Aktuell


Umweltkatastrophe in China (4)

Sonntag 27. November 2005, 09:48 Uhr

China: Behörden in Harbin geben Entwarnung

Peking (AFP) - Zwei Wochen nach dem schweren Chemieunglück im Nordosten Chinas hat der Teppich aus giftigem Benzol und Nitrobenzol auf dem Fluss Songhua die Stadt Harbin passiert. Laut Behörden gebe es keine chemischen Rückstände mehr im Wasser, meldete die amtliche Nachrichtenagentur Xinhua. Bei der jüngsten Wasseranalyse seien keine Benzol-Rückstände mehr nachweisbar gewesen. Die Werte für Nitrobenzol seien auf den nationalen Standardwert von 0,0050 Milligramm pro Liter gesunken, sagte ein Sprecher der regionalen Umweltschutzbehörde.

China entschuldigte sich bei Russland, das durch den Chemieunfall in Mitleidenschaft gezogen werden könnte: Der Songhua passiert die Grenze zu Sibirien in der Region Birobidschan. Die chinesische Regierung bedauere die möglichen Schäden, die Russland durch das Unglück zugefügt würden, sagte Außenminister Li Zhaoxing dem russischen Botschafter Sergej Rasow laut Xinhua. Li habe Rasow über die Lage in der Region und die Schadstoffwerte informiert.

Am Freitag hatte die chinesische Regierung erstmals zugegeben, dass der Fluss Songhua durch rund hundert Tonnen Benzol und Nitrobenzol verunreinigt wurde. Die Stadt Harbin war zu diesem Zeitpunkt den dritten Tag in Folge ohne fließendes Wasser. Ein 80 Kilometer langer krebserregender Giftteppich trieb langsam durch die Stadt und steuert nun auf Russland zu. Zehn Tage zuvor war in der Nachbarprovinz Jilin eine Chemiefabrik explodiert.


Sonntag 27. November 2005, 11:52 Uhr

Chinas Ministerpräsident kündigt Strafen wegen Umweltkatastrophe an

Peking (dpa) - Nach der Umweltkatastrophe in Nordostchina hat Ministerpräsident Wen Jiabao die Bestrafung der Verantwortlichen angekündigt. Indirekt kritisierte der Regierungschef bei einem Besuch in der Millionenstadt Harbin auch die Vertuschung des Chemieunfalls vor zwei Wochen durch die zuständigen Behörden.

Nach vier Tagen ohne Leitungswassers sollte am Sonntagabend die Wasserversorgung für das Stadtgebiet mit seinen vier Millionen Einwohnern wieder aufgenommen werden. Der Rest der am stärksten verschmutzten Wassermassen auf dem Fluss Songhua war zuvor an Harbin vorbeigeflossen.

Die Konzentration von Nitrobenzol sei auf den zulässigen Grenzwert gefallen, berichtete ein Sprecher des Umweltschutzamtes der Provinz Heilongjiang nach Angaben der Nachrichtenagentur Xinhua. Benzol soll gar nicht gemessen worden sein. Mehr als 1000 Arbeiter und Soldaten arbeiteten im Wasserwerk rund um die Uhr, um Wasser aufzubereiten. 1200 Tonnen Aktivkohle zur Reinigung des Wasser von Schadstoffen wurden aus anderen Provinzen herangeschafft. Weitere Transporte waren unterwegs. Das Eisenbahnministerium organisierte Frachtzüge.

Chinas Außenminister Li Zhaoxing entschuldigte sich bei einem Treffen mit Russlands Botschafter Sergej Razow in Peking in aller Form für die erwarteten Schäden der Umweltkatastrophe im fernen Osten Russlands und bot Hilfe an. Indem zwei Stauseen flussaufwärts zusätzlich Wasser abließen, versuche China, die Giftstoffe weiter zu verdünnen. Der bereits 100 Kilometer lange Giftteppich auf dem Fluss Songhua wird am 6. oder 7. Dezember in den russischen Amur fließen und vier Tage später die Grenzstadt Charabarowsk erreichen.

In Russland warnte ein Zivilschutzbeamter, je weiter sich der Giftteppich auseinander ziehe, desto länger werde die gefährliche Phase dauern. «Im schlimmsten Fall müssen wir zwei Wochen lang mit erhöhten Konzentrationen von Nitrobenzol rechnen.»

Bei seinem Besuch in Harbin, der ausdrücklich auch im Auftrag von Staats- und Parteichef Hu Jintao erfolgte, sagte Regierungschef Wen Jiabao nach Xinhua-Angaben: «Jene, die verantwortlich für die Verschmutzung des Flusses Songhua sind, müssen bestraft werden.» Nachdem die Vergiftung mehr als eine Woche lang vertuscht worden war, betonte der Ministerpräsident die Notwendigkeit, die Öffentlichkeit «rechtzeitig» mit «sachlichen Informationen» zu unterrichten.

