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Aktuell
Der Amazonas-Bischof
Mit Leib und Seele
Der unerschrockene Amazonasbischof aus Vorarlberg
Von Sandra Szabo, ORF, 23.12.06
Er setzt sich ein für die Entrechteten, die Ausgebeuteten, die Armen und die Heimatlosen: Bischof Erwin Kräutler. Der gebürtige Vorarlberger lebt seit mehr als 40 Jahren in Brasilien. Er ist Bischof im Amazonasgebiet und seine Prälatur ist benannt nach dem Fluss Xingu, einem der größten Nebenflüsse des Amazonas.
Von den Brasilianern wird er liebevoll "Dom Erwin" genannt. Der heute 67-jährige Priester wird in Brasilien "Dom Erwin" genannt. Wegen seines Einsatzes für die Unterprivilegierten wird er immer wieder mit dem Tod bedroht. Aber er kämpft unerschrocken und hartnäckig weiter für Gerechtigkeit und stellt sich schützend auf die Seite der Opfer.
Auf der Todesliste
Bischof Erwin Kräutler lebt gefährlich. Er ist den Mächtigen, Gierigen, den Skrupellosen, aber Einflussreichen ein Dorn im Auge. 1983 wurde er festgenommen und von der Militärpolizei misshandelt. 1987 überlebte er nur knapp einen inszinierten Autounfall. Immer wieder erreichen ihn Morddrohungen. Daher lebt er unter Polizeischutz.
Einer der zahlreichen Hintergründe der Morddrohungen ist sein Einsatz bei den Ermittlungen im Fall der ermordeten Missionarin Dorothy Stang: Die 73-jährige US-amerikanische Ordensfrau wurde im Februar 2005 erschossen. Stang hatte 30 Jahre lang in Brasilien gelebt und sich für Umweltschutz, für den Amazonas-Regenwald und für die Rechte von landlosen Bauern eingesetzt. Bisher kamen fünf Tatbeteiligte in Untersuchungshaft, drei vor Gericht.
Wer schweigt, stimmt zu
Kräutler ist hartnäckig. Als bekannt wird, dass mehrere minderjährige Mädchen sexuell mißbraucht worden sind, stellt er sich auf die Seite der Opfer. Er schreibt Briefe ans Justizministerium, an die Staats- und an die Bundespolizei. Auch in diesem Fall sind einflussreiche Personen verwickelt.
"Wer schweigt, stimmt zu", meint Bischof Kräutler. Sein Engagement gilt der Mit-Welt, den Menschen und der Natur. Widerstand zeigt er zum Beispiel auch gegen den Bau eines Staudammprojekts in Altamira. Sein Engagement ist täglich lebensgefährlich: Nicht für die Menschen, sondern neben und mit ihnen leben - das will Erwin Kräutler.
Kein Schreibtisch-Bischof
In Brasilien leben rund 185 Millionen Menschen, die mehrheitlich katholisch sind. Erwin Kräutler lebt im Norden des Landes. Die Prälatur Xingu im brasilianischen Amazonasgebiet ist viermal so groß wie Österreich - mit einer halben Million Einwohner, davon 8.000 Indichinas, brasilianische Ureinwohner. Bischof Erwin Kräutler ist keiner den es lange in seinem Bischofssitz in der Stadt Altamira hält; er will kein "Schreibtisch-Bischof" sein und ist deshalb ständig unterwegs.
Die kirchliche Basisgemeinde ist für Dom Erwin ein Ausdruck lebendiger Kirche. Wenn Bischof Kräutler in Europa unterwegs ist, wie etwa kürzlich bei einem Besuch in Kärnten, dann erzählt er immer wieder von diesen Basisgemeinden.
Missionar vom Kostbaren Blut
Erwin Kräutler ist ein Anhänger des Zölibats. Debatten rund um die Zulassung von Frauen zu Weiheämtern in der römisch-katholischen Kirche oder zur Frage der Priesterweihe für bewährte verheiratete Männer sind für ihn nicht der richtige Ansatz.
