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Reise nach Madagaskar
Unter Lemuren
Von Julia Voss, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 14.11.04
15. November 2004 Humboldts Papagei zum Beispiel: der kam aus Madagaskar. Um 1800 schlüpfte er dort aus dem Ei, kam auf ein Boot, schipperte über die Weltmeere, um dann, später, über dreißig Jahre mit dem Berliner Gelehrten eine Wohnung zu teilen. Zuletzt lebten sie zusammen in der Oranienburger Straße 67, wo Jakob, der madegassische Papagei, von Humboldt folgenden Satz aufschnappte: „Viel Zucker, viel Kaffee, Herr Seifert!”
Egal, ob es sich bei seinem Gegenüber nun um Humboldts Diener Johann Seifert handelte oder nicht, Jakob plapperte beharrlich den immer gleichen Satz heraus. Auch als Humboldt ihn fragte, wer von ihnen beiden wohl zuerst sterben werde, blieb Jakob dabei. Viel Zucker. Viel Kaffee. Herr Seifert - eine Antwort von „unangenehmer Sinnlichkeit”, wie Humboldt betrübt notierte. Jakob starb schließlich am 31. Januar 1859. Humboldt vier Monate später, im Mai.
Papagei-Ausfuhr verboten
Doch Madagaskars Papagei reist nicht mehr. Die Ausfuhr des eleganten schiefergrauen Vogels ist inzwischen verboten. Wer Jakobs Ahnen, den Coracopsis vasa vasa, sprechen hören will, muß zu ihm fahren. Jedes Jahr besuchen etwa 1,7 Millionen Touristen den afrikanischen Inselstaat, nicht viel für die viertgrößte Insel der Welt. Die meisten kommen aus Frankreich, Italien, Deutschland und der Schweiz, einige aus Südafrika. Nach dem Frühstück kreist nun im Hotel „Le Palmarium” der Vasa-Papagei über ihren Köpfen, zieht seine Flugbahnen enger, bis er auf einem Ast landet und, in die Fotoapparate der Touristen hinein, zu sprechen beginnt. Zu einem Dutzend surrender Bildsucher sagt er: „Maki! Maki! Maki!” Legt den Kopf schief. Ißt eine Erdnuß. Und fliegt davon.
Die Urlauber haben verstanden. Der Papagei sprach madegassisch. Dreimal das madegassische Wort für die berühmten koboltäugigen Halbaffen der Insel. „Makis”, das sind auf deutsch die Lemuren - in Bayern würden sie wohl unter die Wolpertinger fallen. Denn ein Lemur sieht nicht aus wie ein Tier, sondern wie eine Mischung aus mindestens zweien. Noch dazu gleicht keine der über dreißig Arten der anderen: es gibt zartgliederige Lemuren, die aussehen, als habe Mutter Natur Feen in Fellpyjamas eingenäht. Bullige, die an kleine Bären erinnern, mit Bärten wie Gamsböcke. Schlanke weiße, mit schwarzen Gesichtern, die ihren Pelz wie einen anmutigen Astronautenanzug tragen.
Die Weibchen haben das Sagen
Dazu kommen wieselhafte mit dunklen Zorromasken - mausgroße, koalabärartige, pandahafte oder waschbärgleiche. Bis auf den größten Lemur, den Indri, besitzen alle einen langen Schwanz. Gemeinsam sind ihnen die samtigen Händchen, bei denen, wie beim Menschen, der Daumen abgeteilt ist. Sie ernähren sich vegetarisch. Ab und an gibt's Heuschrecken oder Käfer. Bei den meisten Lemurenarten haben die Weibchen das Sagen. Sie leiten die Gruppe zur Futterstelle und essen zuerst. Für Biologen ist Madagaskar eine Art Pompeji: ein einzigartiges Fenster in die Vergangenheit. Im Lemur blickt uns das Eozän an wie aus Pompejis Mosaiken der Späthellenismus. Näher kann man der Geschichte nicht kommen.
Der Halbaffe gilt als die nächste lebende Entsprechung des Urtieres, aus dem die Primaten, einschließlich des Menschen, hervorgingen. Daß der Lemur überlebt hat, verdankt er einer Katastrophe: Vor 250 Millionen Jahren zerbrach der Urkontinent Gondwana, Afrika und Asien, davor eine Landmasse, trieben auseinander, und Madagaskar trudelte allein in den Indischen Ozean. Als im Laufe der Evolution in Afrika neue Primatenarten entstanden, die alte Formen verdrängten, fand der Lemur seine Zufluchtsstätte auf Madagaskar. Pompeji überdauerte, weil es ein Vulkanausbruch verschüttete. Der Lemur, weil er sich vierhundert Kilometer vor die Ostküste Afrikas rettete, auf eine riesige Scherbe des Urkontinents Gondwana.
