powered by <wdss>
Aktuell

Südschwedens Wälder

Im tiefen Wald

Kerstin Ekman und der Aufstand gegen den Industrieforst

Von Thomas Steinfeld, Süddeutsche Zeitung, 18.8.08

An der Bushaltestelle von Visseltofta, einem Dorf auf der Grenze zwischen den Provinzen Schonen und Småland in Südschweden, in einer idyllischen Landschaft in tiefen Wäldern, durch die sich Flüsse und Seen ziehen, steht eine hölzerne Anschlagtafel. Bis vor dreißig Jahren befand sich dahinter der Lebensmittelladen. Doch das Schaufenster ist längst mit einer Gardine verhängt. Die Treffen des Heimatvereins sind auf der Tafel angezeigt und die Termine des Fußballclubs, ein Rockkonzert in der Turnhalle einer Nachbargemeinde und das bebilderte Angebot, es seien junge Katzen zu verschenken. Doch es hängt dort auch der Aufruf eines niederländischen Maklers, der für eine sicherlich solvente Klientel nach Immobilien sucht: auch nach roten Holzhäusern mit weißen Eckpfosten, die auf einer Wiese an einem See oder an einem Fluss stehen, gewiss. Aber vor allem nach Waldgrundstücken in allen Größen, mit und ohne Haus.

Dieses Interesse ist neu: Die Dänen, die in diesen Wäldern in den sechziger Jahren alte Häuser in Südschweden kauften, die Deutschen, die ihnen in den achtziger und neunziger Jahren nachzogen, verfolgten keine wirtschaftlichen Absichten, sondern gestalteten ihre Freizeit. Noch immer suchen sie die Stille, die Einsamkeit, die Wiesen und Bäume. Mit dem benzingetriebenen Rasenmäher verteidigen sie ihr Land in jedem Frühjahr aufs Neue gegen den herandrängenden Wald. Es gibt in dieser Gegend Landstriche, in denen jedes zweite Haus einem Ausländer gehört, und wenn all diese Hütten und Höfe nicht längst verfault und halb im Erdreich versunken sind, so liegt es an ihnen. Die neuen Siedler jedoch verfolgen ökonomische und strategische Interessen. Sie wollen nicht die Wiese, sondern den Wald besitzen und ihn bewirtschaften lassen, in der Überzeugung, dass sein Preis nur steigen kann - und zugleich wollen sie eine Ressource erwerben, die ihnen auf Generationen hinaus ein Auskommen verspricht, fernab von steigenden Meeresspiegeln und knappen Ölvorräten. Zumindest gelegentlich werden sie daran denken, dass man auf einem solchen Hof, wenn man es nur halbwegs geschickt anstellt, auch autark leben kann. Und weil die Idee mit dem Waldbesitz gegenwärtig auch vielen wohlhabenden Schweden einleuchtet, Managern, Werbern und sogar Politikern auf dem Weg hinaus aus ihrem Beruf, haben sich die entsprechenden Grundstückspreise in Südschweden in den vergangenen zehn Jahren ungefähr verdoppelt.

Am Wochenende ist auf Deutsch ein Buch erschienen, das zu dieser Bewegung passt. Es ist eine gewaltige, einzigartige Huldigung an den Wald im Allgemeinen und den schwedischen Wald im Besonderen. Kerstin Ekmans "Der Wald" (Piper Verlag, München 2008, 24,90 Euro), über fünfhundert Seiten stark, ist eine Anstrengung in enzyklopädischem Maßstab, dem Wald in all seinen Gestalten gerecht zu werden, in seiner Geschichte und in seinen Legenden, in der Vielfalt seiner Flora und Fauna, in Erzählungen von der Jagd und von Wanderung und Verbreitung der Pflanzen, in Berichten über die Ökonomie des Kahlschlags und in der traurigen Beschwörung verschwundener Baumriesen. Das Buch gleicht einem langen Spaziergang, auf dem das Auge hierhin und dorthin schweift, die Gedanken sich an einem Behaarten Hainsims oder am Preiselbeerkompott der Kindheit entspinnen und Stella, der Spitzhund, die eine oder andere Überraschung aufstöbert, einen Birkhahn zum Beispiel oder ein Mauswiesel. Knapp hundert Essays hat Kerstin Ekman, eine der erfolgreichsten schwedischen Schriftstellerinnen, die in Roslagen, hundert Kilometer nördlich von Stockholm, einen kleinen Hof bewirtschaftet, zu dieser Gesamtdarstellung des schwedischen Waldes miteinander verbunden. Sie alle werden mit großer Ruhe vorgetragen, so als wäre die Stimmung der langen Dauer, der sechzig oder achtzig oder hundert Jahre, die zwischen dem Setzen eines jungen Baumes und dem Fällen des alten vergehen, auf das Werk selbst übergegangen.

