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Aktuell
Keine Gibbons in China
Keine Weißhandgibbons mehr in China
Von der einst im Reich der Mitte verbreiteten Primaten-Unterart zeugt nur noch ein Fell
Von Mathias Orgeldinger, Echo-Online, 14.8.2008
China ist das Land, in dem die meisten Menschen leben – nach Indonesien ist es aber auch das Land mit der größten Vielfalt an Menschenaffen. Die enge Verwandtschaft mit Homo sapiens hat diesen Primaten allerdings wenig genutzt: Die sechs Gibbonarten wurden auf winzige Waldgebiete im Südwesten des Landes zurückgedrängt. Alle sind stark bedroht. Der Weißhandgibbon ist in China bereits ausgestorben.
Dies ist die traurige Erkenntnis einer zweiwöchigen Bestandserhebung, die im November 2007 von einem schweizerisch-chinesischen Expertenteam im Nangunhe-Naturreservat durchgeführt wurde. Der Park liegt im Südosten der Provinz Yunnan.
Die Forscher untersuchten alle Waldgebiete, in denen die Spezies in den letzten zwanzig Jahren vorkam. Fündig wurden sie nur im Museum der Parkverwaltung: Ein unvollständiges Fell ist alles, was hier vom chinesischen Weißhandgibbon übrig blieb.
„Dieser Verlust ist besonders tragisch, weil die erloschene chinesische Population als eigene Unterart (Hylobates lar yunnanensis) beschrieben wurde“, sagt der Anthropologe Thomas Geissmann, Präsident der „Gibbon Conservation Alliance“ (GCA) aus Zürich. Die Tieren seien der Jagd, der Landwirtschaft und der Zerstückelung ihres Lebensraumes zum Opfer gefallen.
Die kleinen Menschenaffen sind im Wald vergleichsweise leicht zu finden, denn ähnlich wie die Vögel verteidigen auch sie ihre Territorium mit Hilfe von lauten Rufen. Kurz nach der Morgendämmerung stimmen die Gibbons Solo- oder Duettgesänge an, die mindestens einen Kilometer weit zu hören sind.
Der Suchtrupp aus 14 Mitarbeitern der GCA, des Zoologischen Instituts von Kunming und der Parkverwaltung musste also „nur“ an strategisch günstigen Stellen Horchposten aufstellen. Dazu wurde das Untersuchungsgebiet in vier Sektoren aufgeteilt. Um ganz sicher zu gehen, wurde jeder Posten an vier aufeinanderfolgenden Tagen besetzt. Doch der Wald blieb stumm.
Das Ergebnis war absehbar. Im nahe der Grenze zu Myanmar gelegenen Sektor drei wurden Gibbons zuletzt 1981 gehört, im Nachbarsektor vier noch 1990. Die Forscher fanden nun niedrigen Sekundärwald vor, oder ausgedehnte Gummi-Plantagen. Kein idealer Lebensraum für Langarmaffen, die ein geschlossenes Kronendach und ein artenreiches Angebot an reifen Früchten und Blättern benötigen.
Sektor eins sah auf den ersten Blick besser aus: Weidende Wasserbüffel, Reste von Lagerplätzen und ein gut erhaltenes Wegenetz ließen aber erkennen, dass die Gegend wirtschaftlich genutzt wurde.
Ein Jäger aus dem benachbarten Dorf konnte sich noch an drei Gibbon-Familien mit je zwei bis drei Tieren erinnern. Die Bewohner erzählten, dass Jäger ab den 1980er Jahren leichter Schusswaffen erwerben konnten, und dass die Zahl der Gibbons seither rapide abnahm.
Alle Hoffnungen ruhten daher auf Sektor zwei. In dieser Gegend wies die Satellitenkarte dichte Bewaldung aus, und dort hatte der Parkranger Wang Zisheng im November 1992 eine Gibbongruppe singen hören. Doch auch hier lauschten die Expeditionsteilnehmer vergebens.
„Das Aussterben des chinesischen Weißhandgibbons ist ein dringendes Alarmsignal, da auch mehrere andere Menschenaffenarten Chinas vor der Ausrottung stehen“, sagt Geissmann. So sei der Weißwangen-Schopfgibbon seit den 1980er Jahren nicht mehr gesichtet worden.
Vom Cao-Vit-Schopfgibbon leben noch etwa 50 Individuen, und beim Hainan-Gibbon sind es weniger als 20. Derweil boomt die chinesische Wirtschaft. Auf Taschenlampenbatterien, die in Kunming hergestellt werden, ist ein Gibbon abgebildet. Er gilt seit über tausend Jahren als Symbol für Langlebigkeit und Ausdauer. Wie lange er diese Eigenschaften bei weltweit fortschreitendem Rückgang seines Lebensraumes aufrechterhalten kann, ist fraglich.
Die Gibbon Conservation Alliance kämpft nicht nur gegen die Zerstörung der Umwelt. Sie muss auch damit fertig werden, dass diese kleinen Menschenaffen im Schatten ihrer großen Verwandten, der Orang Utans, Gorillas, Schimpansen und Bonobos stehen. Dies betrifft sowohl die öffentliche Wahrnehmung als auch das Interesse von Wissenschaftlern und Naturschützern.
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