Aktuell


Amazonas-Regenwald-Zerstörung unterschätzt

Donnerstag 20. Oktober 2005, 22:57 Uhr

Abholzung im Amazonas-Gebiet deutlich unterschätzt

Washington (AFP) - Im brasilianischen Amazonas-Gebiet ist einer Studie zufolge doppelt soviel Wald abgeholzt worden wie bislang geschätzt. Neue Satellitenaufnehmen vom Amazonasgebiet zeigten, dass die bewaldeten Flächen in den Jahren von 1999 bis 2002 jährlich um gut 12.000 bis knapp 21.000 Quadratkilometer reduziert worden seien, erklärt der Wissenschaftler Greg Asner in einem Beitrag für die jüngste Ausgabe der US-Fachzeitschrift "Science".

Jahrzehntelang seien die Bäume abgeholzt worden, ohne dass das Ausmaß zu erkennen gewesen sei. Mit neuerer Satellitentechnik sei es aber möglich, durch das Laub hindurch sehr genaue Bilder zu bekommen, erklärte Asner, der für die private Carnegie Institution in den USA arbeitet. Die Forscher seien "vollkommen überrascht" gewesen zu sehen, dass durch wilden Kahlschlag jährlich eine Waldfläche von der Größe des US-Bundesstaates Connecticut verlorengehe.

"Die Abholzung hat eine schlechte Wirkung auf das zerbrechliche Ökosystem des Amazonas-Waldes, indem sie die Zerstörung etlicher Bäume, Pflanzen und Tiere verursacht." Im Amazonas sind fast ein Drittel aller auf dem Land lebenden Tierarten zu Hause. Bislang wurden etwa 70 Prozent des Amazonas-Gebietes gerodet.


Donnerstag 20. Oktober 2005, 20:42 Uhr

Hiobsbotschaft: Regenwälder durchlöchert «wie ein Schweizer Käse»

Buenos Aires/Washington/Rio de Janeiro (dpa) - Forscher haben eine neue Hiobsbotschaft über die Vernichtung der Regenwälder in Brasilien: Einer US-brasilianischen Studie zufolge ist die bereits zerstörte oder schwer geschädigte Fläche doppelt so groß wie bisher angenommen.

Eine neuartige Auswertung von Satellitenaufnahmen habe es ermöglicht, erstmals auch «ausgedünnte» Waldflächen zu erfassen und damit die Folgen des selektiven Holzeinschlages zu messen, berichtet das Forscherteam im renommierten Fachblatt «Science» (Bd. 310, S. 480) von diesem Freitag. «Der Wald sieht wie ein Schweizer Käse aus», beklagt Michael Keller von der US-Forstbehörde.

Beim selektiven Einschlag geht es um ausgewählte, wirtschaftlich interessante Bäume. Oft werden dabei allerdings weitere Bäume gefällt oder zerstört, die im Weg stehen. Besonders gefährlich ist nach Kellers Angaben die fehlende Kontrolle. Es würden oft zu viele Bäume gefällt und viel zu viele kleinere Bäume und niedrigere Vegetation vernichtet. Etwa 20 bis 30 Prozent des Blätterdaches des Regenwaldes gingen verloren, und der Regenwald werde durch die Sonneneinstrahlung wärmer, trockener und wesentlich anfälliger für verheerende Waldbrände. Auch die einzigartige Pflanzen- und Tierwelt werde viel stärker als notwendig in Mitleidenschaft gezogen.

«Es gibt aber eine vorsichtige Weise der selektiven Fällung von Bäumen, die den Regenwald weit weniger schwächt und akzeptabel erscheint», betont Keller. Dabei müssten die zu fällenden Bäume zunächst in Karten verzeichnet werden, um den Holzeinschlag so zu planen, dass die zerstörerischen Nebeneffekte möglichst gering bleiben. Das Umkippen eines gefällten Baumes lasse sich zudem so steuern, dass der Baum möglichst wenige andere Bäume unter sich begrabe. Eine sorgfältige Planung ermögliche es auch, die Zerstörungen durch das Herausziehen der Bäume durch schwere Maschinen möglichst gering zu halten. «Die Begleitschäden durch selektiven Holzeinschlag lassen sich durch die Beachtung dieser einfachen Regeln um etwa die Hälfte verringern», betonte Keller.

Erst im Mai hatten neue Erkenntnisse über den rapiden Verlust der Regenwälder die Öffentlichkeit aufgeschreckt. Wie das Umweltministerium in Brasilia unter Berufung auf Satellitendaten des Weltrauminstituts INPE damals mitteilte, wurden von August 2003 bis August 2004 mindestens 26 130 Quadratkilometer Urwald vernichtet. Berücksichtigt wurden hier aber nur die nach einem Kahlschlag vollständig gerodeten Waldflächen. Das entsprach etwa der Hälfte der Fläche der Schweiz und bedeutete eine Zunahme von sechs Prozent im Vergleich zum Vorjahr. «Wir sind überrascht. Diese Zahlen hätten wir nie erwartet», musste Umweltministerin Marina Silva einräumen.

