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Brandrodung für Agrosprit

Brandroden für Biosprit

Von Moritz Kleine-Brockhoff, Frankfurter Rundschau, 1.12.07

Am meisten schockiert mich der direkte Vergleich zwischen Regenwald und dieser Mondlandschaft", sagt Björn Jettka. Der Greenpeace-Mann ist aus Deutschland nach Indonesien gekommen, auf die Insel Sumatra, in die Provinz Riau. Jetzt steht er hier, Cowboy-Hut, Sonnenbrille, Indiana-Jones-Klamotten, dreckig und verschwitzt, am Äquator - auf verbrannter Erde mit verkohlten Baumstümpfen. Auf einem traurigen Flecken Erde, der früher von tropischem Regenwald überzogen war und nun eine Palmöl-Plantage wird.

Die Palmen, bis zum Horizont in Reih und Glied, sind noch jung. Sie ragen gerade mal 30 Zentimeter aus der Erde und sehen aus wie unschuldige Topfpflanzen. In drei Jahren werden die Babypalmen ganze Kerle sein. Dann werden sie alle drei Monate mehrere Ballen zwetschgengroßer Früchte tragen. Das daraus gepresste Öl landet in Margarine auf dem Frühstückstisch in Köln, in einer Seife im Badezimmer in New York oder in einem Wok in einem Restaurant in Peking. Spülmittel und Hautcreme, Käsekuchen und Lippenstift - Palmöl ist drin. Es taugt auch als Biosprit.

Jettka wusste natürlich von Indonesiens Palmöl-Wahn, als er sich vom Greenpeace-Büro in Hamburg auf den Weg in die Tropen machte. Aber jetzt, vor Ort auf dieser Brandrodung-Plantage, ist er doch platt: "Arbeiter schlugen Schneisen in wunderbaren Regenwald. Sie hoben Kanäle aus, um Torfboden zu entwässern. Danach wurden alle großen Bäume abgesägt und weggeschafft. Und dann hat man den Rest einfach angezündet." Jettka schüttelt den Kopf.

Was geblieben ist, erinnert wirklich an eine Mondlandschaft. Der verwüstete Streifen, Konzessionsfläche einer Palmöl-Firma, ist drei bis vier Kilometer breit und 60 Kilometer lang. Still ist es hier draußen. Tiere - Fehlanzeige. Der Himmel ist verhangen, die Luft schwer, ab und an nieselt es. In der Ferne stehen dunkle Wände. "Das ist Regenwald", sagt Jettka und schwingt sich auf sein Geländemotorrad. Er braust über einen matschigen Weg. Entlang einem Kanal, in dem schwarze Brühe träge dahingleitet. Vorbei an Frauen, die sich in der Mittagshitze über Setzlinge bücken und Unkraut aus der Erde zupfen.

Rechts ein paar Holzhütten mit Wellblechdächern, die auch in einem Slum stehen könnten. Plantagenarbeiter hausen hier. Einer von ihnen heißt Briyanto, ein dünner Junge, barfuß, nackter Oberkörper, 14 Jahre alt. Briyanto erzählt in knappen Sätzen: "Sechs-Tage-Woche. 30 000 Rupiah Taglohn. Alle drei Monate dürfen wir nach Hause." 30 000 Rupiah sind gut zwei Euro - für knapp zehn Stunden Schufterei. "Die weißen Kanister? Da ist Flüssigkeit drin, die wir versprühen. Ich weiß nicht, was das ist", sagt Briyanto. Jettka schaut aufs Etikett: "Herbizide. Sie landen im Boden und fließen über die Kanäle in Flüsse."

Flache Stümpfe blieben

Man läuft fünf Minuten bis zum Plantagenrand, bis zu dem Wald, der aus der Ferne wie eine Wand aussah. Von nahem sieht man, dass auch hier schon Schneisen geschlagen und Kanäle ausgehoben wurden. Links und rechts davon hat jemand dicke Bäume abgesägt und weggeschafft. Flache Stümpfe blieben. Ein paar Meter abseits der Wege steht aber noch ein Dschungel, in dem man ohne Buschmesser nicht weit kommt. Manche Bäume sind 30 Meter hoch, Farne und Rankpflanzen umgeben Stämme, an denen helle Pilze wachsen. Unter dem schrillgrünen Blatt eines dicken Busches bauen Wespen ein Nest. Grillen zirpen, und irgendwo hackt munter ein Specht.

"Rettet unseren Wald. Rettet unser Klima", steht auf einem riesigen Plakat, das Greenpeace am Waldrand zwischen Bäume gespannt hat. Die Umweltgruppe errichtete in der Nähe ein Lager. Aktivisten aus einem Dutzend Ländern sind da. Sie warnen vor einer "Klimabombe" durch Indonesiens Kohlendioxid-Emissionen. Wird Regenwald durch Plantagen, also Monokulturen, ersetzt, vermindert sich CO2-Speicherkapazität. Am schlimmsten ist die Klimabilanz, wenn Plantagen, wie hier, auf Torfboden entstehen. Intaktes Torfland, weltweit rar, speichert bis zu 1400 Tonnen CO2 pro Hektar. Laut Greenpeace stecken allein im Torfland der Riau-Provinz 14,6 Milliarden Tonnen. Das entspräche fast dem globalen CO2-Ausstoß eines ganzen Jahres.

