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Aktuell
Polnischer Urwald in Gefahr
Sägen am alten Ast
Europas letzter Urwald ist vom Einschlag bedroht
ROLAND KNAUER, Süddeutsche Zeitung, 19.8.03
Grünlich-braun schimmern die gestürzten, bemoosten Baumriesen unter dem dichten Kronendach des Bialowieza-Nationalparks im äußersten Osten Polens. Das Gewirr aus zerschmetterten Stämmen und aufrecht stehenden, uralten Eichen, die in 20Meter Höhe in einer gezackten Abbruchstelle enden, versetzt den Besucher in eine längst vergangene Zeit. So sieht also ein europäischer Urwald aus, wie er einst auch die norddeutsche Tiefebene bedeckte. Nur an der Grenze zwischen Polen und Weißrussland ist ein letzter Rest dieses ursprünglichen Waldes erhalten geblieben, in dem nicht nach Anordnung des Försters Äxte und Motorsägen Bäume fällen, sondern Blitzschlag und Sturm frei von wirtschaftlichen Interessen über das Leben der Bäume bestimmen.
Seit einem halben Jahrtausend wächst dort der Wald, ohne dass Menschen eingreifen. In einem Teil des Gebietes soll das auch in Zukunft so bleiben: 10000 Hektar des Bialowieza-Waldes sind auf polnischer Seite als Nationalpark geschützt. 52000 Hektar des einstigen königlichen Jagdgrundes auf polnischer Seite aber werden seit dem Ersten Weltkrieg behutsam bewirtschaftet. Um diesen Forst ist jetzt ein Streit entbrannt. Denn die Staatsforstverwaltung hat dort mehr als hundert Jahre alte Bäume zu schlagen begonnen – zum Teil, weil Borkenkäfer sie bedrohten, zum Teil aus wirtschaftlichen Gründen. Zwischen 1996 und 2003 hatte ein Moratorium diese älteren Bäume geschützt.
Über den Holzeinschlag ist Bogumila Jedrzejewska entsetzt. Die Biologin von der polnischen Akademie der Wissenschaften arbeitet im Bialowieza-Nationalpark. „Es sind genau diese alten Bäume, die einen Urwald von einem Wirtschaftswald unterscheiden“, so Jedrzejewska. In einem herkömmlichen Forst werden die Bäume in recht jugendlichem Alter geschlagen, da ältere Bäume anfälliger für faule Stellen oder Parasiten sind, die den Wert des Holzes mindern. Weit über 100Jahre alte Bäume gibt es im Wirtschaftswald daher selten. Ohne solches Eingreifen aber wachsen Buchen auch mit 300Jahren noch kräftig und Eichen sogar noch mit 400 Jahren.
Wie wichtig diese alten Bäume für das Ökosystem Wald sind, erläutert Wlodzimierz Jedrzejewski, der als Säugetier-Spezialist im Bialowieza-Nationalpark forscht: „Alte Eichen produzieren besonders viele Eicheln“, sagt er. Und die Eicheln sind ein wichtiger Bestandteil in der Nahrung des Wisents. Daher ist es wohl kein Zufall, dass die letzte frei lebende Herde dieses europäischen Wildrinds ausgerechnet den letzten europäischen Urwald durchstreift.
Ähnliche Zusammenhänge beobachtet auch Georg Sperber, der als Forstdirektor im Staatsforst des fränkischen Ebrach zwischen 1972 und 1998 dafür sorgte, dass viele alte Buchen erhalten blieben. Das kam dem Schwarzspecht entgegen, der bevorzugt in der oberen Etage des Waldes lebt: Er hämmert seine Höhle in mindestens elf Meter Höhe in einen Baumstamm. Hat ein Baum am Boden aber weniger als 40Zentimeter Durchmesser, ist er weiter oben zu dünn für ein Spechtloch. In vielen Wirtschaftswäldern werden Buchen jedoch schon ab diesem Durchmesser geschlagen. Dadurch wird nicht nur der Specht obdachlos: Auch andere Vögel finden keinen Nistplatz mehr, weil sie sich in den Höhlen von Schwarzspechten niederlassen, sobald diese ausgezogen sind.
Insgesamt nimmt die Bewirtschaftung unzähligen Arten den Lebensraum. Im Urwald bleibt das Totholz einfach liegen, wenn große Äste abbrechen oder Bäume sterben. Das Skelett einer toten Eiche ragt im Bialowieza-Urwald noch etliche Jahre in den Himmel. Im Wirtschaftswald dagegen bleibt allenfalls der Wurzelstock stehen. Ein bis fünf Kubikmeter Totholz pro Hektar gibt es hier, im Urwald sind es 50 bis 210Kubikmeter. „Im Totholz aber explodiert die Artenvielfalt“, sagt Georg Sperber. 12000 Tier- und 3000 Pilzarten wurden bisher im Bialowieza-Urwald nachgewiesen. Viele von ihnen sind Spezialisten wie der Hirschkäfer: Während seiner Entwicklung lebt er jahrelang in abgestorbenen Baumteilen. Diese aber müssen dick genug sein, denn dünne Äste sind verrottet, bevor der ausgewachsene Käfer herauskrabbeln kann.
Trotz des fortgesetzten Holzeinschlags stoßen die Appelle der Wissenschaftler aber auch auf offene Ohren. In den nicht geschützten 52000 Hektar des Bialowieza-Waldes lassen die Förster schon seit Jahren kleine Inseln völlig in Ruhe, sagt Czeslaw Okolow, der bis vor einem halben Jahr den Nationalpark leitete. Diese Inseln machen insgesamt 4500 Hektar aus und sollen sich langsam in Urwald verwandeln.
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