«Jede Minute verliert Brasilien eine Fläche von sieben Fußballfeldern wertvollen Regenwaldes», warnte Michael Evers, Leiter des Fachbereichs Wald bei der Umweltschutzorganisation WWF Deutschland schon damals. Die Regierung in Brasilia trage eine erhebliche Mitschuld an der Entwicklung, indem sie Bodenspekulationen zur Vergrößerung von Weideflächen für Rinder begünstige und den illegalen Holzeinschlag sowie die Ausbeutung der Arbeiter und die Kriminalität nicht ausreichend bekämpfe.

Im Jahr 2002 hat die brasilianische Regierung das «Amazon Protected Areas Programm» (ARPA) ins Leben gerufen. ARPA wird auch vom WWF Deutschland, der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) und der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) unterstützt. Ziel ist die Schaffung von mindestens 50 Millionen Hektar Schutzgebieten. Das ist nach Ansicht des WWF aber noch völlig unzureichend, um den Kahlschlag zu stoppen. Der Regenwald müsse genutzt werden, ohne ihn zu zerstören, fordern die Umweltschützer.


Die Wahrheit über den trockenen Regenwald

Von Joachim Müller-Jung, FAZ, 20. Oktober 2005 Augenzeugen berichten von Millionen Fischen, die in ausgetrockneten Tümpeln und Seitenarmen des Amazonas verrotten. In den Nebenflüssen liegen die Boote, unbewegt, weil der niedrige Wasserstand eine Beladung nicht zuläßt. Und die Menschen werden inzwischen von der brasilianischen Armee, die sich durch die Wälder schlägt, mit Medizin und Proviant versorgt. Seit dreißig Jahren hat das Amazonas-Gebiet eine solche Dürre nicht mehr erlebt. Es herrscht Notstand im größten Urwaldgebiet der Erde.

Für Umweltschützer und Wissenschaftler liegt der Grund des Übels auf der Hand: Regenwaldrodung, Klimawandel, Umweltzerstörung. Und für die brasilianische Regierung hätte der meteorologische Ausnahmezustand nicht ungelegener kommen können. Denn noch im August, vor ein paar Wochen, hatte Umweltminister Marina da Silva der Öffentlichkeit eine bemerkenswerte Mitteilung zu machen, die nun im Staub der Dürre untergehen dürfte. Innerhalb eines Jahres, von 2003 auf 2004, sei dank regierungsseitig veranlaßter Kontrollen und Razzien gegen illegale Holzfäller die Abholzung des Urwaldes von mehr als 18.000 auf 9.000 Quadratkilometer mehr als halbiert worden. War das Kettensägenmassaker also beendet?

Zweifeln an den Bildern

Die Satellitenbilder, die da Silva zum Beweis der erfolgreichen Regenwaldpolitik vorlegte, ließen jedenfalls auf eine spürbare Entspannung bei Brandrodungen und Kahlschlägen schließen. Doch schon damals gab es Stimmen, zumal unter Forschern, die die Aussagekraft der Fotos in Frage stellten. Die Unsicherheit bei der Deutung der farbigen Pixel auf den Computerbildern liege bei mindestens zwanzig Prozent, behaupteten Experten, was manche so auslegten, daß die tatsächliche Abholzung mindestens zwanzig Prozent über den offiziellen Angaben liegt.

Tatsächlich aber hätte diese Unsicherheit, wenn sie denn stimmte, natürlich auch bei den früheren Aufnahmen gegolten, als man doppelt so hohe Abholzungsraten konstatierte. Daß den Satellitenbildern freilich generell nicht zu trauen ist, wenn es um die Feststellung von Waldrodungen geht, das wollte bisher niemand in Erwägung ziehen. Einige Hinweise dafür hatten zumindest frühere Studien von Feldforschern geliefert. Als sie die von ihnen an Ort und Stelle registrierten Abholzungen mit den Satellitenanalysen verglichen, zeigten sich gravierende Unterschiede. Ein großer Teil der Rodungen konnte auch mit den scharfen Satellitenaugen nicht erkannt werden. Sprachen also die alten, seit mehr als dreißig Jahren nicht zuletzt auch der internationalen Umweltpolitik zugrunde gelegten Meßbefunde eine falsche Wahrheit?

Tatsächliche Abholzung mehr als doppelt so groß?

Genau diese Vermutung wird nun in einer Untersuchung, die in der heutigen Ausgabe von „Science” (Bd. 310, S. 480) erscheint, mit neuen Berechnungen untermauert. Eine Forschergruppe um Gregory Asner von der Carnegie Institution of Washington in Stanford hat sich zusammen mit brasilianischen Kollegen die Daten des Landsat-Satelliten aus den Jahren 1999 bis 2002 für die fünf wichtigsten Amazonas-Bundesstaaten vorgenommen und mit einem neu entwickelten Computerprogramm (”Carnegie Landsat Analysis System”) nochmals ausgewertet.