Es steckt ein Pamphlet in dieser Huldigung, ein heftiges Plädoyer für einen Naturzustand, den es, was Kerstin Ekman sehr wohl weiß, nie gegeben hat und nie gegeben haben kann, der aber als Ort der Sehnsucht und der Furcht durchaus gegenwärtig ist. Wenn Herr Olof auf seinem Pferd im Unterholz verschwindet und eine Elfe ihn berührt, so dass er, kaum heimgekommen, niedersinkt und stirbt, wenn Selma Lagerlöf in ihrer Erzählung "Die Neujahrsnacht der Tiere" einen Probst erleben lässt, wie der Waldgeist darüber richtet, welches Tier im kommenden Jahr sterben wird, dann wird hier noch einmal die Mystik des Waldes zelebriert - weniger, um daran zu glauben, als sich zu dem Zweck, sich an ihrem dunklen Glanz zu erfreuen. Kerstin Ekman erzählt zwar auch, dass der schwedische Wald einst ganz anders aussah, als er es heute tut, dass ganz Südschweden von Eichen- und Buchenwäldern bedeckt war, dass vor ihnen Erlen und Ulmen die Landschaft beherrschten, dass die Fichte einst selten war und ihr Siegeszug erst im 19. Jahrhundert begann. Aber in welcher Gestalt der Wald dasteht, scheint ihr, den modernen Wald ausgenommen, von zweitrangiger Bedeutung zu sein. Er begeistert sie als solcher. Der romantische Wehrwald, den die Deutschen im frühen 19. Jahrhundert für ihre Phantasie erfanden, um Napoleons Truppen darin verschwinden zu lassen, so wie die römischen Legionen unter Varus einst im Teutoburger Wald untergegangen sein sollen, kehrt hier als ökologische Utopie zurück. Und wenn sie, eifriger als Carl von Linné je war, jedem Gewächs und jedem Tier seinen richtigen Namen entgegenruft, wenn in einem fort von Augentrost und rostrandigen Feuerschwämmen, von Siebensternen und Birkenzipfenfaltern die Rede ist, dann verbirgt sich darin auch die Hoffnung, die Utopie durch die Kraft der Sprache wirklich werden zu lassen.

Es ist also nicht die Sorge um das Verschwinden des Waldes, die Kerstin Ekman mit Macht ins Gehölz treibt, sondern seine Verwandlung in einen modernen Industriebetrieb - tatsächlich ist ein Drittel der europäischen Landfläche von Wald bedeckt, und seit fünfzig Jahren wächst dieser Anteil. Aber der industriell bewirtschaftete Wald ist keine Heimat mehr. Weite Flächen liegen offen da, sie sind Kahlschlägen zum Opfer gefallen. Die schweren Maschinen reißen tiefe Wunden in den Waldboden. Als im Januar 2005 der Sturm Gudrun über Südschweden zog, fielen dort 250 Millionen Bäume. Ganze Landstriche lagen flach, Tausende Waldbauern waren um ihre Existenz gebracht. Schon einmal hatte es einen solchen Sturm gegeben, rechnet Kerstin Ekman vor, im Jahr 1969. Damals aber war der Schaden nicht halb so groß gewesen. Zu jener Zeit hatte es viel mehr Mischwald gegeben, die Fichte, die schnell wächst, aber leicht herauszureißen ist und zudem in Reihen steht, durch die der Wind mit wachsender Macht hindurchtobt, beherrschte noch nicht allein die schwedischen Wälder.

