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Der Tumucumaque-Nationalpark

Das Dorf der Euro-Indianer

Im Norden Brasiliens entsteht das größte Regenwald-Schutzgebiet der Welt. Nationalpark-Chef ist ein junger Forstingenieur aus Deutschland - er kämpft gegen Goldgräber und Rinderzüchter.

Von Jens Glüsing, SPIEGEL-Online, 13.11.05

Raimundo Nonato, ein Goldsucher mit drahtiger Statur, knallt eine blutverschmierte Plastiktüte auf den Tisch vor seiner Hütte. "Unser Mittagessen", sagt er und zieht einen Schweinskopf hervor. "Das Wildschwein schmeckt bestimmt super", frohlockt sein Kumpel Jose Martins.

"Das ist ein Hausschwein", korrigiert Nonato und wirft seinem Kumpan einen bösen Blick zu. "Du willst mich wohl in den Knast bringen. Hier ist Jagen doch verboten." Seine Augen verengen sich zu Schlitzen: "Heute Morgen ist ein Boot der Naturschutzbehörde gekommen. Der Chef ist ein Deutscher - ein scharfer Hund."

Das stimmt nicht ganz: Christoph Jaster, 41, wurde zwar in Cochem an der Mosel geboren, doch seit zwei Jahren ist er brasilianischer Staatsbürger. Und außerdem ist ihm klar, dass er Kompromisse machen muss: "Ich will gar nicht so genau wissen, was hier so alles auf den Tisch kommt."

Wilderei ist in Vila Brasil ohnehin ein vergleichsweise harmloses Vergehen. Das ganze Dorf ist illegal. Es liegt mitten in Jasters Tumucumaque-Nationalpark - der gelernte Forstingenieur ist Chef des größten tropischen Regenwald-Schutzgebietes der Erde.

Brasiliens damaliger Präsident Fernando Henrique Cardoso hat die Region an der Nordgrenze seines Landes 2002 unter Schutz gestellt. So wollte er sich kurz vor Ende seiner Amtszeit als Umweltschützer profilieren und sein Land vom Stigma des Regenwald-Killers befreien.

Der neue Mega-Nationalpark ist so groß wie die Niederlande, seine Grenze erstreckt sich über 1700 Kilometer. In den Regenwäldern hat sich eine einzigartige Fauna und Flora erhalten. 50 Meter hohe Baumriesen ragen in den Himmel. Bei einer Expedition Ende vergangenen Jahres entdeckten Biologen mehrere neue Tierarten.

Die erste Expedition in die schwer zugängliche Region unternahmen abenteuerlustige deutsche Forscher im Auftrag des Nazi-Regimes: Von 1935 bis 1937 erkundeten der Geowissenschaftler und Pilot Otto Schulz-Kampfhenkel und seine Männer die Tier- und Pflanzenwelt an der Grenze zu Französisch-Guayana. Die Forscher hielten ihre Abenteuer in einem Ufa-"Großfilm" fest, der in vielen Kinos des Dritten Reichs lief und noch heute als einzigartiges anthropologisches Dokument gilt.

Während ihres monatelangen Aufenthalts gewannen die Deutschen das Vertrauen der Regenwald-Indianer. Sie durften bei religiösen Festen und Riten filmen. Vor allem die Frauen taten es den Männern an: Schulz-Kampfhenkel bekam mit einer Indianerin eine Tochter.

Während ihrer Expedition scheuten die Forscher keine Strapazen: Über hundert Zentner Gepäck schleppten sie in den Dschungel. In einem Wildwasser kenterte eines der Expeditionsboote.

Gefahrvoll ist es auch heute noch, das abgelegene Gebiet zu erkunden. Die Flüsse sind voller Stromschnellen und Wasserfälle, Straßen gibt es nicht. "Tumucumaque ist Brasiliens letzte Grenze", schrieb das Nachrichtenmagazin "Veja". Doch die Zivilisation rückt näher. Minengesellschaften haben sich in der Nähe des Nationalparks angesiedelt, vor seinen Toren liegen Mangan- und Goldvorkommen. Auch Rinderzüchter dringen neuerdings vor.

Noch nie wurden am Amazonas so viele Bäume gefällt wie in den vergangenen zehn Jahren. Das einst größte zusammenhängende Waldgebiet der Erde gleicht auf Satellitenbildern längst einem grün-braunen Fleckenteppich. Der Tumucumaque-Nationalpark soll zukünftigen Generationen zumindest einen Eindruck von der Pracht und Artenvielfalt des tropischen Regenwalds vermitteln - wenn es gelingt, dieses Paradies zu schützen. "Ich stehe im Wettlauf gegen die Zeit", sagt Jaster.

Der Sohn eines deutschen Entwicklungshelfers ist ein Naturbursche. Als er sich um den Job als Nationalparkchef bewarb, musste er sich schnell einbürgern lassen: Bundesbehörden dürfen nur Brasilianer einstellen. Eigentlich hatte der leidenschaftliche Windsurfer auf einen Job am Meer gehofft. Als er erfuhr, dass er nach Tumucumaque versetzt werden würde, kramte er erst einmal eine Landkarte hervor. Jetzt lebt er in Macapá, der Hauptstadt des Bundesstaats Amapá, und surft auf dem Amazonas.

