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Aktuell
Tote wegen Agrosprit
2 Tote bei Streit um Biokraftstoff-Anbau in Brasilien
"Rettet den Regenwald" e.V. Pressemitteilung, 24.10.07
Hamburg - Der Einsatz einer bewaffneten Miliz auf einem Versuchscamp des Schweizer Biotech- und Agrokonzerns Syngenta im Südwesten Brasiliens hat nach Informationen der Hamburger Umweltorganisation Rettet den Regenwald am vergangenen Sonntag zwei Tote und neun Schwerverletzte gefordert. Am Mittag des 21. Oktober 2007 war ein Bus vor einem Versuchscamp von Syngenta Seeds in Santa Tereza do Oeste vorgefahren, aus dem etwa 40 bewaffnete Männer ausstiegen und zu schiessen begannen. Das Camp war wenige Stunden vorher von Bauern der brasilianischen Landlosenbewegung Movimiento Sem Terra sowie Via Campesina friedlich besetzt worden. Das anwesende Sicherheitspersonal von Syngenta Seeds hatte daraufhin das Gelände verlassen.
Bei dem Überfall wurde der Bauer Valmir Motta, 32 Jahre und Familienvater von drei Kindern, mit zwei Pistolenschüssen erschossen. Vier weitere Bauern, Gentil Couto Viera, Jonas Gomes de Queiroz, Domingos Barretos und Hudson Cardin wurden schwer verletzt. Eine Bauernfrau, Izabel Nascimento de Souza, wurde schwer misshandelt und liegt nach Angaben von Via Campesina im Koma im Krankenhaus. Auf Seiten der Miliz gab es einen Toten sowie drei verletzte Personen.
Das Versuchscamp von Syngenta Seeds war bereits im Márz 2006 von landlosen Bauern besetzt worden, um den illegalen Anbau von genmodifiziertem Mais und Soja zur Produktion von Samen anzuzeigen. Das Camp liegt in der Pufferzone des weltbekannten Iguazú Nationalparks im äussersten Südwesten Brasiliens, im Dreiländereck wenige Kilometer von der Grenze zu Argentinien und Paraguay entfernt.
Syngenta ist eine der weltweit grössten Biotech- und Agrofirmen. Die Firma ist in 2000 aus der Fusion von Novartis, in der vorher schon Sandoz und Ciba Geigy aufgegangen waren, und AstraZeneca entstanden. Syngenta spielt bei der weltweiten Agrartreibstoff-Produktion inzwischen eine führende Rolle.
Brasilien, Argentinien und Paraguay gehören zu den führenden Produzenten von Agrarkraftstoffen. In den drei Ländern werden auf Millionen Hektar Soja, Mais und Zuckerrohr angebaut, die in zunehmendem Umfang für die Erzeugung von Ethanol und Agrardiesel eingesetzt werden. Die Gentechnik und genetisch veränderte Pflanzen und Mikroorganismen spielen dabei eine wichtige Rolle. Allein in Argentinien gibt es mehrere
Millionen Hektar mit genmanipuliertem Soja und Mais.
Um die Flächen für die industriellen Monokulturen zum Anbau von Agrarkraftstoffen auszudehnen, werden in den drei Ländern Waldgebiete gerodet und die ansässigen Bauern von ihrem Land vertrieben. In Brasilien stehen nur noch etwa sechs Prozent des Küstenregenwalds Mata Atlantica, in Argentinien werden aktuell die letzten Yungaswälder gerodet und auch in Paraguay brannten in diesem Sommer die noch verbliebenen Urwälder.
Petrobas: Brasilien setzt voll auf Ethanol
Von Martin Kugler, Die Presse, 14.10.07
São Paulo/Wien. In Europa ist Biosprit in letzter Zeit ins Kreuzfeuer der Kritik gekommen. In Brasilien hingegen ist Bioethanol drauf und dran, zum wichtigsten Auto-Treibstoff zu werden. Der Chef des staatlichen Ölkonzerns Petrobras, Sergio Gabrielli, rechnete kürzlich vor, dass in Brasilien im Jahr 2020 mehr Ethanol als Benzin in Pkw getankt werden. Derzeit stammen rund 18 Prozent des Sprit aus erneuerbaren Rohstoffen, 2020 werden es laut Petrobras 57 Prozent sein.
