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NP "Great Smoky Mountain"

Archivare des Lebens

Von Hubertus Breuer, DIE ZEIT, 3.6.07

Der amerikanische Nationalpark in den Great Smoky Mountains ist der einzige Ort der Welt, an dem wagemutige Artenkundler versuchen, alle Lebewesen zu katalogisieren Ian Stocks kämpft unwirsch gegen die Kälte der frühen Morgenstunde. In der rechten Hand eine Kaffeetasse mit Schutzdeckel, die Linke ums Lenkrad geballt, rumpelt er mit seinem Geländewagen einen alten Holzfällerpfad bergauf - mitten in den Great Smoky Mountains, einem Nationalpark im Südosten der Vereinigten Staaten. Der angekündigte blaue Himmel schimmert nur spärlich durch Frühnebelschwaden, die dem Gebirgszug seinen Namen gaben. Die Vögel schweigen spätherbstlich, und die Bären, die sich derzeit ihren Winterspeck anfressen, fläzen wohl noch in ihren Kuhlen.

Für derlei Müßiggang hat der vierschrötige Stocks keine Zeit. Er muss im Wald Dutzende von Tierfallen abernten. Stocks ist Insektenforscher. "Die Fallen finden sich an schwer zugänglichen Stellen, damit uns keine Touristen in die Quere kommen", sagt er, während er tapfer Kurs hält und seinen Muntermacher schlürft. "Die Bären machen schon genügend Ärger. Die trinken den Alkohol aus den Fanggeräten."

Der Landrover kommt abrupt zum Stehen. Stocks deutet den Hang hinauf. Dort, inmitten eines blattleeren Ästegewirrs von Buchen, Hickorys und Gelbbirken, schwebt ein aus einem Dutzend Trichtern zusammengesetzter Zylinder. "Damit fangen wir Kleingetier, das in den Baumkronen haust."

In den Smoky Mountains gehen Artenkundler wie Stocks einem beinahe wahnwitzigen, auf der Welt einzigartigen Unternehmen nach. Sie wollen jede einzelne Spezies in dem über 2000 Quadratkilometer großen Naturschutzreservat katalogisieren - Fauna und Flora komplett, vom wilden Truthahn über den Weihnachtsfarn bis hin zu Algen, die nur unter dem Mikroskop erkennbar sind. Der Name des Großprojekts: All Taxa Biodiversity Inventory, kurz ATBI.

"Es ist lächerlich, dass wir einen Naturschutzpark verwalten, ohne zu wissen, wer seine Bewohner sind", sagt Chuck Parker, Wasserbiologe im Great Smoky Mountains Park. Auf seinem Schreibtisch stehen Dutzende Gläser mit in Alkohol eingelegten Köcherfliegen, deren Weibchen ihre Eier in Bächen ablegen. Darunter eine neue Art, die dem Forscher erst kürzlich am Sams Creek in eine Falle schwirrte: Neophylax kolodskii. Rund 10 000 Tier- und Pflanzenarten in dem Naturschutzgebiet kennen die Fachleute. Sie gehen davon aus, dass sich an die 90 000 weitere im Gebüsch verstecken.

Der Artenreichtum in dem Reservat kommt nicht von ungefähr. Die Smoky Mountains bilden das in North Carolina und Tennessee auslaufende Südende der Appalachen, jenes Mittelgebirges im Osten Nordamerikas, das sich von Alabama bis nach Neufundland erstreckt. Es entstand vor 290 Millionen Jahren und blieb von der letzten großen Eiszeit verschont - die Gletscher, die wenige hundert Kilometer nördlich zum Stillstand kamen, trieben etliche Tiere vor sich her, die in den nebelverhangenen Bergen ihre neue Heimat fanden. Die Biotope reichen von Senken, in die kaum ein Lichtstrahl reicht, bis zu windigen, baumlosen Gipfeln: einer der vielfältigsten Flecken in den gemäßigten Klimazonen der Welt. "In Nordeuropa gibt es 60 Baumarten", sagt Parker, "in unserem Park finden sich allein 130."

