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Reportage: Palmöl in Indonesien
26. November, 2007
Erst sterben die Urwälder und dann die Tiere
Der Biospritbedarf heizt die Nachfrage nach Palmöl an - und zerstört die einmalige Natur Indonesiens
Jede Stunde geht eine Fläche verloren, die so groß ist wie 300 Fußballfelder. Mit fatalen Folgen auch für das Klima.
Pekanbaru (dpa) - Muymunah ist 75 und hat in ihrem Leben schon eine Menge gesehen. Nur so etwas wie die verheerenden Brände im vergangenen Jahr noch nie. "Alles brannte hier, alles, man konnte wochenlang nichts sehen, und die Augen brannten", sagt die indonesische Bäuerin und zeigt mit ihrer knochigen Hand über das weite Feld. Vor zwei Jahren wuchs hier, am Fluss Indragiri auf Sumatra, noch satter Tropenwald. Jetzt steht nichts mehr. Nur noch verkohlte Stümpfe ragen in die Luft.
Hier, wie in anderen Regionen Indonesiens, verschwindet der Regenwald in atemberaubendem Tempo. Jede Stunde gehe eine Fläche von 300 Fußballfeldern verloren, sagt die Umweltschutzorganisation Greenpeace. Palmöl heißt das Zauberwort. Jeder will am Boom teilhaben, seit Palmöl im Westen auch als nachwachsender Rohstoff entdeckt wurde, mit dem sich Treibstoffe umweltfreundlicher machen lassen. Allein Deutschland importiert nach Greenpeace-Angaben jedes Jahr etwa 950 000 Tonnen Palmöl für Lebensmittel, Kosmetik und zur Energiegewinnung. Mehr als 80 Prozent der Weltproduktion kommen aus Malaysia und Indonesien.
Das Fatale am Indragiri ist, dass der Tropenwald hier einst auf dickem Torfmoorboden stand. Um die wertvollen Stämme abzutransportieren, ziehen die Holzfäller dicke Kanäle durch das Land. Dann sinkt der Wasserspiegel, der Torf wird trocken. "Wenn die Bäume weg sind, heizt sich der Boden bis auf 70 Grad auf", sagt der indonesische Forstwirt Jonotoro - der kleinste Funke genügt für die große Katastrophe. Und oft legen die Plantagenbauern auch noch selbst Feuer, um so das Land für Pflanzungen zu räumen.
"Das brennt wie ein Haufen Streichhölzer", sagt Michael Stüwe von der Umweltorganisation WWF. Und hat sich als Riesenklimaproblem entpuppt. Wegen der Zerstörung dieser Wälder ist Indonesien zum weltweit drittgrößten Atmosphärenverschmutzer nach den USA und China aufgestiegen. Weltweit, schätzt der WWF, stammen 18 bis 20 Prozent der Treibhausgase aus der Zerstörung der Tropenwälder.
Durch das Abholzen, Verbrennen und Verarbeiten der Bäume gelangt nicht nur tonnenweise klimaschädigendes Kohlendioxid in die Luft. Die Böden sind bei natürlicher Bewachsung auch enorme Kohlenstoffspeicher, sie halten pro Quadratmeter sechs- bis neunmal so viel Kohlenstoff wie herkömmliche Wälder. Allein die Torfurwälder Sumatras speichern so viel Kohlenstoff, wie von allen Ländern der Erde jährlich emittiert wird, schätzt Greenpeace. Als Gastgeber der Weltklimakonferenz im Dezember auf Bali will Indonesien den Schutz der Tropenwälder zu einem wichtigen Thema machen. Jakarta will für den Schutz der Wälder finanziell entschädigt werden. "Das muss für die Behörden mindestens genauso lukrativ sein wie der Verkauf der Lizenzen zum Abholzen und Ölpalmenpflanzen", sagt der WWF-Umweltökonom Fitrian Ardiansyah. Das Problem: Die Zentralregierung in Jakarta hat zwar allerlei Gesetze zum Waldschutz erlassen, doch setzen sich Provinz- und Distriktfürsten gegen üppige Schmiergeldzahlungen darüber hinweg.
Muymunah weiß von all dem nichts. Nur, dass hier nichts mehr ist wie früher, bevor die Riesenbagger kamen, die im Hintergrund zu hören sind. Früher, sagt Umweltschützer Johny Setlawan Mundung, baute die Dorfgemeinschaft hier alles Mögliche an, Gemüse, Getreide, auf kleinen Flächen, zwischen den Bäumen - und immer wieder anderswo, damit die Böden sich erholen konnten.
Nun aber gedeiht kaum noch etwas auf den ausgetrockneten und verbrannten Torfböden. Weil es in diesem Jahr ein bisschen mehr geregnet hat, konnte ihre Tochter inmitten der Landschaftswüste ein kleines Ananasfeld anlegen.
