Aktuell


Regenwaldzerstörung in Brasilien

8. Mai, 2008

Nahrungskrise verschärft Zerstörung des Regenwaldes

Die weltweite Nahrungskrise wird in Brasilien auch als Türöffner für eine fortschreitende Zerstörung des Amazonas-Regenwaldes genutzt.

Rio de Janeiro (dpa) - In den Bundesstaaten Mato Grosso und Pará, die seit Jahren für rund 70 Prozent der Amazonaszerstörung verantwortlich sind, schoss im ersten Vierteljahr die vernichtete Fläche von 77 auf 214 Quadratkilometer in die Höhe. Allein zwischen Januar und März wurden dort also 21.400 Fußballfelder Urwald dem Erdboden gleichgemacht, obwohl in der Regenzeit nach der Jahreswende normalerweise kaum abgeholzt wird. Die weltweite Lebensmittelkrise schwächte dabei auch die Position der Umweltschützer. Ungeniert wie selten zuvor verkündete der Mato Grosso-Gouverneur Blairo Maggi nach Bekanntwerden der neuen negativen Zahlen, die Abholzung des Urwalds sei zur Lösung der weltweiten Nahrungsprobleme unvermeidlich. "Man kann unmöglich mehr Lebensmittel produzieren, wenn man nicht neue Flächen besetzt und Bäume abholzt", sagte der in Brasilien als "Sojakönig" bekannte Mann. Er ist der größte Sojaexporteur der Welt.

Nach einem jüngsten Bericht der Nichtregierungsorganisation Reporter Brasil wuchs im Norden Brasiliens die Gesamtfläche der Sojaplantagen 2007/08 um 20 Prozent im Vergleich zur vorherigen Saison. Soja wird heute auf 21 Millionen Hektar angebaut, das heißt auf rund 45 Prozent aller in Brasilien landwirtschaftlich benutzten Flächen. Sojaanbau ist gewinnbringend und vor allem billig. Pro 200 Hektar Anbaufläche werden nur vier Arbeiter benötigt. Bei Tomaten sind es 245 Arbeiter. Hauptverantwortlich für die Regenwaldzerstörung war zuletzt aber die extrem gestiegene Nachfrage nach Fleisch. 50 Millionen Hektar würden in der Amazonasregion als Weideflächen allein für die Rinderzucht verwendet, schätzt der Agrarkoordinator der Umweltschutzorganisation WWF Brasil, Luis Laranja. Die Nahrungskrise könne die Situation für den Amazonasregenwald verschlimmern: "Der Anstieg der Preise und die Lebensmittelknappheit hat die Tendenz der vergangenen zwei oder drei Jahre, als die Regenwaldzerstörung bei uns zurückging, in nur sechs Monaten schnell umgedreht". Zwischen den "Haupttätern" bestehe zudem ein Zusammenhang. "Die Sojapflanzer kaufen abgegrastes Weideland, das zuvor ohnehin wohl illegal abgeholzt wurde, und treiben die Viehzüchter immer weiter in den Urwald hinein".

Maßnahmen der Regierung greifen nicht

Die Nachrichten über eine neue Zunahme der Urwaldzerstörung überraschen, denn erst im Januar hatte die Regierung von Staatschef Luiz Inácio Lula da Silva nach einer ersten Hiobsbotschaft Maßnahmen gegen die Abholzung beschlossen. Hunderte von Beamten schwirrten zu Kontrollen in den Urwald aus. Im Rahmen der Operation "Feuertor" wurden 338 Geldstrafen in Höhe von insgesamt 60 Millionen Real (etwa 25 Millionen Euro) verhängt. Knapp 38.000 Kubikmeter illegal gefällter Hölzer wurden sichergestellt. Es gab auch Kreditbeschränkungen für Umweltzerstörer und vieles mehr. Der scheidende Geschäftsführer von Greenpeace in Brasilien, der Schweizer Arzt Frank Guggenheim, stellt der Regierung trotzdem ein schlechtes Zeugnis aus. Die Arbeit sei unbefriedigend gewesen, weil Umwelt keine Priorität Brasilias sei, obwohl Lula viele Schutzgebiete geschaffen habe. "Er hat aber kein neues Entwicklungsparadigma für den Regenwald angeboten", sagte der 58-Jährige, der künftig im Regenwald als Arzt arbeiten wird, vergangene Woche in einem Interview der Zeitung "Folha de Sao Paulo".

Die Amazonasregion umfasst etwa ein Drittel aller Regenwälder der Welt. Auf rund fünf Millionen Quadratkilometern findet man eine außergewöhnliche Artenvielfalt. Aber allein seit 1970, als die Militärdiktatur die sogenannte "Besetzung" des Regenwaldes förderte, wurden nach Expertenschätzung 500.000 Quadratkilometer zerstört. Das entspricht der Fläche Frankreichs. Vor allem die von Zerstörung betroffenen Urwaldgebiete sind "Niemandsland". Dort sind sklavereiähnliche Arbeitsverhältnisse, illegale Aneignung von Land und auch die Verfolgung und Ermordung von Umweltschützern an der Tagesordnung. "Die Beziehung zwischen Regenwaldzerstörung und Gewalt ist kein Zufall. Vor allem die Viehzucht ist seit jeher Weltmeisterin der Sklavenhaltung", versichert José Afonso, Anwalt der Landpastoralen der Katholischen Kirche in Pará. Die Aussichten für die nähere Zukunft sind auch aus amtlicher Sicht nicht rosig. Umweltministerin Marina Silva räumt Probleme ein. "Es sind komplizierte Zeiten, es war zuletzt im Urwald trockener, die Preise der Agrarprodukte klettern nach oben. Und aufgrund der am Jahresende anstehenden Bürgermeisterwahlen haben wir bei unseren Kontrollaktionen wenig Unterstützung auf lokaler Ebene", sagte sie dieser Tage auf einem Seminar in Brasilia.