Kern dieses automatisierten Bildanalyseverfahrens sind eine Software, die atmosphärische Einflüsse korrigiert, und ein weiteres Programm zur Mustererkennung, das die Farben, Helligkeiten und Schattierungen einzelner Pixel auf den hochaufgelösten Satellitenbildern so zu deuten weiß, daß etwa schon kleine Flecken nackter Boden und Sträucher von dem Kronendach veritabler Urwaldriesen zu unterscheiden sind - jedenfalls viel besser als die bisherigen Bildauswerteverfahren.

Die Neubewertung der alten Fotos jedenfalls zeigt, daß die Beschränkung auf Kahlschläge wie bisher üblich zu groben Fehlschlüssen führt. Berücksichtigt man nämlich die Lücken, die durch die selektiv von Holzfällern einzeln abgesägten Tropenholzbäume entstehen, erweisen sich die alten Statistiken buchstäblich als Halbwahrheiten. Tatsächlich, so die Wissenschaftler, dürfte die Abholzung in jedem Jahr jeweils 60 bis 128 Prozent über den offiziell festgestellten Werten liegen. Die ökologische Not des Amazonas, sie scheint in diesen Tagen unermeßlich.


Freitag 21. Oktober 2005, 11:26 Uhr

Amazonas Regenwald verschwindet noch schneller

Selektives Schlagen zerstört Fähigkeit der CO2-Aufnahme

Stanford/New York (pte) - Die Lage im Amazonas ist nicht nur angesichts der extremen Trockenheit dramatisch: Jüngsten Studien zufolge verschwindet der Wald doppelt so schnell wie bisher angenommen. Als weiteres Bedrohung kommt, so Wissenschaftler des Carnegie Institute of Washington in Stanford/Kalifornien hinzu, dass selektives Schlagen dazu beiträgt die Kohlendioxidmenge, die der Wald aufnehmen kann, drastisch zu verringern. Das berichtet das Wissenschaftsmagazin Science in der jüngsten Ausgabe. Die Schäden durch Abholzen werden um mindestens 60 Prozent unterschätzt. Die brasilianische Regierung hat die Studie willkommen geheißen, aber zugleich eingeräumt, dass die Zahlen weit überzogen sind.

Durch selektives Schlagen gingen bis zu 50 Mio. Kubikmeter Holz in den Jahren von 1999 bis 2002 pro Jahr verloren. Insgesamt ist eine Fläche von 19.800 Quadratkilometer allein im Jahr 1999 durch selektives Schlagen verloren gegangen. Hinzu kamen weitere 16.100 Quadratkilometer durch Kahlschlag, wie der Wissenschaftler Gregory Asner berichtete. Betroffen vom selektiven Holzschlag sind auch Regionen, die eigentlich als Naturschutzgebiete ausgewiesen sind. Als besonders dramatisch kommt hinzu, dass diese Art des Holzschlags nur sehr schwer auszumachen ist, betonen die Wissenschaftler.

Das Forscherteam hatte Satellitenaufnahmen und -daten miteinander verglichen und dabei festgestellt, dass es vielerorts zu einer Ausdünnung der Vegetation gekommen war. Zusätzlich dazu hinterlassen Holzarbeiter eine Schneise zerstörter Pflanzen, wenn die Baumstämme abtransportiert werden. Obwohl diese Methode des selektiven Schlagens weit weniger gefährlich für den Regenwald ist, als Kahlschlag, ist dennoch der Schaden beachtlich: Meist sind es gerade dichte Regenwälder, die große Mengen von CO2 aufnehmen, in denen solche Methoden angewendet werden. Dies führt dazu, dass die Wälder danach weit weniger CO2 aufnehmen können als vorher. (Weitere Infos hier).

Eine andere Studie, die ebenfalls im Wissenschaftsmagazin Science veröffentlicht wurde, untersuchte die Folgen des Einschlages für die CO2-Aufnahme. Das Team um Daniel Bunker von der Columbia University in New York hat festgestellt, dass es durch den Einschlag zu weniger Niederschlägen im Regenwald komme. Das verhindere das Wachstum der Pflanzen, die viel Feuchtigkeit brauchen und bevorzuge Spezies, die auch unter trockenen Bedingungen gedeihen können. Diese Pflanzen können Kohlenstoff effektiver in ihrem Gewebe aufnehmen. Allerdings gebe es auch einige weniger positive Effekte. Dazu gehöre etwa die Fähigkeit vor Überschwemmungen zu schützen, die Wasserqualität zu halten und anderen Risiken im komplexen Lebensraum standzuhalten. "Die beste Strategie wäre, so viele Arten wie möglich zu schützen", erklärt der Forscher. "Wenn zahlreiche verschiedene Lebewesen in einem Ökosystem vorhanden sind, gibt es auch mehrere Möglichkeiten auf Veränderungen der Umwelt zu reagieren. Und das wird in Zukunft wesentlich sein", erklärt der Forscher. Die Tatsache, dass Holzfäller einige Baumarten gezielt entfernen, sei keine positive Lösung.


Ausführliche engl. Original-Pressemitteilung


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