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Aktuell
Tod des skandinavischen Waldes?
Tod des skandinavischen Waldes?
C.H. Buck, Wohnung + Gesundheit (IBN) Nr. 111, Juni 2004
Schweden, Nordwegen und Finnland gehören zu den waldreichsten Ländern der Erde. Unendliche Wälder und zudem noch ohne sichtbare Waldsterbenssymptome? Einen solchen Holzvorrat wie jetzt gab es seit hundert Jahren nicht. Nie hatte der nordische Wald ein so gewaltiges Wachstum wie heute. Es wird deutlich weniger Holz eingeschlagen als nachwächst. Ein Musterbeispiel für verantwortungsvolle und nachhaltige Nutzung des Waldes?
Über die Gefährdung des tropischen Regenwaldes wird viel geredet, dabei ist davon noch die Hälfte übrig. Vom skandinavischen Wald redet keiner. Es ist eigentlich auch zu spät dazu. In Schweden gibt es fast keinen "Wald" mehr, nur noch riesige Fichten-Kiefern-Jungkulturen. Zu 85% bestehen die Forste aus Fichten und Kiefern. Leider nicht aus natürlichen Fichten und Kiefern, sondern aus gezüchteten Hochzuchtbäumen, die gewaltige Jahreszuwächse aufweisen - bei minderwertiger Holzqualität, praktisch nur als Faserholz für die Zelluloseindustrie verwendbar. Diese Industrie ist tonangebend im skandinavischen Waldbau und besitzt in Schweden schon ein Viertel aller Forstflächen.
Die skandinavischen Forste bestehen aber nicht nur aus Monokulturen unnatürlicher Baumsorten gleicher Altersstufen, sondern diese Bäume werden auch noch alle im Jugendstadium gefällt! 97% des schwedischen "Waldes" sind unnatürliche Jungholz-Monokulturen, die nie alt werden! Schweden ist ein Land ohne alte Bäume geworden. "Richtige" Bäume sieht man fast nur noch in Parks.
Ein Forst ist eine nach kurzfristigen ökonomischen Gesichtspunkten betriebene Holzplantage zum Zweck des Geldverdienens (der in der Praxis oft nicht mal erreicht wird). Der STORA-Forstindustriekonzern wirbt in Deutschland in ganzseitigen Anzeigen mit den Millionen von Bäumen, die er jedes Jahr pflanzen lässt. Dabei ist genau das der Tod des Waldes. Wenn man doch wenigstens das Aufforsten der Natur überlassen würde, aber dazu hat man in Schweden weder Geduld, noch das Vertrauen, noch das Wissen.
Nicht nur der Zustand der schwedischen Forste ist völlig anders als der eines Waldes - auch deren Entwicklung. Im Wald gibt es normalerweise keine Kahlschläge - im schwedischen Wald immer - und zwar in riesigen Ausmaßen. Ein Baum, der auf einem Kahlschlag aufwächst, ist ein völlig anderes Wesen, als wenn er im Wald groß geworden wäre. Er hat seine Hauptwachstumsphase in den ersten Jahrzehnten, ist mit 80 Jahren schon physiologisch alt und stirbt etwa mit 120. Sein Holz ist minderwertig. Der gleiche Baum im Wald wächst wegen der Konkurrenz seiner älteren Nachbarn in der Jugend nur langsam. Er hat im mittleren Alter (60 bis 120 Jahre) sein Hauptwachstum und ist mit 150 noch lange nicht alt. Er wächst selbst mit 200 Jahren noch und braucht auch mit 250 Jahren noch nicht zu sterben.
Der sog. Primärwald auf den Kahlschlägen ist eigentlich nur eine Notmaßnahme der Natur, um Lücken schnell zu schließen. Er wandelt sich später in den dauerhaften Sekundärwald um. Ein natürlicher Primärwald besteht in Skandinavien fast nur aus Lichtbaumarten wie Birke, Espe, Erle. Im Schutze dieses Waldes würden erst in den nächsten Baumgenerationen Nadelbäume heranwachsen. Der heutige skandinavische Wald ist also ein künstlicher Primärwald mit den Baumarten des Sekundärwaldes. So etwas kann gar nicht funktionieren.
Forste haben einen einschichtigen Aufbau, Wälder einen mehrstufigen. Niederschläge, vor allem Schnee, werden vom Wald aufgeschluckt und einbehalten. In den skandinavischen Wäldern lag früher der Schnee bis in den Juni hinein und ging langsam ins Grundwasser über. In den Forstkulturen bleibt der Schnee weitgehend auf der einstufigen Kronenschicht liegen. Weil er dort der prallen Sonne ausgesetzt ist, verdunstet er größtenteils, ohne überhaupt den Boden zu erreichen. Deswegen und wegen der Kahlschläge trocknet die Sonne Schweden aus. Wassermangel setzt den Zeltdruck der Bäume von normal 10 Atm auf 7 bis 8 Atm herab. Dadurch können Borkenkäfer in diesem Bäumen brüten und es kommt zu verheerendem Baumsterben.
Der unsichtbare Tod des skandinavischen Waldes führt zu immer größerer Trockenheit. Der Grundwasserspiegel ist gesunken, der Wasserstand in den Seen ist niedrig, im Winter fällt weniger Schnee. Die Niederschläge fließen oberflächlich ab oder verdunsten in der prallen Sonne gleich wieder. Überall ist der Wald in den letzten Jahrzehnten trockener geworden und viele kleinere Bäche sind versiegt.
Die schwedische Forstwissenschaft ist völlig im rein technischen Denken gefangen. Ein Umdenken beginnt jetzt zwar langsam, wird aber wohl zu spät kommen, denn die Umwandlung des Waldes in Forsten ist bereits vollzogen. Früher ließ man die Bäume alt werden, weil größere Dimensionen besser bezahlt wurden. Heute kann man durch die moderne Leimbinder- und Lamelierungstechnik jede beliebige Dimension aus schwächerem Holz herstellen.
Einzelstammnutzung, wie im naturgemäßen Waldbau, ist in Schweden auch deswegen nicht gefragt, weil nicht mehr mit der Motorsäge gearbeitet wird, sondern mit riesigen Vollerntemaschinen, sog. Prozessoren. Die Kahlschläge sehen dann aus wie Schlachtfelder. Kaum ein Quadratmeter Boden, den die gewaltigen Kettenräder nicht zerwühlt und zusammengedrückt haben. Gutes Holz gibt es in Schweden fast nur noch in größeren Mengen in den lappländischen Nationalparks. Deshalb versuchen die Holz-Multis mit allen Mitteln, da heranzukommen. Das minderwertige, schnell gewachsene Holz will niemand haben. Auf Dauer erweist sich also auch hier:
Die bessere Ökologie ist auf lange Sicht die bessere Ökonomie!
Fichtenmonokulturen lassen sich nicht einmal touristisch nutzen.
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