Der Grund dafür ist die massenhafte Verbreitung sogenannter „Flexi-Fuel“-Autos. Sie können Benzin und Ethanol in beliebigem Mischungsverhältnis tanken, der Motor stellt sich automatisch auf das jeweilige Verhältnis ein. Nach der Markteinführung im Jahr 2003 sind nun schon 85 Prozent aller neu zugelassen Wägen Flexi-Fuel-Autos. Bis 2020, so schätzt Petrobras, können fast drei Viertel des Auto-Bestandes sowohl fossilen als auch erneuerbaren Sprit nutzen. Grund für den Boom: Wegen der hohen Rohölpreise ist Bioethanol derzeit deutlich billiger, Flexi-Fuel-Autos sind steuerlich begünstigt.
Probleme für Ethanolproduktion
Petrobras zieht daraus die Konsequenzen und investiert in Bioethanol: Um eine Mrd. Dollar (705 Mio. Euro) entstehen in den nächsten fünf Jahren 20 Ethanol-Fabriken.
Trotz dieser Zukunftsaussichten läuft das Wachstum des brasilianischen Ethanol-Sektors derzeit unrund. Seit Jahren wächst in Brasilien die Fläche, auf der Zuckerrohr angebaut wird. Im Süden weichen vor allem alte Kaffee-Plantagen den Energiepflanzen, im Norden wird weiterhin Regenwald zur Anlage von Zuckerrohr-Plantagen gerodet. Derzeit sind 0,8 Prozent der Landesfläche mit Zuckerrohr bepflanzt. Zudem schießen alljährlich Dutzende neue Zucker- und Ethanol-Fabriken aus dem Boden – auch mit internationalem Kapital, das im Milliarden-Maßstab nach Brasilien fließt. Laut Experten gibt es Projekte im Gesamtwert von 6,5 Mrd. Euro.
Die Ethanol-Produktion wächst jährlich um fast zehn Prozent. Der Absatz aber steigt nicht schnell genug, zuletzt „nur“ um 7,3 Prozent. Nach einer außergewöhnlich guten Ernte sind der Zucker- und der Alkoholpreis in den letzten Monaten um ein Drittel eingebrochen.
Export soll angekurbelt werden
Experten meinen, dass der einzige Ausweg für Brasilien im Export liegt. Präsident Luiz Inácio Lula da Silva betreibt deshalb eine rege Reise-Diplomatie, im Sommer war er zu Gesprächen in Skandinavien. Partnerschaftsabkommen gibt es bereits mit vielen lateinamerikanischen und afrikanischen Staaten. Der Ölkonzern Petrobras überlegt derzeit, ob er gemeinsam mit japanischen Partnern weitere Ethanol-Fabriken für den japanischen Markt bauen soll. Denn Japan ist noch abhängiger von Öl-Importen als Europa. Nun hat sich Brasilien auch mit der Welthandelsorganisation WTO angelegt: Präsident Lula fordert, dass Ethanol als „wertvoll für die Umwelt“ anerkannt wird, was niedrigere Zölle zur Folge hätte. Sowohl in Genf als auch bei den großen westlichen Staaten ist Brasilien damit aber auf Granit gestoßen. Denn die Industriestaaten schützen ihre eigenen Biosprit-Sektoren: Die USA heben 14 Cent Zoll je Liter Ethanol ein, die EU fast doppelt so viel.
Militärjunta förderte Ethanol
In der nördlichen Hemisphäre wird Ethanol nicht aus Zuckerrohr gewonnen, sondern aus Weizen, Mais oder Zuckerrüben. So kommt Bioethanol fast doppelt so teuer. Wegen der gestiegenen Rohstoffkosten ist das zur Zeit kein Geschäft: Wie berichtet hat auch die österreichische Agrana die Inbetriebnahme ihrer Ethanol-Fabrik um zumindest sechs Monate verschoben.
