AktuellDossier Amazonien
Straßenbau im Amazonas-Gebiet bedroht das WeltklimaNeue Infrastrukturvorhaben in Brasilien wirken sich auch katastrophal auf den Rest der Welt aus - weitere Straßenbau- und Staudammprojekte geplantDer Standard, 26.11.07 Wien – Die geplanten Maßnahmen der brasilianischen Regierung zur Entwicklung der Infrastruktur im Amazonasgebiet werden sich fatal auf das Weltklima auswirken, warnt der WWF. Ohne ausreichende Schutzmaßnahmen droht die Entwaldung von 1,7 Millionen Quadratkilometern durch mehrere gigantische Straßenbauprojekte bis 2050. Das entspricht einem Viertel des gesamten Amazonasregenwaldes. "Die klimatischen Folgen der Schädigung der grünen Klimaanlage des Planeten würden weltweit zu spüren sein", warnt WWF-Sprecher Franko Petri. Transamazônica wird asphaltiert Im Rahmen des "Plans zur Beschleunigung des Wachstums (PAC)" der Regierung Lula sieht der nationale Logistik- und Verkehrsplan umgerechnet 3,8 Milliarden Euro für den Straßenbau in Brasilien vor. Besonders kritisch aus ökologischer Sicht sind dabei die Asphaltierung der Transamazônica (BR 320), der 1780 Kilometer langen Straße BR 163 von Cuiabá nach Santarém und der Ausbau der BR 319 von Manaus nach Porto Velho. Auch den neuen Verbindungsstraßen zu anderen Ländern zwischen Pazifik und Atlantik sollen mehrere Millionen Hektar Regenwald zum Opfer fallen. Der WWF arbeitet derzeit an einem Maßnahmenplan für die BR 163. Umgelegt auf den gesamten brasilianischen Amazonas könnten so bis 2050 60 Prozent der prognostizierten Regenwaldzerstörung von 1,7 Millionen Quadratkilometer vermieden werden. Staudämme Auch die neu geplanten Staudämme im Amazonasgebiet sind eine Bedrohung für die Klimaanlage des Planeten. Allein der Staudamm Tucuruí überflutete 241.400 Hektar Regenwald. Inzwischen ist der Stausee ein Brutplatz für Malariaüberträger und trägt mit einem Sechstel zu den brasilianischen Treibhausgasemissionen bei, da sich die überflutete Vegetation langsam zersetzt. In den nächsten Jahren sollen weitere zehn Staudämme gebaut werden. Mehr als 13 Milliarden Euro sind dafür vorgesehen. In den letzten vier Jahren wurden durchschnittlich 19.000 Quadratkilometer Amazonasregenwald pro Jahr vernichtet Das entspricht etwa der Fläche Niederösterreichs. Bereits heute hat Brasilien mit 1,7 Milliarden Tonnen CO2 den vierthöchsten Treibhausgasausstoß der Welt. 17 Prozent des Regenwaldes in Brasilien sind bereits zerstört, weitere 17 Prozent sind stark beeinträchtigt. Die Zerstörung der tropischen Regenwälder verursacht heute ein Viertel der weltweiten CO2-Emissionen. Neben den Infrastrukturprojekten bedrohen Abholzung, Waldbrände, Bergbau und Pipelines den Waldbestand. Satelliten entdecken jedes Jahr bis zu 170.000 von Menschenhand verursachte Brandherde. Abholzung und Klimawandel Mit der Abholzung des Amazonasregenwaldes verliert die Erde neben den sozialen und ökologischen Problemen in Südamerika einen wesentlichen Faktor im Kampf gegen den Klimawandel. Durch die Brandrodung werden riesige Mengen Kohlendioxid freigesetzt und zugleich kann das durch den Menschen verursachte CO2 nicht mehr gebunden werden. Der weltweite Klimawandel übt zusätzlichen Druck auf den Amazonaswald aus. Für das Amazonasbecken werden zwei Grad Temperaturerhöhung erwartet. Dadurch verringert sich die Regenmenge um 20 Prozent mit katastrophalen Auswirkungen auf die Landwirtschaft weltweit. "Wenn der Amazonaswald komplett abgeholzt wird, würden 120 Milliarden Tonnen Kohlenstoff freigesetzt, die sich in der Lust mit Sauerstoff verbinden. Das entspricht der Menge an Treibhausgasemissionen der gesamten Welt in 15 Jahren", so Petri. Durch die Beeinträchtigung des Wasserkreislaufs im Amazonasgebiet verändern sich die Niederschläge auch in anderen Kontinenten. Besonders der Weizengürtel der USA, Indien und der westliche Pazifikraum sind stark bedroht. "Der Schutz des Regenwaldes ist der kostengünstigste Weg für den Klimaschutz, wie der Stern-Report 2006 festgestellt hat", verweist