AktuellWaldbrände in Russland
Waldbrände breiten sich in Russland in verheerender Regelmäßigkeit ausVon Tatjana Sinizyna, RIA Novosti, m21.11.06Die fast jedes Jahr in Russland grassierenden Waldbrände haben endlich ein Ende - dank heftigen Regenfällen und dem Frühschnee, sogar etwas früher als sonst. Vier Monate stehen nun bevor, in denen die Menschen und Wälder von den Bränden verschont bleiben. Seit März bis Mitte November wurden laut Ministerium für Naturressourcen insgesamt 25 200 Waldbrände gemeldet. Das ist 60 Prozent mehr als im Vorjahr. In manchen Jahren des zurückliegenden Jahrzehnts brachen landesweit bis zu 40 000 Waldbrände aus, die bis zu zwei Millionen Hektar (0,2 Prozent des gesamten russischen Waldbestandes) zerstörten. In vielen Staaten vernichtet aber das Feuer jährlich 0,5 Prozent des Waldbestandes. In diesem Jahr wüteten Waldbrände in Russland auf einer Fläche von insgesamt 1 874 000 Hektar. Am schwersten betroffen war der Föderale Bezirk Sibirien, dort fielen knapp 680 000 Hektar Taiga den Flammen zum Opfer. Im Föderalen Bezirk Ferner Osten brannten fast 416 000 Hektar Wald ab. Einzelne Gebiete dieser beiden Regionen wurden fast völlig dem Erdboden gleichgemacht. Diese Wucht der Naturgewalten lässt sich kaum vorstellen. Dort brannte vorwiegend Nadelholz in unbewohnten Urwaldgebieten, wo die Brände meist durch Blitzschlag entstehen. In dieser Wildnis gibt es weder Zufahrtsstraßen noch die notwendige Infrastruktur des Brandschutzes. Im asiatischen Teil Russlands werden solche Urwaldgebiete regelmäßig Opfer der Flammen. Im europäischen Teil des Landes brannten insgesamt 52 500 Hektar ab. Besonders betroffen waren nordwestliche Gebiete, wo mehr als 33 000 Hektar Wald in den Flammen aufgingen. Auch in der künstlich angelegten Nadelwaldzone im Wolga-Land entstanden immer wieder neue Brandherde. Die Spezialisten führen dies auf die kurzsichtige Bewaldungsspolitik der Sowjetunion zurück. Zu Sowjetzeiten pflanzte man massenhaft Nadelhölzer im heißen Dürreland an, ohne an die Konsequenzen zu denken. Heutzutage kann dort selbst ein kleiner Funke verheerende Folgen haben. In diesem Jahr wurden in diesen Gebieten mehr als 10 000 Hektar Wald vom Brand vernichtet. Spezialisten aus dem Ministerium für Naturressourcen führen 80 Prozent der Waldbrände auf absichtliche und unabsichtliche Brandstiftung zurück. Landesweit kämpften etwa 7 000 Feuerwehrkräfte rund um die Uhr gegen die Flammen. Im Einsatz waren 50 Flugzeuge und Hubschrauber sowie 1 700 weitere Brandbekämpfungsmaschinen. Der positive Trend im Kampf gegen die Waldbrände unterliegt keinem Zweifel. In diesem Jahr konnte die Feuerwehr dank größerer Professionalität und besserer Ausrüstung ihrer Mitarbeiter zwei Drittel der Brände binnen 24 Stunden nach Ausbruch des Feuers unter Kontrolle bringen. Auch die Erhöhung der Finanzierung spielte hier eine Rolle. Vor Beginn der Waldbrände wurden 181,5 Millionen Rubel (5,3 Millionen Euro) an Subventionen für den Brandschutz bereit gestellt. Außerdem wurden Regionen je nach Bedarf zusätzlich finanziert. In den vergangenen Jahren macht die Feuerwehr immer häufiger vom „Konzept zum Waldbrandschutz“ Gebrauch, das vom Zentrum für Ökologie und Waldproduktivität der Russischen Akademie der Wissenschaften entwickelt wurde. Das Konzept bietet grundsätzlich neue Verfahrensweisen im Kampf gegen die Flammen. Darin wird unter anderem vorgeschlagen, zwischen den Bränden zu unterscheiden, die gelöscht oder der Natur überlassen werden müssen. Dieser Ansatz ist pragmatisch und wissenschaftlich begründet. „Gegen die Brände zu kämpfen, die bereits außer Kontrolle geraten sind, ist reine Geldverschwendung – abgesehen von den Fällen, wo das Feuer Menschen oder wirtschaftliche Anlagen bedroht“, sagt Georgi Korowin, Direktor des Zentrums für Ökologie und Waldproduktivität der Russischen Akademie der Wissenschaften. Als „Fehler aus früheren Zeiten“ bezeichnet der Wissenschaftler den Ansatz, bei dem ausnahmslos alle Waldbrände gelöscht werden müssen. Die moderne Wissenschaft betrachtet den Brand als einen ständigen Faktor in der Natur, der einen natürlichen Ablauf im Ökosystem des Waldes ermöglicht. Das Feuer verbrennt Trockengras und lässt jungen Pflanzen freien Raum, es vernichtet Krankheitsherde und Schädlinge und verbessert die Lebensbedingungen wilder Tiere. Für einige Ökosysteme ist das Feuer lebensnotwendig. So öffnen viele Tannen erst in heißer Atmosphäre ihre Zapfen, um die Samen freizulassen. Laut Wissenschaftlern haben die sibirische Taiga und andere Nadelholzgebiete im asiatischen Teil Russlands ihre Entstehung eben dem Feuer zu verdanken. » zurück |
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