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Kein Platz für Orangs

Kein Platz für Orang-Utans auf Sumatra

Düstere Zukunft für den Menschenaffen

Gregor Klaus, Neue Zürcher Zeitung, 20. Oktober 2004

Der Bestand der Orang-Utans auf der indonesischen Insel Sumatra ist in den vergangenen zehn Jahren praktisch vollständig zusammengebrochen. Die grössten Bedrohungen für den Menschenaffen sind der illegale Holzeinschlag und das Anlegen von Palmenplantagen zur Ölgewinnung. Zu diesem Schluss sind Wissenschafter in einer Arbeit gekommen, die sie vor kurzem an einer Konferenz in Jakarta präsentiert haben, welche dem Schutz des Orang-Utans gewidmet war. Die von Carel van Schaik vom Anthropologischen Institut der Universität Zürich vorgestellten Resultate der in den letzten Jahren durchgeführten Bestandeserhebungen deuten darauf hin, dass auf Sumatra höchstens noch 7000 Orang-Utans in zunehmend isolierten Waldgebieten leben. Lediglich noch drei dieser Waldbereiche beherbergten grössere Orang-Utan-Populationen, sagt van Schaik. Den grössten Aderlass mussten die Populationen Ende der 1990er Jahre hinnehmen, als Indonesien in ein Chaos stürzte und jedes Jahr mindestens 1000 Tiere «verloren» gingen.

Inzwischen hat sich der Niedergang des Bestands nach Angaben von van Schaik verlangsamt. Dies allerdings nur deshalb, weil auf Sumatra bereits sämtliche leicht zugänglichen Waldgebiete abgeholzt seien. Dennoch verschlechtere sich die Situation der Orang-Utans täglich, sagt van Schaik. Bei der derzeitigen Bestandesabnahme werde es auf Sumatra in zehn Jahren keine einzige lebensfähige Orang-Utan-Population mehr geben. Nur noch zehn Prozent Sumatras sind von ursprünglichem tropischem Regenwald bedeckt - und selbst in den Reservaten werden täglich neue Forststrassen gebaut. Mit jeder dieser Forststrasse werden laut van Schaik Orang- Utan-Populationen voneinander getrennt. So entstünden isolierte Waldbereiche, in denen nur noch einige wenige Tiere lebten.

Ein dezimierter Orang-Utan-Bestand hat aber kaum Chancen, sich zu erholen, denn Orang- Utans haben den langsamsten Reproduktionszyklus aller grossen Menschenaffen. Das gilt vor allem für die Orang-Utans auf Sumatra, die mittlerweile als eigene Art (Pongo abelii) anerkannt sind. Im Gegensatz zu ihren Verwandten auf Borneo (Pongo pygmaeus) sind bei den Weibchen die Abstände zwischen den Geburten extrem lang: Nur alle acht bis neun Jahre bekommt ein Sumatra-Orang-Utan Nachwuchs. Da die Tiere erst mit 15 Jahren geschlechtsreif sind, kann ein 50-jähriges Weibchen während ihres Lebens höchstens vier Junge zur Welt bringen. Beim Pongo pygmaeus sind es dagegen bis zu sieben Junge pro Weibchen. Dezimierte Orang-Utan-Populationen benötigen auf Sumatra deshalb viele Jahrzehnte, um sich wieder zu erholen.

Van Schaik sieht aber auch Silberstreifen am Horizont: In letzter Zeit gehe die Polizei vermehrt gegen den illegalen Holzschlag vor. Dieser macht laut den Schätzungen von Naturschutzorganisationen 70 Prozent der indonesischen Holzproduktion aus. Das illegale Fällen bringt saftige Profite bei minimalem Kapitaleinsatz. Entsprechend attraktiv ist es für mächtige Investoren - nicht nur aus der Geschäftswelt, sondern auch aus Militär und Politik. Van Schaik hofft nun aber, dass Indonesien die Forstwirtschaft unter staatliche Kontrolle bringt. Allerdings befürchtete man bisher, dass die besonders störungsempfindlichen Sumatra-Orang-Utans auch ein selektiver Holzeinschlag, bei dem nur die wertvollsten Baumarten entnommen werden, aus den bewirtschafteten Gebieten vertreibt.

Doch die Resultate einer von Eva Knop am Zoologischen Museum der Universität Zürich durchgeführten Studie zeigen, dass auch in derartig nachhaltig genutzten Regenwäldern eine ansehnliche Orang-Utan-Population überleben kann. Die Wissenschafterin hat nachweisen können, dass ein seit 22 Jahren nicht mehr genutztes Waldgebiet die gleiche Orang-Utan-Dichte aufweist wie ein unberührter Wald. Der Regenwald scheint sich also nach der Nutzung wieder gut erholt zu haben.

Doch die Zeit für einen Kurswechsel drängt: Es ist absehbar, dass Orang-Utans bald nur noch in Zoos oder gut geschützten Reservaten leben können. Die Umstellung der Forstwirtschaft auf eine nachhaltige Bewirtschaftung ist in korrupten Ländern wie Indonesien nämlich schwierig, weil nicht kontrolliert werden kann, woher die exportierten Hölzer wirklich stammen. Angaben wie «aus kontrollierter Forstwirtschaft» sind deshalb für Holz aus Indonesien nach wie vor nicht glaubwürdig.


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