Petri auf die zahlreichen Projekte des WWF im Amazonas – allen voran das WWF-Netzwerk (ARPA), das bis 2012 eine halbe Million Quadratkilometer Regenwald unter Schutz stellen will. (red) In Amazonien lodern die FlammenDer WWF-Tropenwaldexperte Roberto Maldonado warnt vor der Zerstörung der brasilianischen Regenwälder durch BrandrodungDer Standard, 26.11.07 Dichte Qualmwolken überzogen im September die tropischen Regenwälder Amazoniens. Flughäfen wurden geschlossen, viele Häuser sind zerstört, zahlreiche Gebiete sind unpassierbar oder gesperrt. Schuld an dieser alljährlich wiederkehrenden Naturkatastrophe ist nach dem WWF-Tropenwaldexperten Roberto Maldonado die anhaltende Zerstörung der Wälder durch Brandrodung: "Die Feuer werden jedes Jahr zum Ende der Trockenzeit gelegt, wenn die Holzfäller ihr Werk vollendet und die wertvollsten Bäume abtransportiert haben. Dann wird alles dem Erdboden gleichgemacht und anschließend zu Plantagen für den Anbau von Soja oder Zuckerrohr oder zu Viehweiden umfunktioniert." Besonders schlimm betroffen war der brasilianische Bundesstaat Mato Grosso. Maldonado kehrte gerade von einer WWF-Projektreise in den dortigen Nationalpark Juruena zurück. In den neun Tagen, die er in Brasilien verbrachte, brannte es in Mato Grosso genau 3.012 Mal: "Das Blätterdach war immer in dichten Qualm gehüllt, und die Luft war zum Atmen zu schwer, sodass wir unser Reiseprogramm nur eingeschränkt durchführen konnten." Auch die Erhebungen des brasilianischen Instituts für Raumfahrtforschung INPE bestätigen, dass die Feuer unmittelbar mit der Regenwaldzerstörung zusammenhängen. Den Aufzeichnungen zufolge nimmt die Anzahl der Brandherde seit 2004 ab. Man geht davon aus, dass dies auch mit den sinkenden Entwaldungsraten Brasiliens zusammenhängt. Nach offiziellen Schätzungen wurden im Jahr 2006 rund 10.000 Quadratkilometer zerstört - das ist fast ein Drittel weniger als im gleichen Vorjahreszeitraum. "Point of no return" bald erreicht? Doch Maldonado warnt davor, angesichts dieses Positivtrends den anhaltenden Druck auf die Tropenwälder zu verharmlosen. Nach wie vor rückt die "Entwaldungsfront" aus dem Süden und Südosten kommend in den Amazonas-Regenwald vor, um den weltweiten Hunger der Holz-, Soja-, Zucker- und Fleischindustrie zu stillen. Dadurch könnte in wenigen Jahrzehnten ein "Point of no return" erreicht sein. Dann wird sich der Amazonas-Tropenwald - noch immer der größte der Welt - aufgrund des gestörten internen Wasserkreislaufs nicht mehr von selbst regulieren können und damit seine natürlichen Funktionen als riesiges Süßwasserreservoir, CO2-Speicher und Zentrum der Artenvielfalt unwiederbringlich verlieren. Rettungsinitiative "Selbst wenn wir derzeit eine Verringerung der Entwaldung am Amazonas erleben – fast 10.000 Quadratkilometer pro Jahr sind immer noch viel zuviel. Das entspricht der Fläche Kärntens", stellt Maldonado fest. Der WWF hat deshalb eine internationale Rettungsinitiative für den Amazonas gestartet, um ein ehrgeiziges Ziel zu erreichen: Bis 2012 soll in Amazonien ein riesiges Schutzgebietsnetzwerk in der Größe Spaniens aufgebaut werden. Innerhalb der nächsten Jahre wollen sich die Umweltschützer gemeinsam mit der brasilianischen Umweltbehörde IBAMA-ICM außerdem dafür einsetzen, dass zum Beispiel bestehende Schutzgebiete durch nachhaltige Finanzierungsmodelle abgesichert werden. Dazu fand Anfang September in Sao Paolo auf Einladung des WWF und der deutsch-brasilianischen Handelskammer eine Konferenz deutscher und brasilianischer Unternehmen statt. (red) "Atempause" für den RegenwaldWaldvernichtung um über 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurück gegangen - Brasilianische Infrastruktur-Projekte bedrohen Regenwald weiterhinDer Standard, 26.11.07 Wien - Aktuelle Zahlen der brasilianischen Regierung dokumentieren einen Rückgang der Waldvernichtung am Amazonas von deutlich mehr als einem Viertel im Vergleich zum Vorjahr. Der WWF zeigte sich erleichtert über diese "Atempause" für