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Mammutbaum-Forschung

In den Kronen der Giganten

Mammutbäume werden 110 Meter hoch, sieben Meter dick und 2000 Jahre alt. Der Botaniker Steve Sillett erforscht in Kalifornien, warum sie die höchsten Lebewesen der Welt sind.

Von Hubertus Breuer, Süddeutsche Zeitung, 13.12.07

Auf dem Highway 101 fährt Steve Sillett zu schnell. Es ist, als wolle der kalifornische Botaniker die "Pacific Lumber Company" möglichst bald hinter sich lassen: an stillgelegten Sägemühlen, Wohnbaracken, leeren Lagergeländen und Tiefladern ohne Fracht rauscht er vorbei.

Im Januar 2007 hat das Holzunternehmen Konkurs angemeldet. Über die letzten Jahrzehnte hat "Palco" mehr abgeholzt, als den Küstenmammutbäumen Nordkaliforniens zuträglich war. Im Umland gibt es nichts mehr, das sich für Axt und Kettensäge zu fällen lohnen würde. "In den jungen Anpflanzungen ringsum ist es still geworden", bemerkt Sillett.

Von den an Kathedralen erinnernden Urwäldern Nordkaliforniens ist wenig geblieben. Einst bedeckten die Mammutbäume - englisch Redwoods - die kalifornische Pazifikküste von der San Francisco Bay bis nach Oregon: Es sind die größten Gewächse der Welt, sie werden 110 Meter hoch, sieben Meter dick und 2000 Jahre alt.

Mitte des 19.Jahrhunderts begannen Pioniere, die Bäume zu fällen. Viktorianische Häuser, Lagerhallen, Eisenbahnschwellen und Telegraphenmasten sind alles, was übrig ist. Nur in Nationalparks und anderen Schutzzonen hat ein Rest Wildnis überlebt - fünf Prozent einer verlorenen Welt.

So beeindruckend diese Naturdenkmäler sind, wussten Biologen bis vor wenigen Jahren dennoch kaum etwas über sie - was nicht zuletzt daran liegt, dass die Kronen ihre ersten Äste mitunter erst in 75 Metern Höhe ausbreiten. Erst Sillett und andere Wissenschaftler begannen die Kronen der Sequoia sempervirens, wie die Redwoods wissenschaftlich heißen, zu erkunden.

Wenige Kilometer jenseits des Sägewerks steht rechtwinklig zur Straße eine verschattete Wand riesiger Redwoods. Es ist der Beginn eines Urwalds, in dem Holzfäller nichts verloren haben. Über 200 Quadratkilometer erstreckt sich der "Humboldt Redwoods State Park".

Es ist kein gewöhnliches Naturschutzgebiet: "Von den 147 größten Bäumen der Welt - jeder höher als 107 Meter" erklärt Sillett stolz, "stehen hier hundert. Es ist das größte verbliebene Stück Redwood-Wald." Diese Bäume haben sogar Namen. "Paradox" zum Beispiel: Sein Stamm sticht wie eine glatte Nadel in den verborgenen Himmel und misst trotz eines geringen Stammumfangs 112 Meter. Hoch genug, um mittags Schatten auf ein Hochhaus zu werfen.

Sillett turnt den Rotholzriesen an einem Seil empor, hoch zu einem Computer im Kronengestrüpp, der Daten eines guten Dutzend Sensoren sammelt. Sie messen den Wasserfluss unter der Borke, den Lichteinfall, Niederschlag, Wind und Nebel. Außerdem zwickt der Biologe unsichtbar in der Krone junge Triebe ab, um sie später im Labor bis zur kleinsten Nadelspitze zu vermessen. Das Ziel der Unternehmung: Genau zu verstehen, wie die Baumriesen solch schwindelerregende Höhen erobern.

Klettern für die Wissenschaft

"Um diesen Urwald zu erforschen", erklärt Sillett, "müssen wir in der Lage sein, auf jeden Baum, in jede Höhe zu klettern."

Als Sillett 1996 eine Professur an der Humboldt State University in Arcata nördlich des Parks antrat, entwickelte er die von Arboristen - Experten für Baumpflege - genutzten Klettertechniken weiter, um erstmals die entlegensten Baumregionen der Welt zu betreten - und die ersten wissenschaftlichen Studien zu veröffentlichen. Heute spaziert er wie ein Trapezseilartist in schwindelerregenden Höhen zwischen Baumspitzen hin und her und balanciert dank raffinierter Seiltechniken selbst auf den dünnsten Zweigen.

Die Redwoods sind lebende Fossilien. Vor über 50 Millionen Jahren waren sie über die ganze Nordhalbkugel verbreitet. Als das Weltklima wärmer und trockener wurde und die Blütenpflanzen das Regiment übernahmen, überdauerten sie in der nebelreichen Küstenregion Nordkaliforniens. Sie sind zäh: Ihre dicke Borke schützt sie wie eine Brandschutzplatte - sie brennt so schlecht wie ein Flaschenkorken. Das Holz enthält zudem Tannin, ein Gerbstoff, der ihm nicht nur ihre rote Färbung verleiht, sondern die Bäume auch vor Schädlingen und Krankheiten schützt.