Der Nationalpark ist 250 Kilometer entfernt, ein Haus für die Parkverwaltung befindet sich im Bau. Für die Betreuung seines riesigen Reviers stehen Jaster ein Auto, zwei Boote und fünf Mitarbeiter zur Verfügung. Jeder Trip in den Nationalpark ist ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Jaster repariert einen Außenborder notfalls mit seinem Taschenmesser; er springt in den reißenden Fluss, um das Boot durch Stromschnellen zu ziehen; und er weiß, wie man bei strömendem Regen minutenschnell ein Urwaldcamp errichtet.

"Es ist ein unvergleichliches Gefühl, als erster Mensch einen Wald zu betreten, wie er vor Jahrmillionen ausgesehen hat", schwärmt er. Dort vergisst Jaster auch den Frust mit der Bürokratie. Sein Arbeitgeber, die Umweltbehörde Ibama, gilt als korrupt und ineffizient. Wer gegen Umweltsünder vorgeht, wird oft selbst zum Gejagten: Ein Mitarbeiter von ihm wurde fast überfahren, nachdem er eine Strafe gegen einen Rinderfarmer verhängt hatte. Auch Jaster wurde schon bedroht.

Von den Politikern kann er kaum Hilfe erwarten. Der Gouverneur von Amapá stammt aus einer Holzhändlerfamilie, der Umweltminister jagt gern, und der einzige Abgeordnete der grünen Partei im Landesparlament wollte sogar das Goldschürfen im Schutzgebiet zulassen, weil das Wählerstimmen bringt.

Beim Überfliegen seines Nationalparks hat Jaster kürzlich 20 illegale Landepisten gezählt, die vermutlich von Goldgräbern und Drogenschmugglern angelegt wurden. Auch eine Goldmine hat er unter dem Blätterdach bereits entdeckt.

Vor allem aber beunruhigt ihn Vila Brasil an der Nordgrenze des Nationalparks. Die illegale Siedlung ist auf keiner Landkarte verzeichnet. Bis zur nächsten Stadt sind es sieben Stunden - mit dem Motorboot. Dennoch wächst das Dorf ständig. Vor einem Jahr zählte es 150 Einwohner, jetzt sind es schon über 200. Boutiquen, kleine Läden, Kneipen und Bordelle säumen das Flussufer. Vila Brasil boomt, denn auf der anderen Seite des Flusses ist Euroland: Französisch-Guayana.

Gegenüber von Vila Brasil liegt Camopi, Europas exotischster Außenposten. Ein paar schlechtgelaunte Gendarmen und die Fremdenlegion halten Stellung in dem Urwaldnest. Vor allem leben auf der französischen Seite der Grenze rund tausend Indianer vom Stamm der Wayapi. Sie tragen rote Lendenschurze, sprechen gebrochen Französisch und kaufen zum Frühstück frisches Baguette. Auf ihren Feldern beschäftigen sie brasilianische Tagelöhner. Denn die Indios sind Franzosen und kassieren Unterstützung vom Staat.

Paris zahlt jedem Familienoberhaupt 1200 Euro; 600 Euro gibt es für jede Ehefrau, 300 Euro Kindergeld für jeden Sohn oder jede Tochter. Kinderreiche Indianerfamilien kommen leicht auf ein Monatseinkommen von 4000 bis 5000 Euro - das zwölffache eines brasilianischen Durchschnittslohns. Das Geld geben sie in Vila Brasil aus, da ist es billiger als in Camopi.

So lebt das Dschungeldorf von den kaufkräftigen Euro-Indianern. Die unbedarften Indios lassen sich leicht übers Ohr hauen: 30 Euro kostet eine Kiste Bier, 50 Euro ein "Programm mit Madame" im Bordell. Abends hocken die Indianer in den Bars am Flussufer und berauschen sich an Antarctica-Bier und Zuckerrohrschnaps. Der Geldsegen hat die einstigen Jäger und Sammler zu Alkoholikern gemacht.

Dazu kommen Tausende illegale Grenzgänger, die am Rio Camopi nach Gold schürfen; der Fluss ist bereits von Quecksilber verseucht, das bei der Trennung von Gold und Gestein eingesetzt wird.

"Warum unternimmt die französische Regierung nichts gegen das Chaos hier?", fragt Jaster bei einer Stippvisite in Camopi den Chef der Fremdenlegion. Major Antonio Lopes lacht über so viel Naivität: "Voilà, voilà, mein Freund, wenn die Regierung den Indios kein Geld mehr zahlt, hat sie die Menschenrechtsorganisationen am Hals. Und wenn sie die Goldgräber vertreibt, gibt es ein Blutvergießen."

Zwar gibt es Pläne, auch das französische Grenzgebiet zum Nationalpark zu erklären, aber das Vorhaben ist bislang nicht über öffentliche Anhörungen hinausgekommen. Jaster verspricht, sich gegen die Umsiedlung von Vila Brasil einzusetzen, "aus sozialen Gründen". Aber er kämpft auch darum, dass sich der Ort nicht weiter ausdehnt.

Am folgenden Morgen wird Jaster von Baulärm geweckt. Am Dorfrand haben illegale Siedler wieder ein Stück Urwald niedergebrannt, die Baumstümpfe kokeln noch. Hastig zimmern Arbeiter auf der Kahlfläche ein neues Baugerüst zusammen.


Tumucumaque-Park Bilderserie


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