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Tiere in Tschernobyl

Freitag 8. Juni 2007, 08:05 Uhr

Die wilden Tiere kehren nach Tschernobyl zurück

Parischew/Ukraine (AP) Wölfe, Füchse, Schlangen und jede Menge Hasen zählt Maria Urupa vor ihrem Haus - mitten in der radioaktiv verseuchten Zone von Tschernobyl. Zwei Jahrzehnte nach der verheerenden Reaktorkatastrophe in der Ukraine seien die Tiere zurück, berichtet die 73-Jährige, die sich wie rund 350 Nachbarn der Evakuierungsorder der Behörden widersetzt hat. Für die alte Frau ist die Rückkehr der wilden Tiere in das verstrahlte Gebiet eine Bedrohung, für die Wissenschaft ein weitgehend ungelöstes Rätsel.

Nach der Explosion von Reaktorblock 4 im April 1986, bei der hunderttausende Tonnen radioaktiven Materials in die Luft geschleudert wurden, gingen viele davon aus, dass die Gegend um Tschernobyl auf lange Zeit eine tote Region bleiben würde. Inzwischen wuchert dichter Wald. Anwohner, Besucher und Biologen haben dort Tiere erspäht, die sonst in weiten Teilen Europas kaum noch zu finden sind. Neben Wölfen, Füchsen oder Rehen haben sich auch Elche oder Luchse in der Zone angesiedelt, in der die Radioaktivität nach UN-Untersuchungen noch immer um das Zehn- bis Hundertfache erhöht ist. Einige Vögel nisten sogar im brüchigen Sarkophag über dem Unglücksreaktor.

Über die Folgen für die Tiere streiten sich die Forscher. Während einige Wissenschaftler nach dem nahezu vollständigen Wegzug der Menschen ein sicheres Rückzugsgebiet für wilde Tiere im Umkreis von Tschernobyl ausmachen, warnen andere vor dem Schluss, die Ansiedlung sei dauerhaft. Die Tiere litten an Missbildungen, und ihre Gesundheit sei derart beeinträchtigt, dass ihr Überleben in Tschernobyl keineswegs gesichert sei.

Der Biologe Robert Baker von der Technischen Hochschule Texas zählt zu jenen, die das verlassene Gebiet um das Atomkraftwerk als Zufluchtsort für wilde Tiere beschrieben haben. Die Mäuse und andere Nagetiere, die Baker seit Anfang der 90er Jahre untersuchte, zeigten seinen Berichten zufolge eine erstaunliche Fähigkeit, sich der Radioaktivität anzupassen. Schon vor elf Jahren schrieb Baker im «Journal of Mammology», der Super-GAU von Tschernobyl habe weder die Vielfalt noch den Umfang der Nagetierbestände beeinträchtigt. Selbst in den am stärksten radioaktiv belasteten Lebensräumen gebe es ein «dynamisches Ökosystem».

Zwar hätten Gentests ergeben, dass die Tiere nicht frei von Schäden an ihrer Erbsubstanz seien, räumten Baker und Kollegen ein. Insgesamt seien die Bestände jedoch nicht belastet. Nach der Reaktorkatastrophe biete Tschernobyl unter dem Strich ein besseres Umfeld für die Tiere, sagte Baker im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AP.

Ein ganz anderes Bild zeichnet der Biologe Timothy Mousseau von der Universität South Carolina. Die Tiere kämen zwar nach Tschernobyl zurück, hätten aber Schwierigkeiten zu überleben, ist seine Überzeugung. Bei einem großen Teil der von ihm untersuchten Rauchschwalben fand Mousseau Krankheiten und genetische Schäden. In den am stärksten verstrahlten Bereichen seien die Überlebensraten deutlich geringer.

Bei rund einem Drittel von etwa 250 Jungvögeln stellten Mousseau und seine Kollegen verformte Schnäbel, Albinogefieder, verbogene Schwanzfedern oder andere Missbildungen fest. In einem Bericht in der Zeitschrift «Biology Letters» im März wiesen die Forscher auf elf seltene Missbildungen hin, die ihnen bei den Schwalben von Tschernobyl aufgefallen waren.

Die Ergebnisse deuteten darauf hin, dass die verstrahlte Zone als Rückzugsgebiet dient, in dem die Tiere aber schnell wieder aussterben, erklärte Mousseau. «Bei jedem Stein, den wir umdrehen, stoßen wir auf die Folgen der Katastrophe», sagte der Biologe der AP. «Bei den Berichten, dass die Tierbestände in der Region aufblühen, handelt es sich um einzelne Beobachtungen. Sie haben keine wissenschaftliche Grundlage.» Mousseau und Baker werfen sich gegenseitig schlampige Arbeit vor.