Das brasilianische Ethanol-Programm wurde von der Militär-Regierung Mitte der 70er Jahre ins Leben gerufen: nicht aus ökologischen Gründen, sondern um die Abhängigkeit von Ölimporten zu verringern. Die Bauern bekamen hohe Subventionen für den Anbau von Zuckerrohr, auch wurde der Preis an den Tankstellen vom Staat gestützt. Nachdem Petrobras aber große Ölfunde gemacht hatte, wurden die Förderungen in den 90er Jahren wieder gestrichen. Nun hat der stark gestiegene Ölpreis die biologische Variante erneut interessant gemacht.
Mittwoch, 24. Oktober, 11:26 Uhr
Ethanol-Hersteller in Brasilien unterzeichnen "grünes Protokoll"
São Paulo (AFP) - In Brasilien hat sich ein Großteil der Ethanol-Hersteller zu einer umweltfreundlicheren Produktion des Bio-Kraftstoffs verpflichtet. In São Paulo, dem größten Bundesstaats des Landes, hätten 96 der 148 Ethanol-Fabriken ein "grünes Protokoll" unterzeichnet, teilte der Branchenverband Unica am Dienstag mit. Damit verpflichten sich die Betriebe zu zehn Verfahrensweisen, die die Herstellung des Bio-Kraftstoffs aus Zuckerrohr umweltverträglicher machen. Künftig wollen die Hersteller laut Unica die Anbauflächen und die umliegende Vegetation schonen, mit Wasser und anderen Rohstoffen sparsam umgehen, den Ausstoß von Schadstoffen verringern und Dünger sparsam einsetzen.
"Agrotreibstoffe nutzen nur der Agroindustrie"
Kritiker: Biosprit als "schrecklicher Fehler" - Verstärkt lediglich den Hunger in der Welt
Von Johanna Ruzicka, DER STANDARD, 20./21.10.2007
Wien - Kein einziges der Ziele, die mit Biosprit verfolgt werden, könnten auch eingelöst werden, meint Eric Holt-Giménez, Direktor des Food-First-Instituts in Oakland, USA. Laut ihm kristallisiere sich Biosprit zum "schrecklichen Fehler" heraus, er plädierte bei einem Wien-Besuch auf Einladung der Grünen darauf, dass EU und USA ihre Beimischungsziele zu fossilem Treibstoff einfrieren. Außerdem will er "Biosprit" mit "Agrosprit" bezeichnet wissen, "da 'bio' eine positive Erwartungshaltung auslöst, die der Benzin aus Mais, Zuckerrohr oder Rübe nicht erfüllt".
Die Liste der Verfehlungen sei lang: Angeführt von den USA, die das große Geschäft mit dem nachwachsenden Treibstoff entdeckt hätten, würden in Lateinamerika Landenteignungen und Urwaldrodungen durchgeführt. "Die landlos gewordenen Bauern finden aber im Agrobusiness nicht genügend Jobs", sagt Holt-Giménez. Hundert Hektar Land können in kleinbäuerlichen Strukturen 35 Menschen ernähren. Stellt man die Fläche auf Zuckerrohr um, sind es nur mehr zehn Personen, bei Palmöl zwei. "Das ist das Ende der kleinen Bauernschaft in Entwicklungsländern." Bis 2025 könnten 1,2 Milliarden Menschen aufgrund dieser Entwicklung hungern; derzeit sind es 850 Millionen Menschen. In Brasilien und Kolumbien habe die Landenteignung bereits zu Massenprotesten geführt.
Urwälder müssen weichen
In den USA habe sich eine Lobby aus Saatgut-, Gentechnik-, Nahrungsmittel- und Ölproduzenten gebildet, die das Geschäft groß aufzögen. 88 große Ethanol-Fabriken seien geplant, die nicht mehr wie bisher im Eigentum von US-Farmern stünden und mittlerweile auch häufig nur mehr gentechnisch veränderten Mais als Rohstoff annehmen. Vorsitzender des Inter-American Ethanol Committees IAEC sei im Übrigen Jeb Bush, der Bruder des amtierenden US-Präsidenten.
