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Sami-Konflikt vor Menschenrechtskommitee

Erst die UN stoppten die Forstindustrie

Sami-Rentierzüchter in Finnland schalteten Menschenrechtskomitee ein, um ihr Weideland zu retten

Von Hannes Gamillscheg, Frankfurter Rundschau, 6.12.05

Es ist nicht einfach, die modernen Waldmaschinen zu stoppen, mit denen die Forstindustrie selbst die mächtigsten Stämme in Sekundenschnelle zu fällen, entästen und zerteilen vermag. In Nellim, nahe der Baumgrenze im Norden Finnlands, bedurfte es eines Einspruchs des UN-Menschenrechtskomitees, um der Ernte ein Ende zu setzen. Proteste von Rentierzüchtern und internationalen Umweltschützern hatten den Einschlag des staatlichen Forstamts in die Urwälder am Inari-See nicht gebremst. Erst als drei Ren-Bauern die Vereinten Nationen anriefen, willigte die Behörde ein, die Holzmaschinen ruhen zu lassen, bis das Menschenrechtskomitee Antwort erhalten hat.

Die Wälder von Nellim gelten als das beste Weideland für die rund 6000 Rentiere, die in dieser Region überwintern. Nur in den unberührten Wäldern wachsen die Flechten, von denen sich das Zahmwild ernährt; der Holzabfall nach dem Fällen verdeckt das Moos, das die Rene zupfen. Daher fordert die Urbevölkerung - die Sami, die den früher gebräuchlichen Ausdruck "Lappen" ablehnen - dass eine Fläche von 27 000 Hektar Wald von der Abholzung verschont bleibt. Ein Großteil der Renherden gehört ihnen. Doch Finnland ist der Konvention, die den ursprünglichen Völkern das Recht auf ihr Land zuspricht, nicht beigetreten. Das Gesetz, das die Rentierzucht regelt, besagt nur, dass der Holzeinschlag das Weideland nicht nachhaltig schädigen darf, und Zwistfragen werden vor Gericht meist zu Gunsten des Forstamts entschieden.

Das Staatsamt hat in Lappland eben nicht nur die Interessen der Ren-Halter zu berücksichtigen; die Arbeitslosigkeit ist hoch, die Forstindustrie der wichtigste Arbeitgeber und stets hungrig nach Rohstoff. So entschied die Behörde nach längerer Denkpause im Oktober, den umstrittenen Einschlag voranzutreiben. Die Bevölkerung war in Aufruhr. Dass die Holzfäller just zu einem Zeitpunkt einfielen, als die Sami ihre Herden zur Herbst-Schlachtung zusammengetrieben hatten, machte es nicht besser.

Der Renzüchter Kalevi Paadar und seine Brüder Eero und Veijo legten Beschwerde beim lokalen Gericht ein: die Abholzung störe die Rentierhaltung und bedrohe so das Recht der Sami, ihre Kultur zu bewahren. Doch ehe die Richter dem Forstamt Einhalt gebieten wollten, forderten sie eine Kaution, die die Paadars nicht bezahlen konnten. Erst dank dem Einspruch des UN-Komitees bekamen die Sami vorerst Recht.

Typisch für finnische Behörden

So ist die Winterweide der Rentiere bei Nellim fürs Erste gesichert. Doch der Verlauf des Konflikts war typisch für den Umgang der finnischen Behörden mit der samischen Minderheit. Nur sehr zögerlich gibt man dieser die in internationalen Konventionen verbrieften Rechte. Während Norwegen und Schweden die Privilegien der Sami zumindest theoretisch anerkennen, tut sich Finnland damit schwer: Die staatliche Forstwirtschaft ist als Erwerbszweig zu wichtig, die Rentierzucht, im Unterschied zu den Nachbarländern, nicht ausschließlich den samischen Familien vorbehalten. Eine internationale Expertengruppe schlug kürzlich vor, die Land- und Wasserrechte in den von der Urbevölkerung traditionell bewohnten Gebieten in einer "Sami-Konvention" für diese festzuschreiben. Doch Finnland ist dazu noch nicht bereit.

Doch nun sorgen sich Experten und Kommentatoren um Finnlands guten Ruf. Der Streit um die Abholzung der Nellim-Wälder hat auch international Aufsehen erregt. "Hier geht es um mehr als Forstwirtschaft und Beschäftigung", schrieb die Publizistin Johanna Westman in Hufvudstadsbladet.


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