Weltweit sind rund 1,75 Millionen Spezies bekannt. Tatsächlich aber gibt es vermutlich irgendwo zwischen 2 und 100 Millionen Arten. Der einzige Weg, den Spekulationen ein Ende zu bereiten, führt über simples, jedoch mühsames Nachzählen, Art für Art. Deshalb haben systematische Biologen in den Smoky Mountains die Kärrnerarbeit begonnen, alles Leben zu katalogisieren. "Es ist mühsam", sagt Parker, "es kostet viel Geld, es dauert Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte - aber sonst bliebe es schlicht ungetan."

Obwohl die Pioniere einzigartig dastehen, können sie nicht für sich beanspruchen, die Ersten zu sein. Vor fünf Jahren versuchte der Ökologe Daniel Janzen von der University of Pennsylvania bereits, diese Herkulesaufgabe anzugehen. In Guanacaste, einem tropischen Regenwaldgebiet im Nordwesten Costa Ricas, wo er seit Jahren Schmetterlingen nachstellte, wollte er jede einzelne Spezies zählen. 22 Millionen Dollar trieb er für das Projekt von Weltbank und Umweltschutzorganisationen ein: "Es war fast zu schön, um wahr zu sein. Wir hatten begeisterte Taxonomen, die Infrastruktur vor Ort - und das Geld."

Doch Costa Ricas Behörden, auf deren Konten die stolze Summe geflossen war, machten Janzen einen Strich durch die Rechnung. Kurz bevor der Plan umgesetzt wurde, entschieden sie, öffentliches Wohl rangiere vor dem Interesse einiger weniger Wissenschaftler. Das Geld hilft nun, Lehrpfade im Dschungel zu bauen, bestehende Sammlungen zu pflegen und Feldbiologen auszubilden. Aus der Traum.

Volkszählung bei Stechmücken

Irgendwann 1997 saßen Chuck Parker, sein Kollege Keith Langdon und andere Taxonomen in den Great Smokies beim Mittagessen und diskutierten Janzens Projekt. Was in den Tropen als Irrsinn erschien, war vor der eigenen Haustür immer noch kühn, aber erheblich leichter zu bewerkstelligen. Ihr Gebiet liegt verkehrsgünstig, der Artenreichtum ist beeindruckend, wenn auch nur halb so groß wie in Guanacaste. Schließlich lehren Taxonomen ringsum an den Universitäten North Carolinas und Tennessees. Mit einem Startkapital von 150 000 Dollar, gestiftet vom Verein der Freunde der Smokies, fiel zwei Jahre später der Startschuss.

An erster Stelle stand für die Artenkundler naturgemäß, möglichst viele Arten zu sammeln. Strategisch legten sie deshalb neunzehn mit Seilen abgesperrte Karrees an. Vom Grasland bis zum Berggipfel deckten sie die mannigfaltigen Vegetationszonen des Naturparks ab. Reptilien, Amphibien und vor allem Insekten landen dort in den Fallen. Experten wie Ian Stocks und ehrenamtliche Mitarbeiter sammeln die Beute alle zwei Wochen ein. Das Pflanzeninventar scheint fast komplett, doch Botaniker steigen noch immer in entlegenste Winkel, in der stillen Hoffnung, über einen unbekannten Farn oder ein neues Moos für ihre Herbarien zu stolpern.

Die Routinearbeiten werden mehrmals im Jahr von so genannten Bioblitze unterbrochen, etwas unglücklich nach den deutschen Feldzügen des Zweiten Weltkriegs benannt. Innerhalb von 24 Stunden versuchen Pilzkenner, Insektenforscher oder Reptilienexperten, möglichst viele Exemplare zu erhaschen. Lepidopteristen beginnen erst bei Einbruch der Dämmerung mit ihrer Jagd. Sie richten Lichtkegel aus dem Unterholz gen Himmel, um die Objekte ihrer Begierde anzulocken: Mottenschwärme. Dabei entdecken die Spezialisten unweigerlich neue Arten - im Sommer 2000 tauchten an einem einzigen Bioblitztag 25 zuvor völlig unbekannte Kleinschmetterlinge auf. Doch die Tiere einzufangen ist nur die halbe Miete. Die Experten müssen jedes Exemplar bestimmen. Finden sie Tausende von Stechmücken, so werden die fein säuberlich gezählt, um die Populationsdichte zu ermitteln. Nur so gewinnen die Taxonomen ein hochauflösendes Panorama der Biodiversität.