Auch die CO2-Sparziele seien nicht zu erfüllen - und nicht nur, weil für die Energieplantagen Urwälder weichen müssen. "Wenn man eine Ethanolfabrik mit Kohle betreibt, ist das keine CO2-arme Alternative."
Der Grüne Landwirtschaftssprecher, Wolfgang Pirklhuber, fordert angesichts steigenden EU-Importe, zum Beispiel bei Palmöl, dass ein Zertifizierungssystem eingeführt wird, das Umwelt- und Sozialstandards in Entwicklungsländern sicherstellt.
Agro-Sprit: Antriebsmittel für den Welthunger
Von Viktoria Thumann, Greenpeace-Online, 16.10.07
Ein Hektar Getreide reicht, um ein Jahr lang entweder 18 Menschen zu ernähren oder ein Auto mit durchschnittlichem Verbrauch und durchschnittlicher Kilometerleistung zu betanken. "Lebensmittel gehören auf den Teller und nicht in den Tank", fordert Martin Hofstetter, Landwirtschaftsexperte von Greenpeace. Der 16. Oktober 2007 ist Welternährungstag. Er steht unter dem Motto "Recht auf Nahrung".
Diesem Recht auf Nahrung widerspricht die Tatsache, dass bei uns immer mehr Essen im Tank landet. Die Lebensmittelreserven sind weltweit auf einem historischen Tiefstand, die Getreidelager der EU erschöpft. Alles wird teurer - wieviel Wahrheit dieser oft dahingesagte Spruch enthält, bekommen wir mittlerweile jeden Morgen beim Brötchenkauf zu spüren. Die Getreidepreise haben sich in den letzten 20 Monaten verdoppelt. Und sie steigen immer weiter.
Für uns ist diese Entwicklung eine unerwünschte Erscheinung, für Menschen in ärmeren Ländern eine Katastrophe. Sie müssen einen Großteil ihres Einkommens für Grundnahrungsmittel wie Maisgrieß und Getreidemehl ausgeben.
Greenpeace-Lanwirtschaftexperte Martin Hofstetter sagt anlässlich des Welternährungstages: "Es ist wirklich erschütternd. Weltweit gehen die Getreidevorräte zurück und bei uns in Deutschland fördert die Politik durch unsinnige Gesetze, dass immer mehr Getreide zu Kraftstoff für mobile Spritfresser verarbeitet wird. Die Autoindustrie hofft, sich mit Agro-Sprit ein grünes Mäntelchen umwerfen zu können. Und Umweltminister Gabriel ist darauf reingefallen."
Biosprit ist klimapolitischer Unfug
In Deutschland wurden erst vor kurzem drei Ethanolfabriken gebaut: in Schwedt, Zeitz und Zörbig. Hier können jährlich 1,5 Millionen Tonnen Getreide verarbeitet werden. Absurd: Mit diesem Getreide könnten jährlich 4,5 Millionen Menschen ernährt, jedoch gerade einmal ein Prozent des deutschen Autospritbedarfs gedeckt werden. Sinnlos im Sinne des Klimaschutzes dazu, denn die Erzeugung von Agro-Kraftstoffen aus Mais, Raps und und Weizen ist klimaschädlicher als angenommen. Nach Berechnungen des Mainzer Chemienobelpreisträgers Paul Crutzen wurden die Lachgasemissionen aus der Stickstoffdüngung bisher massiv unterschätzt.
"Wir müssen in Deutschland ganz dringend umdenken. Kraftstoffe vom Acker können weder unsere Energieversorgung retten noch wesentlich Klimagase einsparen. Oft ist deren Einsatz klimapolitscher Unfug. Unsere Regierung muss schnell handeln und sich vom unsinnigen Biokraftstoffquotengesetz verabschieden. Getreide gehört auf den Teller und nicht in den Tank", sagt Hofstetter.
Greenpeace fordert andere Mobilitätskonzepte, Investitionen und gesetzliche Regelungen zur Steigerung der Effizienz von Fahrzeugen. Das SmILE-Auto von Greenpeace macht es vor! Biomasse muss schwerpunktmäßig für die dezentrale Wärme- und Stromerzeugung verwendet werden.