Während sich die Experten streiten, ärgert sich Maria Urupa über die Wölfe, die ihre Hunde reißen, und die Wildschweine, die durch den Garten trampeln. Vor der Strahlung hingegen habe sie keine Angst, sagt sie. Wie seit eh und je erntet sie Tomaten im eigenen Garten und kauft Fisch aus dem in der Nähe vorbeifließenden Fluss Pripjat.


Der "sechste Sinn" der Trauerschnäpper

Tschernobyl: Bestimmte Vogelarten meiden besonders verstrahlte Plätze

Von Frank Ufen, Wiener Zeitung, 7.6.07

Marne. Können Tiere radioaktive Strahlung wahrnehmen? Neue Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass die Evolution zumindest einige Vogelarten mit dieser Fähigkeit ausgerüstet hat. Zu diesem Befund sind kürzlich die Biologen Anders Møller (Pierre und Marie Curie-Universität in Paris) und Tim Mousseau (Universität South Carolina) gelangt. Sie berichten darüber im Wissenschaftsjournal "Proceedings of the Royal Society, B: Biological Sciences".

Tests im "Roten Wald"

Die Forscher haben ihre Untersuchungen in einem 250 Hektar großen Waldgebiet in unmittelbarer Nähe des havarierten Atomreaktors von Tschernobyl durchgeführt. Dieses Gebiet wird der "Rote Wald" genannt, weil er 1986 derart stark verstrahlt worden war, dass sich sämtliche Bäume innerhalb kürzester Zeit rot verfärbten und bald darauf abstarben. Mittlerweile ist der Wald wieder aufgeforstet und erweckt heute den Eindruck, sich völlig regeneriert zu haben. Doch er ist immer noch radioaktiv verseucht, wobei allerdings das Ausmaß der Verstrahlung beträchtlich variiert.

Um herauszufinden, wie sich die unterschiedliche Intensität der Hintergrundstrahlung auf die Vogelwelt auswirkt, haben Møller und Mousseau 232 Nistkästen im "Roten Wald" aufgestellt und danach das Nestbau-Verhalten der Kohlmeisen und Trauerschnäpper beobachtet. Das verblüffende Ergebnis: Die Vögel beider Arten machten einen weiten Bogen um die am stärksten verstrahlten Nistplätze – wobei die Trauerschnäpper eine weitaus geringere Strahlenbelastung in Kauf zu nehmen bereit waren als die Kohlmeisen.

Wie die Vögel es schaffen, die strahlungsärmsten Orte aufzuspüren, ist ein Rätsel. Dass sie gar nicht auf Radioaktivität reagieren, sondern nur auf bestimmte Symptome oder ihre direkten und indirekten Folgen, schließen die Wissenschaftler aber aus. Denn obwohl die Radioaktivität im "Roten Wald" stellenweise um bis zu 2000 Mal intensiver ist als die natürliche Hintergrundstrahlung, weisen keinerlei äußerliche Kennzeichen darauf hin.

Es trifft auch nicht zu, dass sich die Vögel kurzerhand dort zum Brüten niederließen, wo sie das beste Futterangebot und die besten Lebensbedingungen für ihren Nachwuchs erwarteten. Denn sämtliche Nistkästen standen in ähnlichen Umgebungen und unterschieden sich einzig und allein durch den Grad der Strahlenbelastung.

Møller und Mousseau halten folgende Erklärung für die schlüssigste: Je mehr die Vögel radioaktiver Strahlung ausgesetzt sind, desto mehr nimmt die Konzentration der Vitamine A und E und anderer Antioxidantien im Blut und in der Leber ab. Zugleich wächst aber die Gefahr, dass die Spermien geschädigt werden und die Fortpflanzungsrate sinkt.

Und deswegen, schließen Møller und Mousseau, könnte es für Vögel ein großer Vorteil sein, mit einem Sensorium für Radioaktivität auf die Welt zu kommen.

Zugvögel sensibler

Und warum reagieren die Trauerschnäpper viel empfindlicher auf Radioaktivität als Kohlmeisen? Auch dafür haben die Forscher eine Erklärung. Anders als die standorttreue Kohlmeise ist der Trauerschnäpper ein Zugvogel, der südlich der Sahara überwintert. Wenn er im Frühjahr in Tschernobyl eintrifft, sind seine Antioxidantien-Reserven durch den Flug weitgehend aufgebraucht. Und deswegen tut er gut daran, sich vor radioaktiver Strahlung in höheren Dosen in Acht zu nehmen.



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