Als damals die Palmölfirma kam und sagte, sie wolle die Felder in Plantagen umwandeln, waren die Bewohner des Dorfes Kuala Cenaku zwar skeptisch. Doch hörte sich der Deal verlockend an. "Vierzig Prozent des Profits für das Dorf, dem das Land gehört, ist üblich", sagt Mundung. Die Bagger kamen vor zwei Jahren, die Bäume verschwanden - und das Dorf sah keinen Cent. Dann brannte die Firma im vergangenen Jahr das Land auch noch ab. Wochenlang lag Rauch über dem Dorf. "Wir sind stinksauer", sagt der Dorfvorsteher von Kuala Cenaku, Mursyid M. Ali. Im Kanal hinter ihm steht die schwarze Brühe, die aus dem Torfboden sickert und in den Indragiri fließt. "Aus dem Boden kommt Säure, wir fangen viel weniger Fische", sagt er. Mursyid will von Palmöl nichts mehr wissen. "Wächst hier sowieso schlecht", sagt er.
Dass sich der Torfwald schlecht für Plantagen eignet, räumt auch Jonko Virta ein. Der Finne im schwarz-weißen Holzfällerhemd sieht so aus, als sei er geradewegs aus einem lappländischen Nadelbaumwald in die Tropen gestiefelt. Er ist bei der Zellstoff- und Papierfabrik April weltweit für die Faserbeschaffung zuständig. "Aus der Produktionsperspektive betrachtet ist Torfmoorboden nicht gerade wünschenswert", sagt er.
Aber der weltweite Papierbedarf ist riesig. Die Zellstofffabrik braucht jedes Jahr das Holz von Zehntausenden Hektar. Es wird aufgekocht, gepresst und dann zu Toiletten-, Pack- und Faxpapier, Windeln, Taschentüchern und dergleichen verarbeitet. So beantragt seine Firma - wie auch die weitaus größere indonesische Konkurrenz APP - immer neue Abholzlizenzen.
Doch Papierfirmen wie April sehen sich nicht als Wald- oder CO 2-Speicher-Vernichter. Ganz im Gegenteil. "Wir pflanzen hier jedes Jahr zwei Millionen Akazien", sagt Virta. Er fährt Besucher stolz über die riesige Palalawan-Plantage rund eine Stunde südlich von Pekanbaru. 91 000 Hektar gehören der Firma hier, die sie seit 2001 mit Akazien bepflanzt. Virta führt durch die Baumschule, in der die Akaziensamen am Fließband im kleine Blumentöpfe gesetzt werden. Nach neun Wochen kommen sie aufs Feld, im Jahr zwei Millionen, sagt Virta. Akazien wachsen besonders schnell, etwa zwei Zentimeter am Tag. Sie können nach sechs Jahren geschlagen werden.
Nach Virtas Darstellung ist die Firma ein Naturerhalter. Er räumt zwar ein: "Das Beste wäre es, über die Torfmoorwälder eine gigantische Glasglocke zu stülpen und sie in Ruhe zu lassen." Ökonomisch sei das nicht, sagt sein Umweltmanager Eliezer Lorenzo. "Hier wohnen ja auch Menschen, die vom Wald leben wollen. Es ist ein Balanceakt zwischen people-planet-profit - Menschen, Planet und Profit."
Das Unternehmen will weitere Lizenzen und verspricht, im Gegenzug die wenigen noch intakten Waldstücke zu erhalten. Drum herum sollen Plantagen entstehen - das schütze den Wald ja auch vor illegalen Holzfällern.
Da schauen die Umweltschützer skeptisch. Vor drei Jahren hatte April ganz in der Nähe des Naturschutzgebietes Tesso Nilo - nicht weit von Pekanbaru - eine 20 Kilometer lange Straße gebaut, um seine Waldgebiete und Plantagen besser an die Papierfabrik anzubinden. Aus dem Helikopter sieht man, was dort passiert ist: Entlang der Straße sind überall abgeholzte Gebiete zu sehen, die braunen Flächen fressen sich wie Krebs in den Tropenwald. Eine Straße bietet gute Transportmöglichkeiten, und das lockt Illegale an. "Hier gibt es ein wildes Einschlagen, die direkte Folge der Holzfäller-Autobahn von April", sagt WWF-Umweltschützer Stüwe.
"Das Problem sind nicht die kleinen Leute hier, die richten ja nicht den großen Schaden an", räumt Desmarita Murni vom WWF ein. "Aber wenn sie hier leben, kommen auch größere Firmen, die rücksichtslos abholzen."
Mit dem Verschwinden der Tropenwälder gehen nicht nur Zehntausende Baum- und Pflanzenarten verloren, sondern auch ganze Tierpopulationen. Auf Borneo etwa platzen die Auffangstationen für Orang-Utan-Babys aus den Nähten, deren Mütter in den Palmölplantagen abgeschossen werden. Auf Sumatra leben noch höchstens 400 Tiger und 200 Elefanten in der Wildnis. "Die Elefanten haben nicht nur weniger zu fressen, sondern gleichzeitig nebenan einen Delikatessenladen", sagt Stüwe. "Die Wachstumsknospe der zweijährigen Ölpalme ist eine Traumpraline für sie."
Und ihr Tod: Die Plantagenbesitzer lassen die Tiere fangen, ketten sie an Bäume - und lassen sie verenden.
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