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Aktuell
Chinas Umweltpolitik
»China muss grüner werden«
Die Wirtschaft wächst mit atemberaubendem Tempo und ohne Rücksicht auf die
Natur. Pan Yue, Vize-Umweltminister des Landes, schlägt Alarm.
Fritz Vorholz, DIE ZEIT, 20.10.05
DIE ZEIT: Herr Vizeminister, alle Welt schaut neidisch auf das chinesische
Wirtschaftswunder. Sind auch Sie begeistert?
Pan Yue: Unser Wirtschaftswunder besteht aus vielen Superlativen, positiven
wie negativen. Die chinesische Industrie wächst rasant. Bei den
ausländischen Direktinvestitionen liegen wir auf Platz zwei. Und China ist
mittlerweile die drittgrößte Handelsnation der Erde. Aber gleichzeitig
verschmutzen wir eben unser Wasser wie kein zweites Land der Erde. Beim
Energieverbrauch liegt China auf Platz zwei. Und in punkto saurer Regen auf
Platz drei.
ZEIT: Und, wie ist Ihre Bilanz unterm Strich?
Pan: Früher habe ich voller Stolz gesagt: China ist die Werkbank der Welt.
Heute treibt mich die Sorge um, China nicht zur Müllhalde der Welt
verkommen zu lassen.
ZEIT: Welche Umweltprobleme beunruhigen Sie am meisten?
Pan: Ich habe viele Sorgen. Ein Drittel der chinesischen Städte leidet
unter starker Luftverschmutzung, auf einem Drittel der chinesischen
Landesfläche wachsen die Wüsten, und ein Drittel der ländlichen Flüsse ist
stark verschmutzt. Obendrein sind sogar 90 Prozent aller Flüsse, die Städte
durchqueren, verdreckt.
ZEIT: Die Wassernot nehmen laut einer Umfrage Ihrer Behörde die Chinesen
als größtes Umweltproblem wahr.
Pan: Ja. Wasser ist in China nicht nur schmutzig, sondern auch knapp.
Womöglich entscheidet die Wasserproblematik sogar über die Zukunft unseres
Landes - obwohl unsere traditionelle Kultur aufs Engste mit dem Wasser
verbunden ist. Eine alte chinesische Weisheit lautet: Wer sich gegen das
Wasser stellt, der stellt sich gegen das Leben.
ZEIT: Es mangelt Ihrem Land an allen möglichen natürlichen Ressourcen,
nicht nur am Wasser.
Pan: Das ist wirklich ein großes Problem. China besitzt nur neun Prozent
der weltweiten landwirtschaftlich nutzbaren Fläche, nur sechs Prozent der
Wasserressourcen und gar nur vier Prozent des Waldes. Damit ernähren wir
gegenwärtig 22 Prozent der Weltbevölkerung - und sind stolz auf diese
Leistung. Wenn es uns aber nicht gelingt, in Zukunft mit unseren knappen
Ressourcen sparsamer zu wirtschaften, bekommen nicht nur wir ein Problem,
sondern auch der Rest der Welt.
ZEIT: Welche volkswirtschaftlichen Kosten verursachen Raubbau und
Umweltverschmutzung?
Pan: Wir ermitteln das gerade. Wir wollen bei uns in China das
Sozialprodukt in Zukunft so berechnen, dass auch der Umweltverzehr, die
ökologischen Schäden, darin Eingang finden. In zehn Provinzen probieren wir
das schon aus.
ZEIT: Wie bitte? Das machen nicht einmal die Deutschen, die vermeintlichen
Öko-Weltmeister.
Pan: China muss es tun, denn bei uns haben die Umweltprobleme eine ganz
andere Dimension. Die staatliche Umweltbehörde SEPA und das Chinesische
Statistikbüro sind gerade dabei, die Kosten der Umweltverluste zu
berechnen. Nach der schon vorliegenden Berechnung der Weltbank und der
Chinesischen Akademie der Wissenschaften beläuft sich der jährliche
Umweltschaden auf 8 bis 13 Prozent des Sozialprodukts. Langfristig gesehen
werden die Umweltschäden und die Ressourcenverluste sämtliche Ergebnisse
der wirtschaftlichen Entwicklung aufheben.
ZEIT: Richtig gerechnet wächst die chinesische Wirtschaft also gar nicht?
Pan: Das rasante Wirtschaftswachstum hat uns zwar materiellen Reichtum
gebracht. Aber die Kosten sind so hoch, dass wir uns diese Art des
Wachstums mit hohem Energieverbrauch und großer Verschmutzung nicht mehr
leisten können. Wir stoßen an Grenzen - es sei denn, wir kümmern uns
schleunigst nicht nur um die Quantität, sondern auch um die Qualität des
Wachstums.
ZEIT: Sie plädieren für qualitatives Wachstum, obwohl China noch ein
Entwicklungsland ist?