Die schädlichen Stoffe waren nach einer Explosion am 13. November in einem Petrochemischen Betrieb in Jilin in den Fluss gelangt. Staatliche Medien hatten zwar am selben Tag von der Explosion berichtet, doch war die Wasserverschmutzung verschwiegen worden. Selbst als die Wasserversorgung in der flussaufwärts von Harbin gelegene Stadt Songyuan schon sechs Tage lang eingestellt war, wurde die Katastrophe noch vertuscht. Dort war nur von Reparaturarbeiten die Rede. Auch der große Ölkonzern China National Petroleum Corporation (CNPC), dem das Chemiewerk gehört, bestritt lange, etwas mit der Verschmutzung zu tun zu haben.


Sonntag 27. November 2005, 11:59 Uhr

WWF fordert Schadstoffreduzierung in China

Frankfurt - Die Umwelt-Organisation WWF hat China aufgefordert, die Schadstoffeinleitungen in den Songhua-Fluss zu verringern. «Die Chemie-Katastrophe zeigt nur die Spitze des Eisbergs chinesischer Umweltsünden.»

Das erklärte WWF-Süßwasserexperte Martin Geiger am Sonntag. Nach Angaben des WWF ist der Songhua auch ohne das Benzol, das vor zwei Wochen bei einem Unfall in einer Chemiefabrik austrat, einer der dreckigsten Flüsse Chinas. «Der Songhua-Fluss gleicht einer Kloake», sagte Geiger. Noch immer würden städtische und industrielle Abwässer meist ungeklärt eingeleitet. Der WWF fordert ein Maßnahmenpaket zur Reinigung des Songhua nach dem Vorbild des erfolgreichen «Aktionsprogramms Rhein», das nach der Katastrophe in der Schweizer Chemiefabrik Sandoz 1986 verabschiedet worden war.

Die chinesische Regierung habe zwar einen Fünf-Jahres-Plan zur Verringerung der Verschmutzung verabschiedet. Aber die ersten Effekte werden laut Asian Development Bank nicht vor 2015 erwartet. «Die Natur kann nicht so lange warten», betont WWF-Experte Geiger. «Solange die schnell wachsende chinesische Industrie die Sicherheitsstandards nicht einhält, hochgiftige Stoffe produziert und gefährliche Schadstoffe direkt in den Fluss einleitet, ist keine Besserung in Sicht.» Auch die Abwässer von vier Millionenstädten müssten endlich geklärt werden.


Keine Entwarnung für Mensch und Natur

WWF: China muss Schadstoffeinleitung in den Songhua Fluss massiv reduzieren

WWF Pressemitteilung, Berlin, 27.11.2005

Nach Einschätzung des WWF gibt es trotz der abnehmenden Benzol-Konzentrationen im Songhua-Fluss im Nordosten Chinas keine Entwarnung für die Natur. „Die Chemie-Katastrophe zeigt nur die Spitze des Eisbergs chinesischer Umweltsünden“, so WWF Süßwasserexperte Martin Geiger. Nach Angaben des WWF ist der Songhua auch ohne das Benzol, das vor zwei Wochen bei einem Unfall in einer Chemiefabrik in der Provinz Jilin in den Fluß gelangte, einer der dreckigsten Flüsse Chinas. „Der Songhua-Fluss gleicht einer Kloake“, so Geiger. Noch immer würden städtische und industrielle Abwässer meist ungeklärt eingeleitet. Der WWF fordert ein Maßnahmenpaket zur Reinigung des Songhua nach dem Vorbild des erfolgreichen „Aktionsprogramms Rhein“, das nach der Katastrophe in der Schweizer Chemiefabrik Sandoz 1986 verabschiedet worden war.

Die chinesische Regierung habe zwar einen Fünf-Jahres-Plan zur Verringerung der Flussverschmutzung verabschiedet. Aber die ersten Effekte werden laut Asian Development Bank nicht vor 2015 erwartet. „Die Natur kann nicht so lange warten“, betont WWF-Experte Geiger. So sei bislang zum Beispiel nur ein Teil der 25 im Einzugsgebiet des Songhua vorgesehenen Kläranlagen gebaut worden. Häufig fehle das Geld zur Umsetzung der Pläne.