Es gibt nur wenige Insekten in diesem Wald, deshalb wahrscheinlich auch weniger Vögel. Es ist ungewohnt still - kein Vergleich zum tobenden Lärmen tropischer Regenwälder. Man hört Wassertropfen, das Knacken eines Asts - und das Rauschen im Walkie-Talkie, mit dem Sillett mit seiner inmitten von Schwertfarnen stehenden Mitarbeiterin und Ehefrau Marie Antoine am Fuße von "Paradox" kommuniziert.

Vor drei Jahren erkannte Sillett mit Kollegen, dass die Wasserversorgung die maximale Baumhöhe limitiert: Je höher sie sind, desto schwerer fällt es ihnen, die Äste und Zweige in den oberen Etagen gegen die Schwerkraft und Reibung mit Flüssigkeit zu versorgen. Zwischen 122 und 130 Meter liege wohl die maximale Höhe.

In den ersten zwanzig Lebensjahren schießt ein Küstenmammutbaum spielend auf fünfzehn Meter hoch. Am Ende seiner Jugend - mit 800 Jahren - kann er gut hundert Meter messen. Die höchsten Rothölzer kommen der von den Botanikern errechneten Obergrenzen recht nahe.

Erst letztes Jahr entdeckten Redwood-Liebhaber in einer unzugänglichen Schlucht die derzeit drei höchsten Bäume der Welt. Sie schätzten die Höhe zunächst mit einem Lasergerät ab; Sillett bestieg sie wenige Tage später, um vom obersten Trieb ein Maßband herabzulassen: "Hyperion" brachte es auf 115, "Helios" auf 114 und "Ikarus" 113 Meter. Ihr Standort ist ein sorgsam gehütetes Geheimnis.

In den Kronen solcher Giganten fand der Arbonaut alles andere als die von manchem Experten prognostizierte Wipfelödnis. Salamander, Grillen, Tausendfüßler, Schnecken und selbst winzige Ruderfußkrebse hausen im Waldobergeschoss. In mancher Astgabel hat sich Kompost aus den über Jahrzehnte verrotteten Äste und Nadeln gebildet. Hier sprießen Heidelbeer- und Holundersträucher sowie Bonsaiausgaben etlicher Baumarten. Auch Moose bevölkern die Mammuts, und Flechten, die ihre Nährstoffe aus der Luft gewinnen.

Den Bäumen nutzt der Blitz

Dabei lernten Sillett und Kollegen, dass es hunderte Jahre dauert, bis sich die Artenvielfalt in den Redwoods voll ausbildet. In den heute neu angepflanzten Setzlingen rings um den Nationalpark, erklärt Antoine, wird es 200 Jahre dauern, bis manche Flechten in den Kronen auftauchen. "Bis zur Fülle des Altbestands darf man getrost bis ins Jahr 2800 warten."

Wird eine Baumspitze im Laufe der Jahrzehnte von einem Blitz getroffen oder von einem Sturm abgebrochen, bildet der Küstenmammutbaum in der Regel neue Triebe, die sich über Jahrhunderte wiederum die Dicke von Stämmen erreichen. So verfügt "Iluvatar", ein beleibter, vermutlich über 2000-jähriger Baum, benannt nach einer Figur Tolkiens, über 209 Stämme, die aus mehr fach verzweigten Haupt- und Nebenstämmen in die Höhe streben. Alle dicht behangen mit Flechten, Moosen, Sträuchern und Reisig, als befände man sich im Unterholz.

Die Aufspaltung begünstigt das Höhenwachstum. Mit dem Dickicht nimmt die Zahl der Nadeln zu - sie helfen, mehr Wasser in die Höhe zu transportieren. Nicht nur durch den Unterdruck, den das aus dem Grün verdunstende Wasser im inneren Leitungssystem erzeugt. Die Nadeln absorbieren Wasser auch direkt aus dem Nebel, der sommers durch die Wälder treibt.

Vom gestiegenen Kohlendioxid-Gehalt der Atmosphäre hingegen werden die Bäume kaum profitieren, obwohl das CO2 die Grundlage der Photosynthese in ihren Nadeln ist. Der Botaniker Christian Körner an der Universität Basel hat seit sieben Jahren zwölf Buchen, Hainbuchen und Eichen, jeweils 30 bis 35 Meter hoch, in CO2-Wolken gehüllt. "Der Effekt fällt gering aus. Wenn CO2 eine Wirkung haben sollte, müsste schon die komplette Nährstoffpalette im Boden verbessert werden", sagt er.

Nachdem sich Sillett von "Paradox" abgeseilt hat, geht er mit Antoine durch die Ruinenlandschaft des antiken Redwood-Tempels zum nächsten Studienobjekt. Sie steigen über bemooste Stammsäulen, die wie Mikadostäbe übereinander gestürzt am Boden liegen, und passieren meterhohe, ausgerissene Wurzelteller. "Der Klimawandel", den der CO2-Anstieg auslöst, sagt Sillett, "könnte diese einzigartige Region aus dem Gleichgewicht werfen - wenn der von der Küste hereinziehende Regen und Nebel nachlässt. Die Bäume brauchen bis zu tausend Liter Wasser pro Tag."

Als er vor einem zerfurchten, wohl über 2000 Jahre alten Koloss namens "Bull Creek Giant" steht, fügt er kopfschüttelnd hinzu: "Aber was rede ich? Diese Kreaturen haben bereits vieles überlebt."







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