Der Lauf der Dinge scheint indessen dem Widerstand gegen die industrialisierte Waldwirtschaft entgegenzuarbeiten. Im Jahr 2005 erschien ein Bericht der FAO, der mit Landwirtschaft befassten Organisation der Vereinten Nationen, die sich unter dem Titel "European Forest Sector Outlook Study" mit der Entwicklung des Waldes in den kommenden Jahrzehnten auseinandersetzt. Es ist die erste großangelegte Studie, die den Wald nicht nur als Holzlieferanten betrachtet, sondern die Gesamtheit seiner ökonomischen wie kulturellen Bedeutung in den Blick nimmt. Vor allem wird dem Wald darin entschieden eine ökologische Rechnung aufgemacht: Kahlschläge, so die Kalkulation, seien unwirtschaftlich, weil sie große Mengen Kohlendioxid freisetzten. In Schweden hat man aus diesem Bericht Konsequenzen gezogen: Der Staat fördert die Entstehung von gammalskog, "Altwald", aus dem nur noch einzelne Bäume geholt werden dürfen, er unterstützt das Anpflanzen von Mischwald und prämiert den ökologischen Anbau mit einem höheren Preis pro Kubikmeter Holz. Selbstverständlich wird der schwedische Wald auch in zwanzig oder fünfzig Jahren nicht wieder so aussehen, wie er das vor zweihundert Jahren tat. Aber es wird mehr Ähnlichkeiten geben.

Der Wald hat, ökonomisch betrachtet, eine Eigenschaft, die ihn von allen anderen Wirtschaftsgütern unterscheidet: Er wächst, indem er lagert, und indem er lagert, wächst er. Der Waldbauer hat zwanzig oder gar dreißig Jahre Zeit, seine Bäume zu schlagen, und je länger er wartet, desto größer werden sie, und wenn er auch nur halbwegs vorsichtig wirtschaftet, wächst immer mehr nach, als er schlägt.

Es gäbe Ekmans Pamphlet vom großen, tiefen Wald nicht, wenn nicht auch noch eine andere, dunkle Idee darin steckte. Wenn Kerstin Ekman davon erzählt, dass man in einem richtigen Wald keine Menschen trifft, dass man darin verschwindet wie Herr Olof und nur als tödlich Verwundeter wiederkehrt, dann geht es um mehr als ein Verlangen nach Ruhe. Wer "so viel über seinen Wald und dessen Bewohner weiß, blickt in das Dunkel und erkennt dort keine Widersacher". Es ist ein Überdruss an der Zivilisation, der sich hier ausspricht, ein Widerwille gegen alle Formen von Gemeinschaft, und das historische Wissen, die ganze Waldbildung, die Kerstin Ekman in diesem Buch anhäuft, dient am Ende den Zweck, den Weg in die Finsternis unter den großen Bäumen, in eine Welt ohne Horizont, leichten Herzens und entschlossenen Schrittes anzutreten.

In Visseltofta auf der Grenze zwischen Schonen und Småland hat sich das Bild einer alten, noch nicht industriell bewirtschafteten Landschaft übrigens über viele Kilometer erhalten. Auf einer Anhöhe steht die weiße Kirche aus dem achtzehnten Jahrhundert. Der Fluss wurde nie begradigt. Die Äcker und Wiesen sind durch Wälle aus Feldsteinen voneinander getrennt. In den Laubbäumen am Fluss haben Graureiher ihre großen, losen Nester gebaut. In diesem Frühjahr wurde sogar das Sägewerk wiedereröffnet, das viele Jahre stillgelegen hatte. Es arbeitet im privaten Auftrag und nur auf Bestellung. Sie kommen von den neuen Waldbauern.







» zurück
 

Druckversion