„Eine braun verkrustete Wunde”
Beim Blick aus dem Flugzeug hat man freilich erst nicht den Eindruck, auf Klein-Gondwana zuzusteuern. Scherbe im Ozean, ja. Urkontinent, nein. Aus der einst grünen Insel haben Kahlschlag und Brandrodung eine braun verkrustete Wunde gemacht, die nur noch an den Rändern, den Küstengebieten, grün schimmert. Vom Flughafen aus führt eine staubige Straße in die Hauptstadt Antananarivo. Irgendwann, ohne daß es je einen Bebauungsplan gegeben hätte, sind hier über eine Million Einwohner eingezogen. Man fährt an niedrigen Holzhäusern und winzigen Läden mit offenen Fenstern entlang, die einzelne Glühbirne erleuchten. Eine knappe Stunde ohne Ampeln, keine einzige Ampel, auch nicht in der Stadt.
Madagaskar ist eines der ärmsten Länder der Welt. Das Telefonbuch des Landes ist so dick wie das von Darmstadt. Der Direktor des Palmarium-Hotels klettert auf einen Hügel, um Reservierungen per Funk entgegenzunehmen. Der Zustand vieler Straßen ist miserabel. Es fahren mehr Ochsenkarren als Autos. Für Noël, den madegassischen Führer, der fließend Deutsch spricht, kommen die Reisenden aus „métro-boulot-dodo”, französisch für „U-Bahn, Arbeiten, Schlafen”.
Anblick von Armut
In über fünfzehn Jahren hat er die Eigenarten seiner Gäste aus den asphaltierten Städten von Métro-boulot-dodo kennengelernt: In ihre Mägen dürfen keine Tomaten, kein Salat und kein ungeschältes Obst gelangen. Sie nehmen Malaria-Prophylaxe und vertragen sie nicht immer. Mit dem Anblick von Armut tun sie sich schwer. Im Hotel freuen sie sich über flauschige Handtücher. „Es ist nicht empfohlen”, sagt Noël, wenn ein Urlauber doch Salat bestellt. Er selbst war noch nie außerhalb von Madagaskar. Ob es stimme, daß alte Leute bei uns ins Heim kommen? Ja, das stimmt.
Als ob die Urlauber ihren Augen schon vor der Abreise mißtraut hätten, haben sie sich alle für den nächsten Tag gleich gewappnet: Wie ein zweites Paar Augen baumeln um ihre Hälse Ferngläser, Fotoapparate oder Videokameras. Über Straßen und Buckelpisten geht es jetzt mit dem Jeep entlang von Naturreservaten zur Ostküste.
Bewegung wie in einem Filmriß
Für den Laien mag Pompeji auf den ersten Blick ein Haufen alter Steine sein. Dem ungeübten Auge scheint der Regenwald ein großer grüner Fleck. „Wo?” lautet ab jetzt die häufigste Frage. Wenn ein madegassischer Papagei doch noch einmal ein deutsches Wort lernen sollte, dann wird es „wo?” sein. Ein außenstehender Beobachter müßte annehmen, die Reisenden aus Métro-boulot-dodo seien kaputt. „Ein Chamäleon!” ruft Noël und zeigt auf einen Baum. „Wo?” antworten die Urlauber. „Dort, am Ast!” erklärt Noël. „Wo?” sagt die Gruppe und tritt neugierig näher. „Bei der Orchidee!” versucht es Noël, „Orchidee?!” „Kleine, weiße Blüten!” „. . . Blüten?” „Da!” „?!?!” etc. Schließlich stößt Noël den Finger ins Gebüsch. An seinem Ende sitzt tatsächlich ein Chamäleon, neben einer Orchidee.
Auf dem Baum herrscht Zeitlupe: Das Chamäleon. Setzt. Einen. Fuß. Vor. Den. Anderen. Mit betörender Umständlichkeit kugelt es ein Auge nach hinten. Richtet das zweite starr nach vorne und führt, wie in einem Filmriß, die immer gleiche Bewegung aus. Es ruckelt vor, greift in die Luft, zieht das Ärmchen zurück und ruckelt nach hinten. Biologen vermuten, daß Chamäleons auf diese Weise im Wind schwingende Blätter imitieren, um sich zu tarnen. Man selbst hat den Eindruck, die kleine Echse müsse fürchten, die Welt würde bei einer unachtsamen Bewegung in tausend Teile zerspringen. Man beginnt automatisch, leise zu sprechen.
