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Update Amazoniendürre

Dürre im Regenwald

Von Josef Oehrlein, FAZ, 24. November 2005

Das brasilianische Amazonasgebiet hat die schwerste Trockenheitsperiode seit vierzig Jahren hinter sich. Die Flüsse Solimoes und Rio Negro, die in Manaus zum Amazonas werden, steigen allmählich wieder auf ihr gewöhnliches Niveau. Während des regenarmen Sommers war ein Tiefstwasserstand von nur 1,32 Metern registriert worden, an manchen Stellen zehn bis zwölf Meter unter dem mittleren Niveau. Die jahreszeitlichen Schwankungen des Wasserstandes folgen einem normalen und natürlichen Zyklus. Doch diesmal war die Trockenzeit extrem: Zuflüsse und Seen trockneten aus; Orte blieben ohne Trinkwasser; Einwohner, die sich auf den Wasserstraßen des Amazonas im Boot fortbewegen, waren von der Außenwelt abgeschnitten; teils mußten die Streitkräfte die Bevölkerung mit Trinkwasser, Lebensmitteln und Medikamenten versorgen. Nach Regierungsangaben waren von der Katastrophe 167.000 Personen direkt in Mitleidenschaft gezogen, 32.000 Familien in 914 Gemeinden, in denen der Notstand ausgerufen worden war. Indirekt hat vermutlich eine halbe Million Menschen unter den Folgen der Dürre zu leiden.

Zum dritten Mal innerhalb der vergangenen zehn Jahre ist es damit zu einer derart verheerenden Dürreperiode im regenreichsten Gebiet der Erde gekommen. Im Jahr 1995 waren 1,70 Wassertiefststand gemessen worden, 1997 sogar nur 1,43 Meter. Zum ersten Mal werden nun die extremen Trockenperioden mit globalen Klima-Erscheinungen in unmittelbare Beziehung gebracht. Bei einem Kongreß in Lima brachte die französische Klimaforscherin Josyane Ronchail den Mangel an Regen vor kurzem in Zusammenhang mit der seit Jahren zu beobachtenden stetigen Erwärmung des Wassers im Nordatlantik und folglich mit der in diesem Jahr ungewöhnlichen Häufung extrem kräftiger tropischer Wirbelstürme. Es gebe, so meinte die Forscherin, eine gewisse "Kohärenz" zwischen dem, was in der Karibik und am Amazonas geschah.

Viele Seen sind fast vollständig ausgetrocknet

Während sich an den Flußläufen des Amazonas die Lage allmählich wieder normalisiert, sind die Folgen der Trockenheit an den Seen, die keine natürlichen Zuflüsse haben, erst jetzt richtig zu spüren. Einige dieser Seen, vor allem im Gebiet nördlich von Manaus, sind fast vollständig ausgetrocknet. Für die Bevölkerung ist das verheerend, weil der Fischreichtum der Gewässer ihre Lebensgrundlage darstellt. Zahllose Fische seien verendet, und deshalb sei auch die natürliche Vermehrung der Fische gestört, berichtet Marcelo Crossa, Fischereifachmann vom Amazonas-Umweltforschungsinstitut (Ipam) in Santarem. Es werde mehrere Jahre dauern, bis sich die Bestände erholt haben.

Die Nationalregierung habe den Ernst der Lage erkannt und Hilfe versprochen, bekräftigt Crossa. Mit dem Bau von Brunnen soll die Wasserversorgung verbessert werden. Um künftig das Trockenfallen von Seen zu verhindern, sollen bestimmte Kanäle geschlossen und andere geöffnet werden, damit sich die Seen wieder rascher mit Wasser füllen können. Crossa befürchtet allerdings, daß sich die Dürreperioden in den nächsten Jahren in rascherer Folge wiederholen und jeweils noch verheerender ausfallen könnten, denn zu den Einflüssen des globalen Klimas tritt die hausgemachte Zerstörung des Amazonas-Regenwaldes, die unaufhaltsam voranschreitet.

