Aktuell


Benzol erreicht Russland (3)

Donnerstag 1. Dezember 2005, 11:54 Uhr

Russland bereitet sich auf Giftwelle aus China vor

Chabarowsk/Dalianhe (AP) Russland bereitet sich auf die Giftwelle aus China vor. Die Stadt Chabarowsk nahe der Grenze habe Trinkwasservorräte für zehn Tage, sagte der stellvertretende Bürgermeister Andrej Wologschanin. Die Behörden warnten jedoch am Donnerstag vor einem möglichen Zusammenbruch der Energieversorgung mitten im Winter.

Die in den Fluss Songhua gelangten Chemikalien, darunter das Krebs erregende Benzol, erreichen die 600.000-Einwohner-Stadt Chabarowsk voraussichtlich am 15. Dezember. Der Songhua fließt in den Heilong, der in Russland Amur heißt.

Eine Sprecherin des regionalen Stromunternehmens warnte vor Schäden an Kraftwerken. Für deren Betrieb lägen die Qualitätsanforderungen höher als bei Trinkwasser, sagte Natalja Prokofjewa laut der Agentur RIA-Nowosti. Schäden könnten Auswirkungen auf das Heizungsnetz in der Region haben. Viele Häuser dort werden mit Fernwärme geheizt. «Die Konsequenzen solcher Schäden auf dem Höhepunkt des Winters wären katastrophal», sagte Prokofjewa.

Der stellvertretende Bürgermeister Wologschanin sagte laut ITAR-Tass, für die Industriebetriebe gebe es Wasserreserven, um drei Tage zu überbrücken. Die Wasserversorgung werde nur bei einer sehr hohen Chemikalienkonzentration im Amur unterbrochen. Wissenschaftler entnehmen flussaufwärts täglich Proben, wie die Behörden mitteilten. Nahe der chinesischen Grenze liege die Belastung mit Benzol bereits 1,3-fach über dem Grenzwert, der noch als sicher angesehen werde. Es war aber unklar, ob dies mit dem Unglück zu tun hat, da der Armur ohnehin stark verschmutzt ist.

Ein bekannter russischer Zeitungskommentator, Georgi Bowt, kritisierte in der «Moscow Times» vom Donnerstag, die russische Regierung habe Geheimdienstberichte über die Explosion offenbar nicht zur Kenntnis genommen. China hat das Unglück erst nach zehn Tagen zugegeben. Entweder sei dies ein Rückfall in «die gute alte russische Schlamperei», oder die Regierung habe die Berichte nicht veröffentlicht, um China nicht zu verärgern. Das Land ist ein wichtiger Kunde der russischen Energiekonzerne.

Die 26.000 Einwohner der chinesischen Stadt Dalianhe, rund 250 Kilometer westlich der Millionenmetropole Harbin, waren wegen der Vergiftung am Donnerstag ohne Wasserversorgung. Mit Kannen und Eimern holten sie sich Trinkwasser von Lastwagen. Mitglieder der Kommunistischen Partei gingen von Tür zu Tür und verteilten Wasser in Flaschen, um zu zeigen, dass sich die Führung des Landes um die betroffenen Menschen kümmert.

Die Behörden erklärten, es werde mindestens drei Tage lang kein Leitungswasser geben. In der nahen Stadt Yilan wird das Wasser nach Angaben der Regierung wahrscheinlich nicht abgestellt, da die dort lebenden 110.000 Menschen über Brunnen und nicht aus dem Fluss versorgt werden.

Die Umweltkatastrophe begann am 13. November mit einer Explosion in einer Chemiefabrik. In Harbin fiel die Wasserversorgung fünf Tage lang aus.


Mittwoch 30. November 2005, 11:52 Uhr

Giftwelle fließt langsamer Richtung Russland

Harbin/Chaborowsk (AP) Die chinesische Millionenstadt Harbin hat das Schlimmste nach der Giftwelle in dem Fluss Songhua erst einmal überstanden. Die Schulen wurden am Mittwoch wieder geöffnet, tags zuvor war auch schon die fünf Tage unterbrochene Wasserversorgung wiederhergestellt worden. Der chinesische Gesundheitsminister Gao Qiang mahnte aber, das austretene Gift, darunter krebserregendes Benzol, werde noch längere Zeit ein «großes Problem» bleiben.

Der Unfall in einem Chemiewerk in Nordostchina habe gezeigt, dass dringend Notfallpläne gebraucht würden, die dann auch effektiv umgesetzt werden müssten, erklärte Gao am Mittwoch. Der 80 Kilometer lange Giftteppich hat inzwischen die Stadt Yilan erreicht und treibt weiter in Richtung Russland. Der Songhua fließt in den Fluss Heilong, der in Russland Amur heißt.

Experten des World Wide Fund for Nature mahnten, die Folgen des Chemieunglücks seien vermutlich noch länger zu spüren. Denn erst mit dem Einsetzen des Tauwetters im Frühling werde auch das jetzt im Eis des Flusses gefrorene Gift wieder frei. Und ein chinesischer Experte, Zhang Qingxiang, warnte, der Fluss könne bis zu zehn Jahre brauchen, bis das Gift ganz weggespült sei.

Am Wochenende entschuldigte sich sogar Staatspräsident Hu Jintao bei der chinesischen Öffentlichkeit und Russland für den Zwischenfall. Die russische Umweltbehörde teilte mit, China habe zugesagt für alle Umweltschäden aufzukommen, die von der Giftwelle in Russland verursacht werden.

Da die Giftwelle aber inzwischen ihr Tempo verlangsamt hat, haben die russischen Behörden nun mehr Zeit, ihre Abwehrmaßnahmen voranzutreiben. Wie das Moskauer Katastrophenschutzministerium am Mittwoch mitteilte, wird die aus hochgiftigem Benzol und anderen Chemikalien bestehende Verunreinigung voraussichtlich zwischen dem 6. und 8. Dezember den russischen Grenzort Nischneleninsk erreichen. Bei einem Tempo von 1,5 Kilometern pro Stunde werde sie zwischen dem 9. und 12. Dezember die 600.000-Einwohnerstadt Chaborowsk passieren, sagte Ministeriumssprecherin Viktoria Smolskaja.


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