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Chinas "Grüne Mauer"

China pflanzt auf 4500 Kilometern eine "grüne Mauer"

Bäume trotzen dem Wind: 35 Millionen Hektar Wald sollen die Ausbreitung der Wüsten eindämmen - Wirtschaftswachstum schafft Umweltprobleme.

Von Alexander Freund, DIE WELT, 14.8.06

Peking - Die Warnung ist unmissverständlich: Mit Maschinenpistolen bewaffnete Polizisten sperren ab Windstärke 10 die einzige Verbindungsstraße von Ürumqi nach Turfan. Der Himmel hat sich verdunkelt, die Bäume neigen sich bedrohlich, und niemand verlässt freiwillig Haus oder Auto. Hier in den Wüsten im Nordwesten und Norden Chinas bilden sich regelmäßig jene gewaltigen Orkane, die mit Windstärke 12 und mehr über das Riesenreich hinwegfegen und eine Schneise der Verwüstung zurücklassen: Strom- und Wasserversorgung fallen aus, Hütten stürzen ein, das Telefonnetz bricht zusammen, unzählige Autos haben zerbrochene Windschutzscheiben, Lastwagen liegen im Graben.

Seit Jahrhunderten trotzen die Völker der Seidenstraße den Wüsten Taklamakan und Gobi. Doch der alte Glanz ist längst vergangen, und der wirtschaftliche Boom der Küstenregionen ist in der autonomen Provinz Xinjiang nie angekommen. Das bekommt vor allem die muslimische Minderheit der Uiguren zu spüren. Immer wieder kommt es zu schweren Unruhen, die das zweieinhalbtausend Kilometer entfernte Peking stets mit brutaler Härte niederschlägt. Es fürchtet die Abspaltung der strategisch wichtigen Provinz "Ostturkistan" und rechtfertigt sein hartes Vorgehen als Chinas Beitrag im "Krieg gegen den Terror".

Die Unzufriedenheit der Landbevölkerung, die dramatische Wasserknappheit und die Ausbreitung der Wüsten könnten mittelfristig sogar den chinesischen Aufschwung gefährden. Schon jetzt kommt es selbst in der Hauptstadt immer wieder zu Wassermangel, und schwere Sandstürmen suchen Peking heim. Rund 300 000 Tonnen Sand hat allein der letzte große Sandsturm in die 14-Millionen-Metropole geweht, die sich im Vorfeld der Olympischen Spiele 2008 sichtlich bemüht, eine Ausbreitung der Wüsten zu verhindern. Die intensive Landwirtschaft, der Kahlschlag der vergangenen Jahrzehnte und die rasante Industrialisierung haben ihre Spuren hinterlassen. Um den Wind und damit die weitere Ausweitung der Wüsten zu stoppen, werden im ganzen Land Waldgürtel angelegt. Das ehrgeizigste Projekt ist das "Drei-Norden-Schutzwald-Programm", das für sich in Anspruch nimmt, das größte Aufforstungsprojekt der Welt zu sein. Die "grüne Mauer" umfasst insgesamt 13 Provinzen und erstreckt sich über eine Länge von fast 4500 Kilometern. In knapp 80 Jahren sollen so 35 Millionen Hektar aufgeforstet werden, eine Fläche von der Größe Deutschlands. Rund 13 Millionen Hektar wurden inzwischen bereits begrünt oder regeneriert - meist mit schnell wachsenden Pappeln, denn die geben dem Boden Halt und brauchen kaum Wasser.

Allerdings musste China erst einmal aus seinen Fehlern lernen, denn zunächst ließ Peking im Zuge der Massenaufforstungskampagnen riesige Monokulturen anlegen. Doch diese oft "einklonigen" Setzlinge waren extrem anfällig für Krankheiten und Schädlinge, sodass in früheren Jahren große, bereits aufgeforstete Flächen wieder vernichtet wurden. Inzwischen setzt China - auch mit deutscher Hilfe - auf eine weniger anfällige Mischwaldbewirtschaftung.

Da die Erträge aus der Waldwirtschaft jedoch auf sich warten lassen, werden längst nicht mehr nur Schutzwälder angepflanzt, sondern auch Nutzbäume wie Obst- oder Nussbäume, um der Bevölkerung ein zusätzliches Einkommen zu ermöglichen und um die Akzeptanz für diese Aufforstungsprogramme zu erhöhen. Denn an der Notwendigkeit einer effektiven Wüstenbekämpfung besteht zumindest in Peking keinerlei Zweifel. Jedes Jahr verliert China rund 2500 Quadratkilometer, etwa die Fläche des Saarlandes, an die Wüsten. Der Lebensraum von mehr als 100 Millionen Chinesen ist bedroht.

Inzwischen haben die alarmierenden Berichte über den Raubbau an der Natur zu einem vorsichtigen Umdenken geführt: Die neue Regierung bemüht sich um eine Synthese aus Wirtschaftswachstum und Umweltschutz. Denn das chinesische Wirtschaftswunder hat zwar viele Gewinner, aber eben auch zwei große Verlierer: die arme Landbevölkerung und die Umwelt. Wenn es Peking gelingt, dass die Wirtschaft nicht länger zulasten der Umwelt wächst, und wenn die Landbevölkerung in den Aufschwung einbezogen wird, kann China doppelt profitieren und nicht nur die Wüstenbildung, sondern auch die sozialen Spannungen in den Griff bekommen.


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