Abholzung der Wälder auf Rekordniveau

Nach Erkenntnissen der Klimaforscher stammt etwa die Hälfte des Wasserdampfs, die im Amazonasgebiet als Regen niedergeht, aus dem Atlantik, die andere Hälfte geht auf die Verdunstung am Boden und in der Vegetation zurück. Die Abholzung der Wälder vor allem im Bundesstaat Mato Grosso und in Rondonia hatte im vergangenen Jahr mit 26.100 Quadratkilometern ein Rekordniveau erreicht. Beim Staatlichen Institut für Raumforschung (Inpe) schätzt man, daß im Amazonasgebiet schon 680 Millionen Quadratkilometer verloren sind, das sind 17,5 Prozent des Urwaldes. Auf den gerodeten Flächen entstehen zumeist Sojafelder und Viehweiden. Wenn diese Entwicklung nicht aufgehalten wird, ist nach Ansicht von Fachleuten die Region in fünfzig Jahren eine Wüste oder im besten Fall ein riesiges Sojafeld oder eine Kuhweide. Brasilien ist zur Zeit der zweitgrößte Sojaexporteur nach den Vereinigten Staaten und einer der größten Rindfleischexporteure. Die Europäische Union führt vierzig Prozent des in Europa verzehrten Rindfleischs aus Brasilien ein, 20 Prozent des Welt-Rindfleischhandels werden von Brasilien kontrolliert.

Die rasch zunehmende Abholzung habe unzweifelhaft Auswirkungen auf das Klima in der Region, welche die größte Artenvielfalt der Erde beherbergt, sagt Vilmar Locatelli von der Staatlichen Kommission für Amazonien, wo 30 000 Pflanzenarten, 2500 Baumarten, und 3000 verschiedene Fischsorten heimisch seien. "Ohne den Urwald könnten die Regenfälle um zwanzig bis dreißig Prozent zurückgehen, und die Durchschnittstemperatur könnte um drei bis fünf Grad steigen." Der Schutz des Amazonasgebietes war noch ein wichtiges Thema im Wahlkampf vor drei Jahren gewesen. Luiz Inacio Lula da Silva, der damals zum Präsidenten gewählt wurde, sagte aber auch, daß die Gegend kein "unantastbares Heiligtum" sein könne. Es müsse vielmehr "eine umweltverträgliche Wirtschaftsentwicklung" betrieben werden. Vor allem die illegalen Landbesetzungen sollten verhindert werden. Dazu wurde ein modernes Überwachungssystem eingerichtet, mit dem illegale Rodungen aus der Luft beobachtet werden können. Die Regierung ordnete die Registrierung aller Besitzer von mehr als 300 Hektar Land an. Sie mußten die Legalität ihres Besitzes beweisen.

„Das Wirtschaftswachstum hat den Kahlschlag befördert”

Für die nächsten zehn Jahre wurden dreizehn Millionen Hektar staatseigenes Land für die umweltverträgliche Nutzung zur Verfügung gestellt, um illegale Besetzungen zu vermeiden. Dutzende von Naturparks wurden geschaffen, aber die Ergebnisse lassen auf sich warten. Umweltministerin Marina Silva schob die Schuld daran der brasilianischen Gesellschaft in die Schuhe: "Sie ist gegen die Abholzung des Amazonasgebietes, konsumiert aber weiterhin Produkte, die genau diese Abholzung fördern." Das Wirtschaftswachstum in Brasilien habe den Kahlschlag befördert, konstatierte Silva, die selbst aus dem Amazonasgebiet stammt. Vergangenes Jahr ist ein Plan zur Kontrolle und zum Schutz des Urwaldes angenommen worden, an dem sich dreizehn Ministerien beteiligen. Ergebnisse habe aber auch dieses Projekt noch nicht gebracht, gestand sie ein.

Landbesitzer, die Erfahrungen mit dem legalen Registrierungsprozeß gesammelt haben, kritisieren den von den komplizierten Gesetzen verursachten bürokratischen Aufwand. Abschreckend seien nicht zuletzt die Langsamkeit und Ineffizienz der brasilianischen Behörden. All das fördere geradezu die illegale Aneignung von Land.


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