Weltweit treibt die steigende Nachfrage nach Agrarrohstoffen für Sprit immer schlimmere Blüten. Mehr und mehr Mais, Soja, Zuckerrohr und Palmöl werden nur noch zur Umwandlung in Biosprit angebaut. 20 Prozent der US-amerikanischen Maisernte wandern bereits in Ethanolanlagen. In Brasilien wird der Amazonas-Urwald durch Soja- und Zuckerrohranbau immer weiter dezimiert. Und in Indonesien wird Regenwald für Palmölplantagen abgeholzt. Greenpeace demonstriert dort derzeit mit einem Urwaldaktivisten-Camp gegen die Abholzung. Wir fordern ein Moratorium: Für die Produktion von Biomasse und Agrosprit sowie anderen landwirtschaftlichen Produkten darf kein Wald mehr zerstört werden.
24. Oktober, 2007
EU-Parlament bremst Klimaschutzpläne für Straßenverkehr
Straßburg (AP) Die ehrgeizigen Klimaschutzpläne der EU-Kommission für den Straßenverkehr haben am Mittwoch einen Dämpfer erhalten: Das Europaparlament sprach sich in Straßburg dafür aus, den Autoherstellern mehr Zeit zu geben, den Kohlendioxid-Ausstoß von Neufahrzeugen zu verringern. Statt 2012 schlägt das Parlament als Zieldatum das Jahr 2015 vor. Allerdings sprachen sich die Abgeordneten gleichzeitig für einen strengeren Grenzwert aus als die Kommission.
Bis 2015 sollen die Autohersteller
nach den Vorstellungen des Parlaments den CO2-Ausstoß von Neufahrzeugen auf durchschnittlich 125 Gramm pro Kilometer verringern. Nach den Plänen der EU-Kommission müssten sie mittels effizienterer Motorentechnik bis 2012 lediglich eine Reduzierung auf durchschnittlich 130 Gramm erreichen, weitere zehn Gramm sollten mit nicht-fahrzeugtechnischen Maßnahmen wie etwa einer stärkeren Nutzung von Biosprit eingespart werden.
Grüne und Sozialdemokraten zeigten sich dennoch empört über die von Konservativen und Liberalen geforderten Änderungen am Kommissionsvorschlag. «Das Europäische Parlament war wieder einmal dem Druck der Autolobby nicht gewachsen. Nicht Klimaschützer, sondern Autonarren haben sich durchgesetzt», kritisierte die Grünen-Europaabgeordnete Rebecca Harms. Ihr SPD-Kollege Matthias Groote rief die Kommission auf, an ihren bisherigen Plänen festzuhalten: «Ich kann nur hoffen, dass die EU-Kommission sich ehrgeiziger zeigt als das Europäische Parlament.
Dagegen argumentierte der liberale EU-Abgeordnete Holger Krahmer: «Wer politisch strenge Grenzwerte und effizientere Autos fordert, der muss die Entwicklungs- und Produktionszyklen der Industrie von fünf bis sieben Jahren anerkennen.
Ein konkreter Gesetzesentwurf der EU-Kommission zu den Klimaschutz-Auflagen für Autos, der erstmals auch eine Differenzierung nach Herstellern oder Fahrzeugklassen enthalten soll, wird frühestens im Dezember erwartet. Erst danach beginnt dann der eigentliche Gesetzgebungsprozess unter Beteiligung des Europaparlaments und der EU-Regierungen. Die am Mittwoch verabschiedete Stellungnahme des Parlaments deutet jedoch die Richtung der weiteren Debatte an.
Die pflanzlichen Klimakiller
Rapsdiesel soll schädlicher sein als Benzin - Diskussion über Biokraftstoffe neu entfacht
Von Uwe Gepp, AP, 09.10.2007
Frankfurt/Main - Eine neue Studie unter Beteiligung von Nobelpreisträger Paul Crutzen hat die Diskussion über den Einsatz von Biokraftstoffen zum Klimaschutz neu angefacht: Ein Forscherteam um den ehemaligen Direktor des Mainzer Max-Planck-Instituts für Chemie fand heraus, dass die Klimabilanz der alternativen Treibstoffe deutlich schlechter ist als bislang angenommen.