Aufgewachsen ist Erwin Kräutler in Koblach in Vorarlberg. Nach seiner Matura in Feldkirch tritt er in die Kongregation der "Missionare vom Kostbaren Blut" ein. Er studiert Theologie und Philosphie in Salzburg und wird 1965 zum Priester geweiht. Noch im selben Jahr wird er Missionar am Rio Xingu und am Amazonas. Sein Onkel Erich Kräutler ist damals Bischof dieser Prälatur in Brasilien. Erwin Kräutler wird sein Nachfolger - 1981 ernennt ihn Papst Johannes Paul II. zum Bischof.
Die Hoffnung stirbt zuletzt
Die Kirche wirkt nicht nur im sakralen Raum, sie lebt im Hier und Jetzt, davon ist Erwin Kräutler überzeugt. Und die viel zitierte und oft diskutierte Theologie der Befreiung definiert er ganz konkret:
"Das Wort Befreiung birgt für die Armen Lateinamerikas die Hoffnung, dass der morgige Tag eine Änderung bringt und die ersehnte Freiheit der Kinder Gottes Wirklichkeit wird. Diese Sehnsucht lässt die Menschen nicht los: 'Die Hoffnung ist das Letzte, das stirbt', sagt ein lateinamerikanisches Sprichwort. Diese Hoffnung drängt zum gemeinsamen Handeln, zur Solidarität mit den Verelendeten."
Mein Leben ist wie der Amazonas
Erwin Kräutler steht den Ureinwohnern Brasiliens zur Seite wenn sie um ihre Rechte kämpfen. Er plädiert für eine gerechte Agrarreform und ist gegen die skrupellose und illegale Abholzung der Regenwälder. Im November dieses Jahres wurde Dom Erwin zum Präsidenten des katholischen Indianer-Missionsrates wieder gewählt. Diese Funktion hatte er bereits einmal - zwischen den Jahren 1983 und 1989 - inne. Sein Zugang zu anderen Kulturen ist gezeichnet von Einfühlungsvermögen und Verständnis.
Sein Leben ist wie der Amazonas: Jeder Tag gezeichnet von Ebbe und Flut. Ein Strom, der ruhig und träge seine Wege sucht und dann plötzlich durch einen Sturm, einen Blitz aufgepeitscht wird. "Mein Leben ist wie der Amazons" so auch der Titel eines seiner Bücher, in denen er Themen wie "Friede und Liebe" in den Mittelpunkt stellt. Wenn Bischof Kräutler seine Heimat Österreich besucht, dann wird er oft gefragt, was man denn selber tun könne, um die Welt gerechter zu machen. Seine Antwort: "Bescheidener und dankbarer leben."
Buch-Tipp
Erwin Kräutler, "Mein Leben ist wie der Amazonas",
Verlag Herder, ISBN 3451088150
Der Hirte vom Rio Xingu
Bischof Erwin Kräutler betet und kämpft seit 40 Jahren mit den Indios in Amazonien. Schon einmal wollte ihn die Holzmafia ermorden. Doch er setzt weiter auf störende Sanftmut.
Von Erwin Koch, Der Tagesspiegel, 30.12.06
Seine beste Zeit ist die Nacht, wenn sie zum Morgen wird. Dann trabt Dom Erwin, Rheintaler am Rio Xingu, durch die Stadt Altamira, den Rosenkranz betend, Gegrüßt seist Du, Maria, voll der Gnade. Morgen nach Morgen ist der Alte unterwegs, so schnell, dass die Polizisten, die ihn bewahren vor den Kugeln der Häscher, kaum folgen konnten und, mit Blasen an den Füßen, zuerst auf Motorräder wechselten, dann in ein Auto.
Schließlich, vor ein paar Wochen, schickte Erwin die Männer nach Hause: In meinem Beruf kann ich mit Leibwächtern nicht sein. Das erschreckt die Leute. Denn bevor hier die Menschen die Brille in einem Gesicht erkennen, ahnen sie die Pistole unter einem Hemd.