Pan: Erst reich werden und dann für Sauberkeit sorgen - ich weiß, dass dies
die gängige Formel der Industrieländer ist. China mit seinen 1,3 Milliarden
Menschen kann sich das aber nicht leisten. China beherbergt zu viele
Menschen, hat zu wenig Ressourcen und ist obendrein nur mit einer äußerst
fragilen Umwelt ausgestattet. Höchstwahrscheinlich werden die Umweltschäden
die Grundlagen des Wirtschaftens zerstört haben, bevor wir reich werden
konnten.
ZEIT: Wie konnte es zu der Umweltkrise kommen?
Pan: China ist seit Tausenden von Jahren ein Agrarland. Der Kernpunkt
unserer traditionellen Kultur ist die Harmonie mit der Natur; dass wir eine
so lange Tradition haben, kommt schließlich nicht von ungefähr. Allerdings
sind wir in den vergangenen 150 Jahren unserer Geschichte oft vom Westen
gedemütigt worden - und es ist uns dadurch vor Augen geführt worden, dass
wir dem Westen unterlegen waren. Das ließ uns glauben, diese Unterlegenheit
hänge mit unserer traditionellen Kultur zusammen. Um diesen Fehler zu
korrigieren, hat China den Lebensstil und die Produktionsmuster des Westens
übernommen - inklusive des hohen Energieverbrauchs, der hohen
Umweltverschmutzung und des hohen Konsums. Wir befinden uns momentan noch
in dieser Phase, während der Westen sich längst vom ressourcenintensiven
Wirtschaften verabschiedet. Wenn wir jetzt die Wende hin zu einer grünen
Entwicklung nicht schaffen, stößt unsere Wirtschaftsweise an Grenzen. Wir
hätten dann sowohl unsere Tradition verspielt als auch die Chance,
Anschluss an die moderne Welt zu finden.
ZEIT: Aber Millionen Chinesen wollen erst noch reich werden und
beispielsweise ein Auto besitzen.
Pan: Sicher. Aber jeder weiß doch, dass das gesamte Erdöl der Welt nicht
ausreichen würde, wenn jeder zweite Chinese - so wie jeder zweite Deutsche
-Auto fahren würde. Deshalb sind alle Chinesen aufgerufen, bescheiden zu
leben. Wer sich ein Luxusauto zulegt, wer feudale Bankette schmeißt oder
überall Golf spielen will, der trägt dazu bei, dass Chinas Entwicklung
fatal endet.
ZEIT: Trotzdem wollen, wie gesagt, viele Chinesen ein Auto.
Pan: Überrascht Sie das? Wenn arme Leute die Wahl haben, entweder ein Auto
zu besitzen oder in einer intakten Umwelt zu leben, entscheiden sie sich
natürlich für das Auto. Umweltbewusstsein ist auch eine Frage der Bildung,
deshalb ist Erziehung auch eine ökologische Waffe. Gesetze und Verordnungen
allein reichen nicht.
ZEIT: Was unternimmt die Pekinger Regierung konkret, um den Umweltfrevel zu
bekämpfen?
Pan: Wir haben zum Beispiel die Umweltverträglichkeitsprüfung als Gesetz
eingeführt - und damit eine Handhabe, umweltschädliche Vorhaben zu verhindern.
ZEIT: Auch Projekte wie den umstrittenen Drei-Schluchten-Staudamm?
Pan: Auf jeden Fall hätte dieses Projekt wie auch viele andere
Wasserkraftprojekte viel stärker auf seine ökologischen Konsequenzen hin
bewertet werden müssen, wenn seinerzeit die neuen Vorschriften schon
gegolten hätten. Wir fördern erneuerbare Energien und wollen bis Ende des
Jahres ein Gesetz haben, um das Recycling zu forcieren. Dieses Gesetz wird
sich übrigens stark an dem deutschen Kreislaufwirtschaftsgesetz
orientieren; die Deutsche Gesellschaft für technische Zusammenarbeit berät
uns hier. Wir haben außerdem unser Wasser- und unser Abfallgesetz
verschärft - und unsere Sanktionsmöglichkeiten gegenüber Umweltsündern
erweitert. Früher konnten wir nur Geldbußen verhängen, jetzt können wir
auch Fabriken schließen ...
ZEIT: ... die bald darauf wieder eröffnet werden.
Pan: Das geschieht leider manchmal, weil die staatliche Umweltbehörde SEPA
keine Managementbefugnis gegenüber den Umweltbeamten auf kommunaler Ebene
hat. Dort herrscht noch zu oft der Glaube vor, allein Wachstum könne
sämtliche Probleme lösen - die politischen ebenso wie die sozialen. Ich
hoffe aber, dass wir diesen Widerstand bald brechen können. Die
Zentralregierung will uns jetzt eine Art Umweltpolizei zur Seite stellen.
ZEIT: Klingt so, als hätten es chinesische Umweltpolitiker nicht gerade leicht.
Pan: Das kann man wohl sagen. Der Umweltminister hat den schwersten Posten
in einem Land, das sich noch in der Industrialisierungsphase befindet.
Trotzdem, China muss grüner werden. Sonst handeln wir uns sogar
Sicherheitsprobleme ein.
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