Umweltschützer, die den Boom bei Rapsdiesel und Bioethanol schon lange skeptisch beurteilen, fühlen sich bestätigt. Crutzen und drei weitere Wissenschaftler arbeiteten in der Fachpublikation "Atmospheric Chemistry and Physics" heraus, dass Biodiesel aus Raps bis zu 1,7 Mal schädlicher für das Klima sein kann als herkömmliches Benzin. Im besten Fall ist der Treibhaus-Effekt gleich groß.
Grund ist die Düngung mit Stickstoff, der zum Teil als Lachgas (Distickstoffmonoxid) in die Atmosphäre gelangt. Der Stoff ist jedoch ein um den Faktor 300 stärkeres Treibhausgas als Kohlendioxid und damit ein echter Klimakiller. Der Weltklimarat (IPCC) legte seinen Berechnungen einen drei- bis fünffach geringen Ausstoß von Lachgas bei der Herstellung von Biosprit zu Grunde, wie die Forscher notierten.
Dabei klingt es doch eigentlich verlockend: Theoretisch könnten pflanzliche Energieträger zu Emissionsminderungen beitragen, da bei ihrer Verbrennung lediglich so viel Kohlendioxid freigesetzt wird, wie die Pflanze für ihr Wachstum der Luft entzogen hat. Doch dieser positive, "klimaneutrale" Effekt wird der Studie zufolge von den negativen Effekten mehr als wettgemacht.
Besser sieht die Bilanz bei Ethanol aus Zuckerrohr aus, wie es etwa in großem Maßstab in Brasilien angebaut wird. In Deutschland ist aber vor allem Raps von Bedeutung, was etwa Experten des Umweltbundesamts oder des BUND unter Verweis auf die Energiebilanz und den Flächenverbrauch schon lange kritisch sehen. Auch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) wies kürzlich auf die gravierenden Folgen für die Landwirtschaft hin, wenn - wie von vielen Regierungen geplant - die Produktion von Biokraftstoffen drastisch gesteigert werden soll.
"Die Energiebilanz stimmt insgesamt nicht"
Der Bund für Umwelt und Naturschutz und das Umweltbundesamt fordern eine Abkehr von der Politik, die sogenannten Biokraftstoffe der ersten Generation zu fördern. Biomasse müsse effektiver genutzt werden, verlangt der BUND-Energieexperte Thorben Becker. "Die Energiebilanz stimmt insgesamt nicht." Das Umweltbundesamt weist darauf hin, dass der Einsatz von Biomasse bei der Kraft-Wärme-Kopplung viel mehr für den Klimaschutz bringe. Das gelte sogar für die Kraftstoffe der zweiten Generation, bei deren Herstellung auch Rest- und Abfallstoffe verarbeitet werden.
Trotz aller Skepsis setzt die Politik auf den Sprit aus Pflanzen: Europaweit sollen Biokraftstoffe bis 2020 einen Anteil von 10 Prozent am gesamten Benzin- und Dieselverbrauch haben, Deutschland will mindestens 12 Prozent schaffen. Derzeit sind es noch unter 5 Prozent. Auch US-Präsident George W. Bush setzt auf Ethanol, um sein Ziel zu erreichen, den Benzinverbrauch in seinem Land in den nächsten zehn Jahren um 20 Prozent zu senken.
Der Bundesverband Biogene und Regenerative Kraft- und Treibstoffe (BBK) weist darauf hin, dass nicht nur Umweltschutzgründe für den Einsatz von Biosprit spreche, sondern auch Fragen wie etwa die Energiesicherheit. BBK-Geschäftsführer Martin Tauschke betont außerdem, dass es noch keinen umfassenden Vergleich der Ökobilanzen von Biodiesel und fossilem Kraftstoff gebe. Dieser müsse Umweltbelastungen wie das Abfackeln von Gas bei der Ölförderung und Umweltrisiken berücksichtigen und würde sicher zugunsten der Biotreibstoffe ausfallen, meint der Lobbyist.
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