Regenwald leidet unter sauberer Luft

ORF, 8.5.08

Massive Trockenperioden in Amazonien werden in 20 Jahren nicht Ausnahme, sondern Regelfall sein, prognostizieren Klimaforscher. Sie haben in ihrer Studie auch ein bemerkenswertes Detail entdeckt: Die Verbesserung der Luftqualität in Industrieländern schadet paradoxerweise dem Amazonasgebiet. Der Grund: Die Luftverschmutzung brachte dieser Region Niederschläge, dieser Effekt fällt nun offenbar weg.

Kohlenstoff- und Wasserspeicher

Im Februar dieses Jahres stellten Klimaforscher eine Studie vor, in der sie neun neuralgische Knoten im System "Weltklima" festmachten. Unter anderem dabei: Der Grönländische Eisschild und das arktische Meereis, die Borealwälder im Norden der Erde sowie der Amazonasregenwald.

Letzterer speichert ein Zehntel des gesamten Kohlenstoffes, der auf den Kontinenten vorhanden ist, ebenso groß ist der Anteil an der weltweiten Biomasseproduktion, durch die Flüsse des Amazonasbeckens fließt gar ein Fünftel des Süßwassers unseres Planeten.

Dass Störungen in diesem ökologischen Kosmos Auswirkungen auf das Weltklima haben, ist angesichts dieser Zahlen nicht verwunderlich. Umso beunruhigender ist es, wenn man die Meldungen der letzten Monate und Jahre verfolgt: Mittlerweile ist rund ein Fünftel des Amazonasregenwaldes zerstört, bis 2030 könnten der grünen Lunge Südamerikas weitere 20 Prozent abhanden kommen, prognostizieren Wissenschaftler.

2005: Das Jahr ohne Niederschläge

Die Gründe für diesen Schwund sind vielfältig. In diesem Zusammenhang denkt man zunächst an Abholzung, Trockenheit und Erderwärmung, weniger jedoch an Temperaturgradienten im Meer oder gar die Verbesserung der Luftqualität. Doch auch die letzten beiden Faktoren haben entscheidenden Einfluss auf das Schicksal des Regenwaldes, wie eine Studie von britischen und brasilianischen Forschern zeigt (Nature Bd. 453, S. 212).

Peter M. Cox von der University of Exeter und seine Kollegen ließen ein aktuelles Klimamodell am Computer laufen, das als eines von weltweit dreien die Niederschläge in diesem Gebiet befriedigend abbilden kann.

Besonders schlecht stand es in dieser Hinsicht vor drei Jahren. 2005 ereignete sich nämlich in Amazonien die schlimmste Trockenperiode der letzten hundert Jahre, der Wasserstand der Flüsse Solimoes und Madeiras war so niedrig, dass die Schifffahrt auf deren Nebenarmen eingestellt werden musste.

Prognose: Amazonien trocknet aus

Die Simulation von Cox und Kollegen legt nun nahe, dass solche Ereignisse deutlich häufiger werden. Ab 2025 dürfte jedes zweite Jahr eine Trockenperiode dieser Größenordnung auftreten, ab 2060 gar in neun von zehn Jahren.

Die Analyse der Klimaforscher zeigt außerdem, dass solche Ereignisse von steigenden Wassertemperaturen im Nordatlantik abhängen. Der Zusammenhang ist folgender: Temperaturunterschiede im Atlantik können offenbar den südamerikanischen Monsun verzögern, weswegen der Regen mitunter spät oder gar nicht in Amazonien ankommt.

Kühleffekt fällt weg

Paradoxerweise wird dieser Prozess durch die Verbesserung der Luftqualität in Industrieländern gefördert. In den 70ern und 80ern wurden nämlich viele Schwefelaerosole von Kohlekraftwerken in die Luft geblasen, die im Bereich des Nordatlantik für Abkühlung sorgten, weil sie Sonnenlicht reflektieren sowie die Wolkenbildung verstärken.

Fazit der Studie: Durch die Verringerung des Schwefelausstoßes in vielen Industrieländern ist diese Pufferwirkung nun weggefallen, der Atlantik wird wärmer und Amazonien trockener. Freilich kann die Lehre daraus nicht sein, wieder möglichst viel Kohle zu verbrennen - im Gegenteil: "Diese Ergebnisse zeigen uns wieder, wie komplex der Klimawandel ist", sagt Peter Cox.

"Um die Luftqualität zu verbessern und unsere Gesundheit zu schützen müssen wir weiterhin die Aerosol-Produktion drosseln. Unsere Studie zeigt aber, dass diese Maßnahme begleitet werden muss von einer sofortigen Reduktion des CO2-Ausstoßes. Nur so können wir das Waldsterben im Amazonasgebiet gering halten."







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