Stocks stapft durch das Laub zu einer Art Nylonzelt. Insekten krabbeln das Netz hoch und fallen durch eine groschengroße Öffnung in ein Alkoholgefäß. An die hundert Tiere treiben in dem Behälter: Leucht- und Rüsselkäfer, Eintagsfliegen, eine Trichternetzspinne, zwei Hundertfüßler. "Im Sommer", erzählt der Entomologe, "schwimmen da nicht selten 30 000 bis 40 000 Insekten drin. Wenn ich ein solches Glas nur vorsortiere, brauche ich zehn Stunden."

In einem Holzverschlag neben der Parkverwaltung stehen die ungeöffneten Beutegläser des Sommers auf zwei Regalen. Sie warten seit Wochen darauf, in ein Sortierzentrum in der Nähe zu wandern. Dort wird ein Taxonom die Tiere der Größe nach filtern und dann nach Familien trennen. Später gehen sie, frisch abgefüllt, in die Post an einen führenden Spezialisten, etwa für Bienen oder Käfer. Der ordnet das Kleingetier erneut, um es an Gattungsexperten weiterzureichen. Erst dann kommt ein jedes Insekt zu seinem verdienten Namen.

Das dauert - und hat seinen stolzen Preis. Zwischen 25 und 30 Millionen Dollar soll die Inventur kosten. Schließlich wollen die Projekt-angestellten, etliche Wissenschaftler, Biolabors, Pflanzen- und Tiersammlungen, die Konferenzen und die Öffentlichkeitsarbeit bezahlt sein. Dieses Jahr verfügt das Projekt über magere 300 000 Dollar - mit solchen Beträgen könnten Stocks, Parker und die anderen Beteiligten die Inventarisierung nicht vor ihrer Pensionierung zu Ende bringen. Auf keinen Fall innerhalb der 15 Jahre, von denen offiziell die Rede ist. Die Parkverwaltung hat inzwischen eigens eine Fundraiserin angestellt. Die von Berufs wegen umtriebige Emily Jones strahlt Zweckoptimismus aus: "Nächstes Jahr sollten wir schon über ein Budget von einer halben Million verfügen, in fünf Jahren über eine volle Million."

Das leidige Geld ist nicht die einzige Herausforderung, der sich die Leiter des Projekts gegenübersehen. Die Taxonomen selbst stehen längst auf der roten Liste bedrohter Arten. In den Vereinigten Staaten gibt es höchstens zehn Sachkundige, die Ameisen mit treffsicherem Blick identifizieren können; geschulte Augen für Kakerlaken noch weniger. "Was Hundertfüßlerexperten angeht", klagt Stocks mit Blick in seinen Behälter, "besteht Fehlanzeige."

Doch selbst wenn die Forscher eines Tages jede Eintagsfliege, jede Ameise, jeden Vogel, jeden Strauch aufgelistet haben sollten, bildet der Katalog doch nur einen winzig kleinen Referenzpunkt auf der Weltkarte der Biodiversität. Das gigantomanische Projekt, den globalen Artenatlas zu erstellen, hat sich eine andere Initiative in den Vereinigten Staaten auf ihre Fahnen geschrieben: die vor einem Jahr in San Francisco gegründete All Species Foundation. Innerhalb nur einer Generation will die Organisation alle Arten weltweit zählen - mit einem geschätzten Aufwand von 25 Milliarden Dollar.

