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Aktuell

Hilfe für Amur-Tiger

Hilfe für den Herrscher der Taiga

Von Carl-Albrecht von Treuenfels, Chabarowsk, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.11.2003

10. November 2003 Den 19. März werden die beiden russischen Naturwissenschaftler Sergei Sokolov und Vladimir Osadchuk vom Institut für nachhaltige Naturnutzung ihr Leben lang nicht vergessen. Bei ihrem Ausflug in das Wildschutzgebiet "Borisovskoe Plato" im ostsibirischen Primorskij-Distrikt suchten sie nach Hinweisen auf den hochgradig gefährdeten Amurleopard, von dem es keine 50 Tiere mehr in freier Wildbahn zu geben scheint. Doch statt auf Spuren der gefleckten stießen sie im Wald auf die Pfotenabdrücke der viel größeren gestreiften Raubkatze: Gleich zwei Amurtiger konnten die beiden Männer im Schnee erspüren.

Doch sie hatten nicht lange Zeit, über ihre Entdeckung nachzudenken. Sergei Sokolov war der einen Spur nur wenige Meter nachgegangen, als ein großer Tiger hinter einigen dicken Baumstämmen hervorsprang und ihn zu Boden riß. Vladimir Osadchuk, der zweite Forscher, rannte herbei, schrie und feuerte Leuchtmunition aus seiner Signalpistole über den Kopf des Tigers. Der ließ tatsächlich von seinem Opfer ab und zog sich in den Wald zurück. Sergei Sokolov wurde schwer am Bein verletzt. Sein Freund schaffte es erst am Abend, Hilfe zu dem abgelegenen Unglücksort zu holen. Gerade noch rechtzeitig, Leben und Bein zu retten, gelangte der Verletzte am folgenden Tag ins Krankenhaus.

Zwischen Pärchen geraten

Fachleute von der "Tiger-Inspektion", einer besonderen Aufsichtsbehörde, rekonstruierten das Geschehen anhand der Spuren und der Schilderung der beiden Überfallenen. Es stellte sich heraus, daß die beiden Leopardenforscher zwischen einen männlichen und einen weiblichen Tiger geraten waren, die gerade in Paarungsstimmung waren.

Der stärkere "Kater" fühlte sich augenscheinlich gestört oder gar herausgefordert, die von ihm umworbene "Katze" zu verteidigen. Diese hielt sich im Augenblick des Angriffs nur etwa 300 Meter von ihm entfernt auf. Die Tigerexperten kamen zu dem Schluß, daß sich die Tiger natürlich verhalten hätten. Da das Männchen nicht verletzt worden war, wurde es nicht als gefährlich angesehen. Es gab also keinen Grund, den Tiger als möglichen "man-eater" einzustufen und ihn womöglich abzuschießen.

Gefahr durch Tigerwaisen? Ein etwa eineinhalb Jahre altes Tigermännchen, das im Juli im Distrikt von Chabarowsk einen Mann angegriffen hatte, kam nicht ganz so glimpflich davon. Obwohl es verscheucht worden war, entschieden kurz darauf die im Distrikt für den Tigerschutz Verantwortlichen, das Tier mit dem Narkosegewehr zu betäuben und es in das Rehabilitationszentrum der Tiger-Inspektion Ost einzuliefern. Der junge Tiger, so lautete der Befund, habe - wahrscheinlich durch Wilderer - seine Mutter vorzeitig verloren und könne noch nicht selbständig genügend Beute jagen. Es bestehe daher die Gefahr, daß er sich immer wieder in Menschennähe begebe und es dann zu neuen Zwischenfällen komme.

Vor einigen Jahren noch hätten Polizisten oder Jäger im fernöstlichen Sibirien kurzen Prozeß mit einem unbotmäßigen Tiger gemacht, der den Menschen in der Taiga in die Quere gekommen wäre. Bis zu zehn der Großkatzen wurden bis Mitte der neunziger Jahre jährlich alleine als vermeintliche Menschenfresser getötet. Mehr als fünfzig Amurtiger (auch Sibirische Tiger genannt) indes fielen darüber hinaus zwischen 1990 und 1996 nach Schätzungen fernöstlicher Jagd- und Naturschutzfachleute in jedem Jahr illegalen Abschüssen und Fängen zum Opfer.

