch keine andere Wahl, denn die Drosselung des Wachstums zugunsten der Umwelt würde der allein regierenden Kommunistischen Partei ihre Legitimation entziehen. 2004 verfügte Staatspräsident Hu Jintao die Erstellung eines grünen Bruttosozialproduktes. Von der jährlichen Wirtschaftsleistung waren dabei die Kosten abzuziehen, die von der Schädigung der Umwelt herrührten. Als dabei herauskam, dass das Wachstum statt elf nur noch sieben Prozent betrug, wurde das Projekt nach heftigen parteiinternen Querelen wieder eingestellt. Denn auch das ist ein Problem bei der Bekämpfung der Umweltverschmutzung in China: Die Kommandowirtschaft von oben nach unten funktioniert nicht mehr. Neue Umweltrichtlinien und -gesetze zu erlassen reicht nicht, wenn ihre Umsetzung in der Provinz zuweilen daran scheitert, dass die staatlichen Aufseher nicht genau genug hingucken oder sich von Fabrikdirektoren bestechen lassen, denen die Erfüllung neuer Auflagen zu teuer ist. Das Umdenken der Staatsführung besteht im Wesentlichen darin, dass jetzt Großinvestitionen wie der Bau eines neuen Industrieparks vorab auf ihre Umweltverträglichkeit untersucht werden und nicht wie zuvor erst dann eingegriffen wird, wenn der Schadensfall eingetreten ist, hebt Professor Dahe Jiang hervor, der an der Schanghaier Tongji-Universität den Lehrstuhl für Nachhaltige Entwicklung innehat, den der deutsche Bayer-Konzern gestiftet hat. Die Umweltorganisation Greenpeace findet Chinas aktuelle Umweltgesetzgebung „sehr progressiv“. Pekings Pläne für erneuerbare Energien kämen den Zielen der Umweltorganisation sehr nahe. Bei den Abgasstandards für Autos sei China den USA um mehr als zehn Jahre voraus. Nationales Ziel Vor zwei Wochen erhob Chinas Führung den Klimaschutz zum nationalen Ziel. Bis tief in die Provinzen müssen Bemühungen zur Verringerung der Treibhausgase in alle Entwicklungspläne aufgenommen werden, nach denen das Land in alter planwirtschaftlicher Tradition regiert wird. Außerdem wurde der staatlich kontrollierte Benzinpreis um 16 Prozent erhöht. Der Aktivismus hat auch damit zu tun, dass China besonders stark von den Folgen der globalen Erwärmung betroffen ist. Eine Klimastudie der Pekinger Regierung sagt Dürren im Norden und Überschwemmungen im Süden voraus. Die Getreideernte werde bis 2050 um bis zu zehn Prozent zurückgehen. Mit jedem Grad Erderwärmung, so warnen Experten, geht der Ertrag bei Weizen, Reis und Mais um zehn Prozent zurück. Die Gletscher im Himalaya, welche die großen Flüsse in China und Indien speisen, schmelzen heute viel schneller als bisher angenommen. Wenn diese Quelle versiegt und Flüsse wie der Ganges oder Jangtse in der Trockenzeit kaum noch Wasser führen, ist die Landwirtschaft bedroht. 80 Prozent des Getreides in China und 60 Prozent in Indien wachsen auf bewässerten Flächen. „Was mit dem Wasser in diesen Flüssen passiert, hat starke Auswirkungen auf die Getreideernten in beiden Ländern“, warnte Lester Brown. Der Gründer des Earth Policy Instituts in Washington sagte dann eine weltweite Verknappung der Nahrungsmittel voraus, die weit über die jüngste Krise hinausgeht. (mit dpa) » zurück |
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