Die Idee kam, wen wundert's, einem große Visionen gewohnten Kind der New Economy: Kevin Kelly, Mitbegründer des Magazins Wired und Geschäftsmann, will nicht nur die Tiere in den Smokies gezählt sehen. Ihn lockt die Artenvielfalt der arktischen Tundra ebenso wie die der Strände Hawaiis oder der Kohlengruben in Polen. Den Anspruch begründet Kelly mit verschmitztem Lächeln: "Es gibt keinen Index allen Lebens. Doch wenn wir auf einem anderen Planeten landen würden, wäre das das Erste, worum wir uns kümmern würden."

Der "All-Arten-Stiftung" fehlt jedoch das Geld. Die Stiftung verfügt über eine Million Dollar, überwiesen von einem passionierten Taxonomen. Wie beim Human Genome Project wird wohl einige Zeit verstreichen, bis das Unternehmen in Fahrt kommt. Bis dahin darf sich die Initiative zumindest gewichtiger Fürsprecher erfreuen. Der Nestor der Biodiversität, Edward O. Wilson, wirbt bereits lautstark: "Diese Karte wird die Grundlage der Enzyklopädie des Lebens sein, auf deren Basis alle Biologie beruht."

Ganz Kind des Internet-Booms, hofft Kelly, das Netz werde sich zum treibenden Motor für den globalen Katalog entwickeln. Wenn etwa ein Hobbyentomologe im Urwald von Mosambik, mit Laptop und Satellitentelefon ausgestattet, einen bunt gescheckten Käfer identifizieren will, könnte ihm eine Art Bioscanner helfen, der äußere Eigenschaften erkennt und womöglich auch simple Gentests durchführt. Mithilfe einer Online-Datenbank ließe sich das Insekt dann zumindest grob einordnen.

Vorerst wäre Kelly schon zufrieden, wenn er sich auf einen geografisch eng begrenzten Raum konzentrieren könnte: "Als erstes Testprojekt stelle ich mir vor, alle Lebewesen auf und in einem Menschen zu katalogisieren - mit all seinen Pilzen, Milben oder Bandwürmern." Sollte sich niemand zur Totalinventur bereit finden, wäre Kelly auch mit der Kartografierung einer Hausratte zufrieden.

Systematische Biologen wie Parker oder Stocks rümpfen skeptisch die Nase, hören sie von den Bemühungen, künftig Lebewesen über das Internet zu identifizieren. Schließlich haben sie über Jahre hinweg die Klassifikation von der Pike auf gelernt, gebeugt über nach Kampfer muffelnden Insektenkästen. Auch künftig möchten sie die Arten recht altmodisch mit dem richtigen Namensetikett versehen: anhand körperlicher Kriterien mit Kennerblick. Weil die Jäger des unbekannten Artenschatzes aber letztlich alle an einem Strang ziehen, kommt ihnen keine harsche Kritik über die Lippen.

Die Inventur hilft dabei nicht nur dem Naturschutz. Sie führt auch auf die Spur neuartiger Wirkstoffe. So gäbe es keine Polymerase-Kettenreaktion, mit deren Hilfe Labors weltweit Genmaterial vervielfältigen, wenn Forscher diese Enzyme nicht vor Jahren in einem Bakterium im Yellowstone Park entdeckt hätten. Außerdem könnte man mit dem Verzeichnis des Lebens eines Tages auch das Räderwerk ökologischer Systeme besser verstehen. So erstellen Ornithologen in den Smokies Karten, die zeigen, wie sich die Ozonbelastung in Höhenlagen auf die Verbreitung seltener Vögel auswirkt.

Am Ende seiner Tagestour stattet Stocks noch dem mit 2025 Metern höchsten Berg der Smokies einen Besuch ab: Clingmans Dome. Auf dem Gipfel stehen Abertausende abgestorbener Nadelbäume - die Fichtenlaus, ein Import aus Europa, hat sie auf dem Gewissen. Während der Entomologe einen schmalen Pfad hinaufstapft, erblickt er am Boden eine Skorpionfliege, die schwerfällig zwischen ein paar Steinen und vergilbten Gräsern brummt. Stocks, ein wenig außer Atem, beugt sich über das Tier: "Manchmal wünschte ich, ich würde auf die Größe einer Stubenfliege schrumpfen. Dann sähe ich die Welt der Insekten noch viel genauer."



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