Farbe nach Stimmungslage
Daß sich die Haut des Chamäleons je nach Umgebung verfärbt, stimmt allerdings nicht. Es wechselt die Farbe nach Stimmungslage. Die beste Gelegenheit, Chamäleons im Wald zu entdecken, bieten daher streitende Tiere: Bei Territorialkämpfen laufen manche Arten knallfarben an und hängen so, wie bunte Christbaumkugeln, gut sichtbar im Geäst.
Oder nachts. Da findet man die Tiere auch leicht. Denn in der Dunkelheit kriecht das Chamäleon vorne an die äußerste Spitze der Baumäste. Freßfeinde, wie die nachtaktive Boa, sind zu schwer, um sich entlang des Astes bis zum schlafenden Chamäleon zu schieben. Im Lichtkegel der Taschenlampe taucht bei der Nachtwanderung außerdem ein Mausmaki auf. In den Baumkronen glitzern die Augen der Bambuslemuren. Man selbst schläft in sauberen, einfachen Holzhütten - je nach Reservat mal das geschäftige Knistern, Zirpen und Rascheln des Regenwalds im Ohr, mal das gleichmäßige Rauschen des Meeres.
Werden Reservate zum Zirkus?
An die Fotoapparate, die „Wo?”- Rufe, den Geruch von Insektenschutzcremes, die Busse, Jeeps oder Motorboote haben sich die Lemuren vielfach gewöhnt. Durch die Touristen läßt sich an manchen Orten inzwischen mehr Geld verdienen, wenn man die Wälder stehenläßt, als wenn man sie fällt. In den an die Parks angeschlossenen Hotels stürmen lärmend Varilemuren durch den Garten, die Sifaka sitzen wie arbeitslose Sternfahrer neben der Terrasse, der Eulemur nimmt Futter aus der Hand. Es kommt auf die Besucher an, ob die Reservate zum Zirkus mit dressierten Äffchen werden. Wie bei allem in der Tourismusbranche regeln auch hier Nachfrage und Erfolg das Angebot.
Für einen Lemuren hat die Natur jedoch eine List ersonnen, die seine Haltung in Gefangenschaft verhindert: der Indri, der große stummelschwänzige Lemur, stellt sich jeden Tag eine umfangreiche Kost aus siebzig verschiedenen Früchten und Blättern zusammen. Bekommt er die nicht, stirbt er. Das überfordert jeden Zoo. Nach anderthalb Stunden Fußmarsch bergauf, am Ende eines Trampelpfads, blickt einem plötzlich ein wilder Indri direkt in die Augen. So groß wie ein Schäferhund, gescheckt wie ein Panda, sitzt er, mit jadegrünen Augen, in der Astgabel eines Baumes. In der Hockhaltung reichen ihm die übergroßen muskulösen Beine fast bis zu den Ohren. Dazwischen klemmt ein vogelhaft kleiner Kopf. Licht bricht von hinten durch die fransigen Ohren, fedrig, wie die eines Uhus.
Mehrstimmiger Gesang der Indris
Mit angehaltenem Atem beugt man vorsichtig den Kopf zur Seite, um besser sehen zu können. Der Indri spiegelt die Bewegung. Einmal. Zweimal. Dann wirft er den Kopf in den Nacken und hupt aus voller Kehle wie eine Autoalarmanlage. Im Hintergrund lösen sich plötzlich weitere Tiere von den Bäumen und verschwinden ohne einen Ton. Da, wie im Jubel, reißt auch der Indri, der eben noch die anderen gewarnt hat, die Arme über den Kopf, stößt sich vom Baumstamm ab und fliegt senkrecht zum nächsten Baum. Er landet lautlos wie Schnee.
Später, als man schon fast wieder unten am Berg angekommen ist, hört man den mehrstimmigen Gesang der Indris, mit dem sie sich über Kilometer hinweg untereinander verständigen. Melodisch, mehr Moll als Dur, ein bißchen wie der Gesang der Wale. Zurück in Berlin springt bei der Bushaltestelle die Alarmanlage eines Autos an. Es fällt einem der Indri ein, der Blick aus grünen Augen, während die Tür des Busses, der einen vom Flughafen nach Hause bringt, zuschnappt.
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