Aktuell


Verfolgte Indigene in Kolumbien

Gewalt bedroht Kolumbiens Ureinwohner

Von Roland Schönbauer, UNHCR, 9. Dezember 2005

Buenaventura, Kolumbien - „Vamos, vamos“, ruft der Kapitän und wirft die beiden Außenbordmotoren an. Die Expedition zu den Siedlungen von Afro-Kolumbianern und Ureinwohnern entlang des Flusses San Juan in der Provinz Chocó ist spät dran. Trotzdem dreht Kapitän José nochmals um, als ein Mann mit einem Brief in der Hand auf den Pier rennt und nimmt ihn noch entgegen. Das Boot ist für die nächsten Tage wahrscheinlich die letzte „Postverbindung“ zu den Dörfern, die kein Telefon und oft nicht einmal Strom haben.

Es regnet in Strömen, als das Boot Kurs auf den Pazifik nimmt. An Bord sind Vertreter von Hilfsorganisationen, Journalisten und UNHCR-Mitarbeiter, die sich bestmöglich unter Regenmänteln, Segelplanen, Hüten, Kappen und Jacken vor dem Wasser zu schützen versuchen. Doch es hilft alles nichts: Die See ist stürmisch und das Wasser kommt von allen Seiten. Zuerst scheint jeder die Herausforderung zu genießen, aber nach der ersten Stunde ist das Lachen verstummt. Der Regen hingegen fällt unverändert weiter.

Chocó ist eine der feuchtesten Regionen der Welt. Hier leben vor allem kolumbianische Ureinwohnern und afro-karibischen Gemeinschaften, die schon seit Jahrhunderten an den Ufern der vielen Flüsse siedeln. In den letzten Jahren wurden sie mehr und mehr zum Ziel von bewaffneten Gruppen, die sich schon seit Jahrzehnten gegenseitig bekriegen und zugleich gegen die Armee kämpfen.

Bei ihrem Kampf um Grund und Boden terrorisieren sie die örtliche Bevölkerung, und so sehen sich jährlich tausende Menschen gezwungen, ihr Zuhause zu verlassen. Manchmal blockieren die Banden über Wochen den Fluss, um alle Fahrten innerhalb und aus der Region zu kontrollieren und nutzen diese Gelegenheit, um Salz, Reis, Öl und sogar Medikamente zu konfiszieren, die die Dorfbewohner auf ihrem Rückweg vom Markt in der Stadt mitbringen.

Die erste Station der Reise ist Unión Balsamito, eine von 30 indigenen Gemeinden entlang des Flusses San Juan leben. In dem kleinen Dorf ist erst vor kurzem ein junger Mann an einem Schlangenbiss gestorben, einzig und allein deswegen, weil das Gegenmittel nicht vorhanden war. Ein Tod, der vielerorts vermeidbar gewesen wäre, aber es gibt keine Apotheke in der Nähe von Unión Balsamito, und ein Krankenhaus erst recht nicht.

„Wir heißen sie auf unserem Land willkommen“, sagt der Führer des Wounaan-Stammes, als er die Expedition begrüßt. „Es ist uns sehr wichtig, dass Sie zu uns kommen. Besuch bedeutet, dass wir etwas Wichtiges zeigen können: nämlich, dass es uns gibt.“

Die Tragödie, die Chocós Ureinwohnern droht, wird in der restlichen Welt so gut wie gar nicht wahrgenommen. Die Außenwelt weiß kaum darüber Bescheid, was sich in diesen entlegenen Gemeinden abspielt, die zum Teil nur mit dem Boot zu erreichen sind. Über die meisten Verbrechen und Menschenrechtsverletzungen gegen Ureinwohner in Kolumbien wird nicht berichtet, und sie bleiben auch zum großen Teil unbestraft. Der Nationalen Organisation der Ureinwohner Kolumbiens (ONIC) zufolge wurden in den vergangenen zwanzig Jahren über 1.600 Ureinwohner ermordet – 60 Prozent davon in den letzten fünf Jahren.

Die ONIC-Statistiken zeigen auch, dass seit Anfang 2005 mehr als 19.000 indigene Männer, Frauen und Kinder vor dem Konflikt fliehen mussten. In Kolumbien leben über zwei Millionen Binnenvertriebene. Obwohl Vertreibung immer eine schreckliche Erfahrung ist, ist sie für die Ureinwohner eine ganz besondere Katastrophe: Ihre Kultur ist so eng verbunden mit dem Land auf dem sie leben, dass die Vertreibung häufig zum völligen Zusammenbruch der traditionellen Strukturen und Bräuche führt.

Obwohl enormer Druck auf sie ausgeübt wird, versuchen die kleinen Gemeinden in Chocó alles, um die Heimat nicht verlassen zu müssen. Am Flussufer gegenüber von Unión Balsamito, umgeben von dichtem Regenwald und schlammigem Wasser, liegt Docordó, ein für die Region typisches Dorf. Die Häuser und Hütten sind auf Säulen gebaut, die sicherstellen, dass Flutwasser unter ihnen ablaufen kann. Es gibt keine Autos, nur eine nicht asphaltierte Strasse, dutzende von Kindern lungern herum.

Die Menschen hier leben größtenteils von der Fischerei oder der Jagd, ein Leben, das eng mit dem Fluss und dem Wald verbunden ist und welches nun durch die Gegenwart von ständig wechselnden bewaffneten Banden in der Region bedroht wird. „Wir wagen es nicht mehr, nachts auf die Jagd zu gehen. Wir leben, als wären wir Fremde in unseren eigenen Häusern“, sagt ein Dorfbewohner.

Die Bevölkerung steht zwischen den Konfliktparteien und lebt in ständiger Angst vor Gewalt, Zwangsrekrutierung und Vergeltungsmorden. Die bewaffneten Gruppen konzentrieren sich dabei gezielt auf Stammesführer, die ihrem Druck Widerstand geleistet haben.

„’Entweder du verlässt den Fluss freiwillig oder du verlässt ihn in einer Kiste’ - so verpacken sie ihre Drohungen“, sagt ein schwarzer Stammesführer in Docordó. „Einige Stammesführer wurden schon getötet.“

Auch er betont die Wichtigkeit der Besuche von der Außenwelt. „Vom Staat“, beklagt er sich, „bekommen wir überhaupt keine Unterstützung. Es ist sehr wichtig, dass Leute herkommen, sodass wir nicht länger übersehen werden.“

Eine etwa siebzigjährige Dame, die die Besucher schon eine ganze Weile aus der Ferne beobachtet hatte, nähert sich ihnen, als diese gerade wieder in das Boot steigen. „Wir sind so froh, dass Sie hier sind“, sagt sie schließlich mit einem warmen Lächeln. „Vor einigen Wochen wurde uns gesagt, dass Sie kommen werden. Und jetzt sind Sie hier – wir sind so froh, Sie können es sich nicht vorstellen.“


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