Leichtere Tigerhatz

Die Perestroika hatte zur Folge gehabt, daß die sowjetischen Naturschutzgesetze für Wald und Tiger keine Beachtung mehr fanden. Hohe Preise für Blut und alle Körperteile von Tigern im nahegelegenen China, die in der dortigen traditionellen Medizin Anwendung finden, verführten zu immer maßloserer Wilderei. Unkontrollierter Waffenbesitz und moderne Allradfahrzeuge, die aus Japan oft am Zoll vorbei importiert wurden, erleichterten die Tigerhatz.

Es drohte eine Wiederholung der Situation, wie sie 1940 geherrscht hatte. Damals war der Gesamtbestand der Amurtiger, der zu besten Zeiten wahrscheinlich im gesamten ursprünglichen Verbreitungsgebiet nie mehr als einige tausend betragen hat, im fernöstlichen Rußland auf zwanzig bis dreißig Tiere zusammengeschossen worden. Nur dank eines 1941 erlassenen Jagdverbots der Sowjetregierung konnte damals die totale Ausrottung der Art in Russisch Mandschurien ("Primorje") verhindert werden. Zur selben Zeit gab es im angrenzenden China und Korea weit mehr Sibirische Tiger. Heute ist es umgekehrt: Höchstens zwanzig werden im angrenzenden China, keine zehn mehr in Korea vermutet.

Beistand aus aller Welt

Bis 1985 hatte sich der russische Bestand auf etwa 250 Tiere erholt. Ein im Winter 1995/96 mit internationaler Unterstützung durchgeführter Zensus ergab sogar eine Populationsschätzung von 415 bis 476 Tieren. Diese schon damals von einheimischen Jägern und Naturschützern als zu optimistisch angesehene Zahl löste Alarm aus. Seitdem haben die bis zu 300 Kilogramm schweren und zweieinhalb Meter langen Tiere zunehmend Beistand aus aller Welt erfahren. Was vor fast zehn Jahren mit vereinzelten Hilfsprogrammen weniger Organisationen aus westlichen Ländern in Zusammenarbeit mit Menschen in der fernostsibirischen Region begonnen hat, ist heute als großes Netzwerk in einer "Tiger Coalition" vornehmlich in den Distrikten Chabarowsk und Primorskij tätig.

Nur noch rund 156 000 Quadratkilometer beträgt das Verbreitungsgebiet des Amurtigers. Das sind gut drei Viertel weniger als noch vor 75 Jahren. Um Panthera tigris altaica, der nördlichsten der fünf noch lebenden Unterarten des Tigers, diesen verbliebenen Lebensraum zu erhalten und dem "Herrscher der Ussuri-Taiga" dort ein sorgloses Dasein mit Perspektiven für nachfolgende Tigergenerationen zu ermöglichen, bringt ein Dutzend internationaler Naturschutzorganisationen wie der WWF (World Wide Fund for Nature), die WCS (Wildlife Conservation Society) und Organisationen, die zum Teil in den Vereinigten Staaten, in England und in Holland eigens für diesen Zweck gegründet wurden, beträchtliche Summen auf: mehr als eine Million Dollar im Jahr.

Die russische Organisation "Phoenix" koordiniert die vielfältigen Aktivitäten und hält den Kontakt zu den Behörden. Das Fernostbüro des WWF in Wladiwostok, vom russischen Naturschutzfachmann Yuri Darmann geleitet, bündelt die finanzielle wie fachliche Unterstützung vieler nationaler WWF-Stiftungen.

Antiwildererbrigaden

Zu einem wesentlichen Instrument des Tigerschutzes haben sich die Antiwildererbrigaden aus zwei bis fünf Personen entwickelt. Nachdem vor wenigen Wochen auf dem Bikinfluß, dessen Ufer auf einer Länge von mehr als 300 Kilometern noch von intakten Urwäldern aus Laub- und Nadelbäumen bewachsen sind, eine ständige Patrouille zu Wasser von Angehörigen des Ureinwohnerstammes der Udege und eine Kontrollstation für Boote eingerichtet wurden, gibt es jetzt 14 solcher mobiler Brigaden.