Erwin Kräutler aus Koblach, Vorarlberg, 67 Jahre alt, ist Bischof vom Xingu, Bundesstaat Pará, Brasilien. In Pará leben gut sechs Millionen Menschen, fast die Hälfte davon in größter Armut. Die Reichen, Großgrundbesitzer, Holzhändler, Bergwerkbetreiber, mehren Land und Geld und ließen in den letzten 35 Jahren 800 Kleinbauern ermorden, die ihren Boden, ihre Hütte nicht hergaben, drei Mächtige nur wurden vor Gericht gestellt und bestraft, ein zuverlässiger Mörder kostet 3000 Reais, 1100 Euro.
Seit ein paar Wochen setzt Erwin wieder allein durch die Düsternis, Der Herr ist mit Dir, Du bist gebenedeit unter den Frauen. Die besten Gedanken entstehen ihm jetzt, die Predigt vielleicht, die er heute Abend halten wird in der kleinen Catedral do Xingu, eine Firmung steht an. Ventilatoren hängen unter der Decke und rühren die Hitze, den Weihrauch. Dom Erwin, ein langer kräftiger Mensch, steht hinter dem Altar, rote Stola, beiger Rock, und wischt sich den Schweiß von der Stirn, Guten Abend, begrüßt er die Menschen, Guten Abend, antworten sie, Kerzen flackern, ein E-Bass brummt, eine Trommel schlägt, und Erwin Kräutler lächelt, Erwin liebt Menschen, Publikum. Dann erhebt er seine tiefe Stimme, wird schnell, wird leise, jetzt langsam und geheimnisvoll, die Gläubigen lachen, ein guter Redner, schlauer Unterhalter, Hirte seiner Herde.
Oder Dom Erwin, Und gebenedeit ist die Frucht Deines Leibes, Jesus, überlegt sich, während er trabt und betet, welche Worte er morgen in die Kameras spricht, wenn die Journalisten fragen, was er vom Beschluss des Obersten Gerichts halte, einen der Großgrundbesitzer aus der Untersuchungshaft zu entlassen, die befohlen hatten, die US-amerikanische Nonne Dorothy Stang wegzumachen, fünf Schüsse in Brust und Kopf, 12. Februar 2005, ein 74-jähriges freundliches Weibchen, das nicht müde wurde, die Rechte der Besitzlosen zu verteidigen, 140 Kilometer hinter Altamira, drüben in Anapu an der Transamazônica, die sich unendlich durch den Regenwald zieht, ein Band aus Staub und Tränen. Er wird sagen: Müssten nicht auch jene vor Gericht gestellt werden, die von ihren Wahlkampftribünen herab versicherten: Wenn ich die Wahl gewinne, verschwindet Dorothy aus Anapu! Hat nicht auch der zum Mord angestiftet, der im Fernsehen sprach: Was die Betschwester macht, ist eine Beleidigung! – es gibt hier genügend bewaffnete Leute, die sich zu wehren wissen. Und sind nicht die mitschuldig, die ihre Ermordung mit einem Feuerwerk feierten?
Und dann, vielleicht, kommt ihm Ademir Alfeu Federicci in den Sinn, Gewerkschafter und Leiter einer kirchlichen Basisgemeinde in Medicilândia, erschossen im Morgengrauen des 25. August 2001 vor den Augen seiner Frau. Oder Pater Hubert Mattli aus dem Vorarlberg, hingerichtet am Vormittag des 10. Oktober 1995 im Flur des Bischofssitzes von Altamira, die Polizei entschied auf Raubmord, gestohlen war nichts. Und ab und an denkt er an den 16. Oktober 1987, als es ihm selber ans Lebendige ging, Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes, Amen.
Der Rosenkranz, auswendig hingebetet, 50 Mal den gleichen Satz, war tägliche Zutat im Haus der Eltern zu Koblach, Maria und Heinrich Kräutler-Kräutler. Erwin war ihr erstes Kind, man besaß eine kleine Stickerei, war arm, der Vater im Krieg. Einmal im Jahr hatte er Urlaub, die Mutter gebar Kind um Kind, sechs. Nach jedem Essen betete sie ein Vaterunser für ihren Bruder Erich, Missionar vom Kostbaren Blut, seit 1934 im Urwald Brasiliens. Manchmal schickte der Onkel einen Brief, eine Fotografie, die Mutter las vor, Andacht in der Stimme, und als Pater Erich 1948, zum ersten Mal seit seiner Abreise, wieder im Vorarlbergischen war, stand stolz Erwin an seiner Seite, ministrierte mit glänzenden Augen, reichte dem Berühmten, der in Gemeindesälen Lichtbilder zeigte vom breiten Amazonas, vom Rio Xingu, den wilden Indianern, und dazu redete und redete, Wasser und Wein.