"Riaus Torf hat einen niedrigen ph-Wert, Ölpalmen wachsen nicht gut auf saurem, nassem Grund. Daher beginnt Plantagenbau auf Torf mit dem Ausheben von Kanälen", erklärt Hapsoro, ein indonesischer Greenpeace-Waldexperte, der nur einen Namen trägt. "Bei der Bodenentwässerung oder spätestens bei der folgenden Brandrodung kommt Sauerstoff an den Torf, Kohlenstoff zersetzt sich, so wird massenhaft CO2 frei. Danach fühlen sich Palmen wohl."

Hapsoro, ein ruhiger Mann mit Schnauzer, sitzt mit Kollegen im Greenpeace-Lager. "Wald-Verteidigungs-Camp" haben sie ihre drei Hütten aus Kokosholz und Bast getauft, die auf Stelzen an einem Fluss stehen. Morgens stehen die Umweltkämpfer vor sechs auf und fahren mit wackeligen Booten zu den Plantage-Kanälen. Mit Dämmen wollen sie die Entwässerung des Torfs bremsen und die Palmöl-Firma ärgern. "Dieses Umweltverbrechen ist unglaublich, da muss man doch was tun", meint Jurrien, ein blonder Wuschelkopf aus Österreich. Zwischen den Ufern haben die Aktivisten mit Kanthölzern drei Sperren gebaut und dazwischen 500 Sandsäcke versenkt. Jurrien hämmert auf die Hölzer, bis sein Hemd nass am Körper klebt.

Kurz nach Sonnenuntergang im Greenpeace-Lager: Mursyid Ali ist gekommen, der Dorfchef von Kuala Cenaku. Er hat Greenpeace in seine Gegend eingeladen. "Das Land, auf dem die Plantage steht, wurde uns geklaut. Wir wollen protestieren." Ali ist ein selbstbewusster Mann, der laut werden kann. "Polizei und Militär unterstützen die Abholzung", schimpft er. Unstrittig ist, dass die Plantage auf öffentlichem Land steht. Es sei Gemeindeland, sagt Ali. Die Regierung von Alis Distrikt, Indragiri Hulu, sieht das anders. Sie vergab zusammen mit der Provinzführung Plantage-Konzessionen. Danach machten die Verantwortlichen einen Fehler. Statt der örtlichen Bevölkerung wie üblich Jobs zu geben, holten sie Arbeiter aus der fernen Stadt Medan. Die haben den Ruf, fleißig zu sein. Weil sie nichts vor der Plantage haben, sind Dorfchef Ali und seine Gefolgschaft sauer. Deshalb ist Greenpeace willkommen. "Ökos" sind sie nicht.

Die Thailänderin Topsi, die gute Seele des Lagers, hat zum Essen gerufen. Vom Dammbau erschöpfte Umwelt-Recken hocken mit Reis und Gemüse auf Plastikstühlen. Jurrien, der Österreicher, kommt nicht über den Anblick der Familie hinweg, die aus dem Plantagengebiet vertrieben wurde. "Ein Paar mit sieben Kindern. Ihr Besitz passte auf ihr kleines Boot." Der Brite Martin, der wie ein Rockstar aussieht, findet, Industriestaaten sollten Indonesien Geld für den Erhalt des Waldes zahlen. Darüber wird auf Bali verhandelt werden. Und die Korruption im Land? Wird Geld nicht versickern wie ein kurzer Tropenschauer? Martin schweigt. Er hat messen lassen, wie tief der Torfboden unter der Plantage steht. "Acht Meter tief. Damit ist das alles illegal hier." Ein Präsidialdekret verbietet Entwicklung von Land mit Torf, der tiefer als drei Meter ist.

Laut Greenpeace sind vier Tochterfirmen der Palmöl-Firma Dutapalma für die Plantage verantwortlich. "Wir haben die Konzession", sagt Dutapalma-Sprecher Bambang Suyono. Von der FR auf die Vorwürfe Landklau, Vertreibung, Missachtung des Präsidialdekrets, Flussverschmutzung und Kinderarbeit angesprochen, antwortet die Rechtsabteilung der Firma: "PT Dutapalma hatte nie ein Plantagengebiet in Indragiri Hulu."


Palmöl killt Klima

Dreißig Millionen Tonnen Palmöl werden weltweit jährlich verbraucht. 25 Millionen davon kommen aus Indonesien und Malaysia, wo für Plantagen eine Waldfläche vernichtet wurde, die dreimal so groß ist wie Belgien. Die Nachfrage steigt, auch weil Palmöl als Biosprit taugt. Indonesien plant, auf drei Millionen Hektar weitere Plantagen anzulegen. An manchen Orten wird Platz durch Regenwaldvernichtung geschaffen, was wegen des Holzverkaufs zusätzlich lukrativ ist.

So viele Bäume wie in Indonesien werden weltweit nirgends abgeschlagen oder verbrannt. Jede Minute verschwinden sechs Fußballfelder Wald. Kahlschlag macht das Land zum drittgrößten Klimasünder nach den USA und China. Die beiden Weltmächte stoßen viel CO2 aus, weil sie viel Energie verbrauchen. Das wenig industrialisierte Indonesien stößt viel aus, weil es für Plantagen gleich zwei CO2-Speicher vernichtet: Regenwald und Torfboden.

UN-Experten schätzen, dass Abholzung, vor allem in Indonesien und Brasilien, für 25 Prozent des globalen CO2-Ausstoßes verantwortlich ist.







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