Diese Einsatzkommandos, die eng mit der Miliz und der Forstpolizei zusammenarbeiten, sollen die Wilderei und illegalen Holzeinschlag aufspüren und unterbinden. Denn das sind die größten Gefahren für die Tiger. Zum einen werden die Tiere selbst getötet, denn jeder ihrer Körperteile bringt auch heute noch im nahen China viel Geld ein. Diesen Schwarzmarkt zu unterbinden, helfen mittlerweile zunehmend die von den Naturschützern geschulten und mit Prämien belohnten Zollbeamten auf russischer wie auf chinesischer Seite mit.

Verhängnisvolle Wilderei der Beutetiere

Mindestens genauso schlimm wie die direkte Verfolgung ist für die Tiger die Wilderei ihrer Beutetiere. Die Großkatzen leben hauptsächlich von Wildschweinen, Rehen, Sika- und Rothirschen. Doch die fallen selbst in Schutzgebieten in immer größerer Zahl illegalen Jägern zum Opfer. Schon mehrfach sind halb verhungerte Tiger gefunden worden, und immer weniger Tigerweibchen können ihre zwei bis drei Jungen bis zur Selbständigkeit im Alter von zwei Jahren durchbringen.

Daher fürchten die Fachleute schon heute um einen gesunden Generationenaufbau bei den Ussuritigern. Eine neue Bestandszählung anhand der im Schnee festgestellten und ausgewerteten Spuren soll über den tatsächlichen Zustand der Tigerpopulation in Fernostsibirien Aufschluß geben. Da männliche Tiger im Winter ein Gebiet von 3000 bis 4000 Quadratkilometern durchstreifen, wobei sich die Reviere einzelner Tiere überschneiden können, ist die Zählmethode weder einfach noch sicher. (Die halb so großen Weibchen begnügen sich, je nach Beuteangebot, mit einigen hundert Quadratkilometern.)

Kettensägen in der Taiga

Genauso wichtig wie die Sicherheit der einzelnen Tiger vor Nachstellung durch den Menschen und genügend Beute ist die Naturbelassenheit der Jagdreviere. Der Amurtiger lebt im Wald, in der Taiga. Aber die wird zunehmend von allen Seiten mit großen Holzerntemaschinen und Kettensägen niedergemacht. Vor allem internationale, zumeist asiatische Konzerne finden hier ein reiches, durch wenige Vorschriften und kaum vorhandene Kontrolle eingeschränktes Betätigungsfeld. Daher drängen die Naturschützer die Distriktbehörden, mehr und größere Schutzgebiete für die Tiger auszuweisen.

Von den knapp 160 000 Quadratkilometern "Tigerland" stehen erst etwa zwölf Prozent unter strengem Schutz, was immer das in Fernostsibirien bedeutet, wo die Korruption eine große Rolle spielt.

Die Naturschützer geben nicht auf

In den Schutzgebieten leben zur Zeit knapp vierzig fortpflanzungsfähige weibliche Tiger. Mindestens 50 000 weitere Quadratkilometer müßten, zum Teil als zusammenhängende großflächige Schutzgebiete, zum Teil als Wälder verbindende Schutzkorridore ausgewiesen werden, um das Ziel der Tigerschützer eines Tages zu erreichen: eine freilebende Population des Amurtigers mit etwa 300 fortpflanzungsfähigen Weibchen. Heute sind es, bei optimistischer Annahme, zwischen 150 und 180 weibliche Tiere, die drei Jahre und älter sind. Von denen aber zieht wahrscheinlich nicht einmal ein Drittel alle zwei Jahre nach einer Tragzeit von dreieinhalb Monaten Junge groß. Und nur ein Bruchteil aller Tiger erreicht in der Wildbahn ihr mögliches Höchstalter von achtzehn Jahren.

Keine guten Aussichten also für den "Herrscher der Taiga", zumal zur Zeit eine große neue Autostraße von Chabarowsk entlang des Sichote-Alin-Gebirges nach Süden ans Japanische Meer gebaut wird. Dennoch geben die Naturschützer nicht auf. Trotz aller Widrigkeiten haben sie in Wladiwostok und Primorje zunehmend Unterstützung von Schulkindern. Mit "Tigertagen" und "Tigeraktionen" gewinnen die Organisationen die Kinder, Eltern und Lehrer für die Großkatzen. Und das bleibt den Politikern, die für die Gesetze zum Ausweisen der Schutzgebiete und zur Bestrafung der Wilderer und illegalen Holzfäller zuständig sind, nicht verborgen.


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