Zwölfjährig verließ Erwin das Haus, das Dorf, die Welt, zog sechs Kilometer weiter nach Feldkirch ins Internat, das Xaverius-Haus, geleitet von der Kongregation, der Onkel Erich anhing. Selten kam die Mutter zu Besuch, und wenn sie wieder ging, weinte er so sehr, dass er den Zug nicht mehr sah, in dem sie davonfuhr. Einmal, an einem Heiligen Abend zu Hause, heulte er für Stunden, dachte, wenigstens an Weihnachten ließen die Eltern sich erweichen, ihn wieder aufzunehmen, der Vater sagte: Du hast angefangen, jetzt machst du es fertig.
Erwin Kräutler wurde Priester, 19-jährig trat er der Kongregation der Missionare vom Kostbaren Blut bei, Noviziat in Liechtenstein, Studium der Philosophie und der Theologie in Salzburg.
Am Nachmittag des 16. Oktober 1987 war Bischof Erwin Kräutler, begleitet von zwei Mitbrüdern und einer Helferin, unterwegs nach Brasil Novo, einem Nest an der Transamazônica, um dort Menschen zu beraten, Landarbeiter, die sich versammelt hatten, sie wollten die Behörde zwingen, endlich die einzige Straße, im Sommer Staub, im Winter Schlamm, zu verbessern, um auch in der Regenzeit darauf fortzukommen. Bei Kilometer 23 sah er auf einer Kuppe einen hellen Wagen stehen, Dom Erwin fuhr bergan, und als er die höchste Stelle des Hügels querte, links der helle Wagen, rechts die Böschung, stieß, von der anderen Seite rasend, ein Lastwagen in sein Auto, zerschmetterte dem Bischof Brust und Gesicht, tötete den Beifahrer, Pater Salvatore. Zwei Männer stiegen aus und rannten davon.
Sechs Wochen lang lag Erwin Kräutler im Krankenhaus, mit Drähten banden sie ihm den Kiefer hoch, man setzte ihm neue Zähne ein, formte das Gesicht, operierte immer wieder, er schrie vor Schmerz. Noch hielt er das Geschehen für ein dummes Unglück – bis er erfuhr, dass ein Polizist und ein Anwalt bereits zehn Minuten nach dem Ereignis am Tatort waren, wo man doch, um von Altamira dorthin zu gelangen, mindestens eine halbe Stunde brauchte. Sie sagten aus, der Bischof habe einen Lastwagen zu überholen versucht und sei dabei mit einem anderen zusammengestoßen. Erwin erfuhr, dass der helle Wagen, der auf der Kuppe stand, dem Polizeikommissar von Brasil Novo gehörte, der sich gerühmt hatte, der ganzen Gemeinde Fleisch am Spieß zu spendieren, sobald es dem Bischof einmal an den Kragen gehe – zwei Jahre später wurde der Mann in seinem Haus, vor dem Fernseher sitzend, erschossen. Erwin erfuhr, dass am Tag, da er, schwer verletzt, und Pater Salvatore, tot, das Spital erreichten, ein Mann, den niemand kannte, in die Räume trat und, als der die Leiche sah, die Worte sprach: Sie haben den Falschen erwischt.
Hat ihn der Mordanschlag verändert?
Bischof Erwin Kräutler lehnt sich im hölzernen Stuhl zurück: Ich erfuhr am eigenen Leib, was Hass bewirken kann. Ich erfuhr am eigenen Leib, was Schmerz ist, die Schmerzen im Gesicht waren, ja, furchtbar. Seit damals, glaube ich, kann ich auf Menschen besser eingehen.