„Solange die schnell wachsende chinesische Industrie die Sicherheitsstandards nicht einhält, hochgiftige Stoffe produziert und gefährliche Schadstoffe direkt in den Fluss einleitet, ist keine Besserung in Sicht“, so der WWF. Auch die Abwässer im Einzugsgebiet des Songhua - insbesondere der vier Millionenstädte Harbin, Changchun, Qiqihar, Daqing - dürften nicht weiter ungeklärt eingeleitet werden.

Die Benzol-Giftwelle schwappt nun den Songhua hinunter. Sie erreicht frühestens in acht Tagen den Amur Fluss in Russland. Russische Meteorologen gehen davon aus, dass die Grenzwerte in der russischen Stadt Khabarovsk nicht mehr überschritten werden. Aber auch der Amur-Fluß ist verseucht. Die Schadstoffe gelangen zu 60 bis 90 Prozent aus dem Songhua in den Amur. Unterhalb der Mündung des Songhua würden bereits jetzt auf rund 250 km erhöhte Konzentrationen an organischen Schadstoffen, Bakterien, Schwermetallen und sogar DDT gemessen.

Für die Bevölkerung der Region ist der stark belastete Amur die wichtigste Trinkwasserquelle. Auch der Verzehr von Fisch, einer der wichtigsten Nahrungsquellen, gefährdet die Gesundheit der Menschen. „Die jetzt ausgesprochene Empfehlung der Behörden, keinen Fisch aus dem Fluss zu verzehren, greift zu kurz. Denn der Amur und seine Fischbestände sind dauerhaft mit Schadstoffen belastet“, so WWF-Experte Geiger. Gerade in den Wintermonaten sei die Belastung hoch, weil die Schadstoffe wegen des geringeren Wasserabflusses nicht mehr verdünnt werden.

Ähnlich wie nach dem Sandoz-Chemieunfall am Rhein könne sich die Natur wahrscheinlich wieder erholen, so der WWF. Dies sei aber nur mit einem Sofortprogramm möglich. Dazu müsse, ähnlich wie im Rhein-Aktionsprogramm, zunächst eine Liste der gefährlichsten Umweltgifte zusammengestellt werden, deren Vorkommen verringert werden müsse.


Sonntag 27. November 2005, 15:23 Uhr

Chinesische Stadt Harbin wieder mit Wasser versorgt

Harbin (AFP) - Nach der schweren Benzol-Verseuchung des Flusses Songhua wird die chinesische Millionenstadt Harbin wieder mit Trinkwasser versorgt. Nach fünf Tagen Unterbrechung gaben die Behörden die normale Versorgung wieder frei, wie die Nachrichtenagentur Xinhua berichtete. Provinzgouverneur Zhang Zuoji trank demonstrativ ein Glas Wasser aus dem städtischen Versorgungsnetz.

Der 80 Kilometer lange Benzol-Teppich trieb unterdessen auf die chinesisch-russische Grenze zu. Peking entschuldigte sich in Moskau für die Verseuchung, die in einigen Tagen in Chabarowsk am Amur erwartet wird. Experten warnten vor langfristigen Gefährdungen bis zur Leukämie und Unfruchtbarkeit. Am Freitag hatte die chinesische Regierung erstmals zugegeben, dass der Fluss durch rund hundert Tonnen Benzol verunreinigt worden war. Zehn Tage zuvor war in der Nachbarprovinz Jilin eine Chemiefabrik explodiert.

"Im Namen der chinesischen Regierung entschuldige ich mich für die möglichen Schädigungen, die die russische Bevölkerung erleiden könnte", sagte der chinesische Außenminister Li Zhaoxing dem russischen Botschafter Sergej Rasow. Der Songhua passiert die Grenze zu Sibirien in der Region Birobidschan und fließt in den russischen Grenzfluss Amur. Auf der russischen Seite wurden am Wochenende keine erhöhten Benzolwerte gemessen. Es wird damit gerechnet, dass das verseuchte Wasser erst in mehreren Tagen die Grenze erreicht.

Das Benzol könne in die Nahrungskette eindringen und damit noch lange Zeit Schäden verursachen, warnte der Toxikologe Kenneth Leung von der Universität Hongkong. Die US-Umweltagentur EPA wies darauf hin, dass Benzol beim Menschen Nervenschäden, eine Schwächung des Immunsystems und Blutarmut verursachen kann. Bei länger anhaltenden Belastungen kann Benzol demnach auch Leukämie, eine Zersetzung des Rückenmarks und Unfruchtbarkeit zur Folge haben.

Nach einer Statistik des Ministeriums für Öffentliche Sicherheit in Peking kamen im vergangenen Jahr in der Volksrepublik China bei Unfällen 210.000 Menschen ums Leben, 1,75 Millionen wurden verletzt.


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