den Regenwald, gleichzeitig fürchten die Naturschützer eine neue Rodungswelle aufgrund zahlreicher geplanter Infrastrukturprojekte. - Beispielsweise hat die Provinz Amazons vor kurzem erst ein Budget von umgerechnet 11,5 Millionen Euro zur Vergüung gestellt, mit dem die landwirtschaftliche Industrie in der Region - etwa die Herstellung von Biosprit - gefördert werden soll. Entspannung Auch wenn die brasilianische Regierung die Entwaldungsrate für den Zeitraum 2005/2006 von 13.100 Quadratkilometer auf 14.039 Quadratkilometer nachträglich nach oben korrigieren musste, deutet sich eine Entspannung an. In einer ersten Abschätzung für den Zeitraum 2006/2007 konnte ein Rückgang der Entwaldung auf ca. 9.600 Quadratkilometer festgestellt werden. Trotz dieser positiven Entwicklung hält die Regierung von Präsident Inacio Lula da Silva den traurigen Rekord von 85.000 Quadratkilometer Waldvernichtung am Amazonas in ihren ersten vier Regierungsjahren, betont der WWF. Das entspricht einer Fläche so groß wie Österreich. WWF: "Neue Wachstumsprogramme" "Wir sind erleichtert über diese Atempause am Amazonas, auch wenn der Verlust an Regenwald weiter geht", sagt Franko Petri, Amazonassprecher des WWF "Doch statt die Gunst der Stunde zu nutzen, um die Waldvernichtung baldmöglichst auf Null zu bringen, stellt die Regierung neue Wachstumsprogramme auf, in denen das Thema Umwelt ausschließlich als Hemmnis gesehen wird", kritisiert Petri. Zuletzt hatte die brasilianische Regierung grünes Licht für den Staudammbau am längsten Amazonasnebenfluss, dem Rio Madeira, gegeben. Proteste von Umweltschützern, indigenen Bevölkerungsgruppen und aus Bolivien verhallten ungehört. Gigantische Straßenbauprogramme mitten durch den Regenwald stehen bevor. "Hier zeichnet sich ein Generalangriff auf die Amazonasregion ab, dessen Folgen noch gar nicht abzusehen sind", so Petri. Brasilien braucht eine Entwicklung, die die Region und die Lebensgrundlagen der Menschen erhält. Der Amazonasregenwald ist eine der artenreichsten Regionen der Erde, er speichert so viel Kohlenstoff wie weltweit in 15 Jahren durch fossile Brennstoffe wie Kohle und Öl freigesetzt wird und ist daher ein Klimastabilisator von globaler Bedeutung. (red) Illegales Tropenholz: Das Problem bei der Wurzel packenUmweltorganisationen starten Initiative: Illegal geschlägertes Holz soll in Brasilien nicht mehr aufgekauft werdenDer Standard, 26.11.07 Wenn gut ein Sechstel des Amazonas-Regenwaldes bereits verloren und eine etwa ebenso große Fläche so stark beeinträchtigt ist, dass ihr in näherer Zukunft dasselbe Schicksal droht, dann liegt dies nicht zuletzt am massiven Holzeinschlag in den vermeintlich ewigen Regenwäldern. Und diese Schlägerungen sind keineswegs alle genehmigt, im Gegenteil: Die Einschätzungen gehen zwar auseinander - das brasilianische Umweltministerum räumte 2006 ein, dass fast zwei Drittel des Holzes aus dem Amazonas-Gebiet aus illegal durchgeführten Schlägerungen stammen, der WWF schätzt die Rate eher auf 80 Prozent - stimmen aber zumindest darin überein, dass eine satte Mehrheit des Holzes in der Region ohne Erlaubnis geschlägert wurde. Ein Umstand, der alle, die sich mit dem Thema noch nie befasst haben, doch verblüffen müsste. Mehrere Umweltschutzorganisationen - darunter die Weltnaturschutzunion (IUCN), der WWF und Greenpeace - haben daher in einer gemeinsamen Initiative an das brasilianische Parlament appelliert, illegales Holz nicht mehr für öffentliche Projekte auf Staats-, Provinz- oder Gemeindeebene zuzulassen. Eine Gesetzesänderung soll es bei der Ausschreibung derartiger Projekte zur Bedingung machen, dass Nutzholz nur aus nachhaltiger Forstwirtschaft oder Aufforstungen stammen darf. Der Bundesstaat São Paulo und mehrere brasilianische Großstädte haben bereits entsprechende Maßnahmen getroffen - nun hoffen die Umweltschützer, diese auch auf der Gesamtebene verbindlich durchsetzen zu können. (red) » zurück |
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