Was ist das für ein Gott, an den er glaubt – und der zulässt, was hier Alltag ist, Mord, Armut, Sklaverei?
Nun muss er lächeln. Vögel sitzen auf hohen Bäumen und machen Lärm, kein anderes Geräusch hier, kein Telefon, kein Motor im Informationszentrum Betânia, acht Kilometer vor Altamira, der Bischof schlägt das eine Bein über das andere, Sportschuhe an den großen Füßen, ein T-Shirt über der Brust, dann trinkt er einen Schluck Kaffee und antwortet in den Regenwald.
Der Gott, an den ich glaube, ist kein Regisseur, keiner, der inszeniert, was hier geschieht. Mein Gott ist kein Drahtziehergott, kein Puppenspieler. Sondern einer, der mit uns ist und mit uns geht. Das einzige Wort, mit dem ich meinen Gott umschreiben kann, ist Liebe.
Erwin Kräutler, Student der Theologie und der Philosophie, 26-jährig, zitterten die Knie, als er seine ersten Schwüre sprach. Nach Monaten der Qual hatte er sich gegen die Liebe zu einer Frau entschieden, Priesterweihe am 3. Juli 1965, am gleichen Tag wurde Onkel Erich, noch immer am Rio Xingu, als Vizegeneral seiner Kongregation nach Rom berufen. Onkel Erich hielt die Predigt, als Erwin in der Kirche von Koblach am Rhein seine erste Messe hielt, die Primiz, das Haus war voll, Blechmusik füllte das Dorf, Fahnen flatterten, 18. Juli 1965.
Aber Erwin wollte nach Brasilien.
Am Vormittag des 2. November 1965, tröstete er Eltern und Geschwister und stieg in den Zug nach Hamburg, alle dachten, Erwin kommt in zehn Jahren wieder. In Hamburg nahm er ein Schiff der norddeutschen Lloyd, Belém, die grosse Stadt am Delta des Amazonas, erreichte er nach drei Wochen.
Dieses Schiff, lacht Erwin in die Ruhe, fuhr weiter und sank in der Karibik.
Altamira, den Ort am Rio Xingu, betrat Erwin Kräutler, Frischmissionar zum Kostbaren Blut, in Talar und Tropenhelm. Altamira zählte 4500 Menschen, ohne Straßen, ohne Strom, ohne Wasserleitung, heute sind es 100 000, die meisten in Hütten am Rand der Stadt. Das Bistum Xingu ist das größte in Brasilien, fast neunmal größer als die Schweiz, 350 000 malariaverseuchte Quadratkilometer, 400 000 Menschen, 750 Gemeinden, 40 Ordensleute, 26 Priester, 1 Bischof.
An Weihnachten 1965 hielt Erwin seine erste Predigt in portugiesischer Sprache, stotternd und schwitzend las er vom Zettel. Naiv und unerfahren machte er sich in die Dörfer am Unterlauf des Xingu, er reiste in einem Boot, taufte und lehrte und taufte, an einem einzigen Tag 105 Kinder, er schlief in Hängematten, belagert von Mücken und Fledermäusen, Malaria, vier Mal.
Man hat erledigt. Man hat sich nicht darum gekümmert, ob die Menschen begriffen. Die Menschen verstanden ja nicht einmal den Unterschied zwischen Firmung und Impfung. Ich war frustriert, auch traurig. So wollte ich nicht, so ging das nicht. Nur leeres Ritual. Hülsentum.
In der Karwoche 1983 riefen Zuckerrohrarbeiter, Kilometer 93 an der Transamazônica, Dom Erwin um Hilfe. Seit neun Monaten hatte ihnen die Fabrik, der sie ihren Stoff lieferten, keinen Lohn mehr bezahlt, zwei Männer, zur Abschreckung, waren gefoltert, dann ermordet worden. Jetzt baten die Menschen den Bischof, mit ihnen eine Prozession zu gehen, den Kreuzweg. Die Polizei verbot. Erwin hielt dagegen: Ein Kreuzweg ist kein Protestzug, sondern eine liturgische Handlung. Gemeinsam schrieben sie einen Brief, Erwin schickte ihn an alle Gemeinden, ließ ihn an die Türen seiner Kirchen schlagen. Am 1. Juni, als die Menschen, um zu ihrem Recht zu kommen, die Transamazônica blockierten, setzte sich Dom Erwin zu ihnen in den Staub. Die Militärpolizei rückte an, 70 Bewaffnete, Erwin griff zum Mikrofon, sprach von Gerechtigkeit, betete, irgendwann platzte die erste Granate, Tränengas, alle rannten und schrien, ein Polizist stürzte sich auf den Bischof, schlug mit Fäusten, verdrehte Erwin die Arme, die Menschen riefen: Das ist doch unser Bischof, nosso bispo.
Armut, sagt Erwin, meint mehr als Besitzlosigkeit, Armut ist Ohnmacht, Wertlosigkeit, Armut heißt: nicht haben, nicht sein, nicht können, nicht dürfen.
Manche nennen ihn einen Marxisten.
Erwin lacht: Unsinn. Mit Marx, der Religion als Opium für das Volk hielt, bin ich dann einverstanden, wenn Religion sich nicht mehr um die Menschen kümmert, um ihre Sorgen, sondern nur noch Berieselung ist, Amüsement, damit es mir gut geht, damit ich mich eine Stunde lang wohl fühle, die Lieder, die gesungen werden, mir eine Gänsehaut machen. Dann bin ich gern Marxist. Aber sonst – Gewalt, Mord ist immer eine theologische Katastrophe. Gewalt ist sinnlos, sie ist kontraproduktiv, Gewalt macht Gewalt, eine tiefe Binsenwahrheit.
1971, nach sechs Jahren in Rom, kam Onkel Erich, nun als Bischof, aus Rom an den Xingu zurück. Erich bot Erwin das Du an, Erwin lehnte ab. Onkel und Neffe lebten nebeneinander, bis Bischof Erich, seine Priester befragte, wen sie am liebsten zu seinem Nachfolger hätten. Erwin erschrak, fühlte sich unfähig, er hatte Angst und wurde 1981 neuer Bischof vom Xingu. Die Brasilianische Bischofskonferenz machte ihn zum Präsidenten ihres Indianermissionsrats. Ihm ist zu danken, dass, trotz des Widerstands der Großgrundbesitzer, der Holzhändler und Bergwerkbetreiber, die Erwin Kräutler einen Verräter und Vergewaltiger schimpften, die Rechte der Indianer auf Land, Kultur und Selbstbestimmung in der Verfassung festgeschrieben wurden, umfassender als in anderen Staaten der Welt, Art. 22, XIV und Art. 231, 30. August 1988, Dom Erwins großer Sieg.
Seine liebste Zeit ist die Nacht, wenn sie zum Tag wird. Die guten Gedanken entstehen jetzt, vielleicht der Satz: Sanftmut ist die Beharrlichkeit bei der Erfüllung eines Auftrags, Sanftmut heißt, sich nicht einschüchtern lassen, Gewaltlosigkeit, aber aktive.
Im Juni 2006, als Bischof Erwin in Europa war, riefen Behörde und Wirtschaft, die den Rio Xingu stauen möchten, so dass Indianergebiete und zwei Drittel der Stadt Altamira darin versänken, zum Straßenfest. Ein Politiker schrie: Dom Erwin ist gegen alles, ganz Amazonien will er in Gips legen! Auf einer Fahne stand: Bispo Erwin, der Wolf im Schafspelz! Freunde riefen ihn an, erzählten von der neuesten Morddrohung und baten, die Rückreise zu verschieben. Erwin Kräutler tat es nicht, und als er in Altamira aus dem Flugzeug stieg, warteten Hunderte auf ihn, singend, tanzend, und brachten ihn sicher zu seinem Haus am Flussufer.
Jeden Morgen, noch ist es dunkel, trabt der Bischof durch die Straßen seiner Stadt, Sportschuhe an den großen Füßen, fünf Kilometer weit, genau hundertfünfzig Mal Gegrüßt seist Du, Maria, voll der Gnade.
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