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Aktuell
Amazonien der Waldvölker
Amazonien der Waldvölker
Interview mit Adilson Vieira, von Verena Glass, Carta Maior 20.9.07, für KoBra übersetzt von Sabine Reiter
Adilson Vieira, Leiter der Arbeitsgruppe
Amazonien (GTA) und Mitglied des Internationalen
Rats des Weltsozialforums,
beleuchtet die Lebensrealität der traditionellen
Bevölkerung Amazoniens in den
letzten 20 Jahren und betont die Wichtigkeit
des Weltsozialforums 2009 für die
„Waldvölker“.
Globale Erwärmung, Abholzung der Wälder
und große Projekte zur Verbesserung
der Infrastruktur sind Themen, die Amazonien
in der letzten Zeit national und international
auf die Tagesordnung gesetzt
hat. Aber die Perspektive der Bewohner
dieser Region, der Indigenen, der Gummizapfer,
der Flussanrainer, der SammlerInnen
und weiterer traditioneller
Völker – der „Waldvölker“, wie sie sich
selber nennen – hat offenbar vonseiten
der brasilianischen Gesellschaft und der
internationalen Öffentlichkeit noch nicht
die ihr zustehende Beachtung gefunden.
Aber das muss sich ändern. 20 Jahre
nach Gründung der „Aliança dos Povos
da Floresta“ (Allianz der Waldvölker) –
ein Zusammenschluss von Indigenen und
Gummizapfern im Bundesstaat Acre, hervorgegangen
aus der von Chico Mendes
angeführten Bewegung zur Durchsetzung
der Rechte traditioneller Gemeinschaften
– haben sich deren Akteure in
Brasília zum Zweiten Nationalen Treffen
der Waldvölker versammelt. Dieses Treffen
hat inzwischen die Debatte und den
Kampf um die Rechte dieser Völker auf
Bewohner anderer Naturregionen des
Landes ausgedehnt, um dadurch seinen
Positionen national Nachdruck zu verleihen.
Auf der anderen Seite wurde im Mai dieses
Jahres Belém do Pará als Sitz für das
nächste Weltsozialforum ausgewählt, das
im Dezember 2009 stattfinden soll. Über
diese beiden Prozesse hat Adilson Vieira,
der Generalsekretär der Arbeitsgruppe
Amazonien (GTA), Mitglied des Internationalen
Rats des Weltsozialforums und
einer der Koordinatoren der drei Panamazonischen
Sozialforen (die 2002,
2003 und 2004 stattfanden), mit der Online-
Agentur Carta Maior gesprochen. Im
Folgenden haben wir die wichtigsten
Auszüge aus dem Interview abgedruckt.
Carta Maior: Was hat sich seit dem Ersten
Nationalen Treffen der „Waldvölker“,
das vor 20 Jahren noch überschattet
durch den Mord an Chico Mendes stattfand
und auf dem die Aliança dos Povos
da Floresta geschaffen wurde, für die traditionellen
Gemeinschaften Amazoniens
geändert?
Adilson Vieira: Vieles hat sich geändert.
In den vergangenen 20 Jahren war
der große Fortschritt für die traditionelle
Bevölkerung Amazoniens die Eroberung
des politischen Raums in der brasilianischen
Gesellschaft. Man sollte sich immer
daran erinnern, dass noch vor 20 Jahren
diese Bevölkerungsgruppen als Bestandteil
der brasilianischen Folklore angesehen
wurden. Gummizapfer, Indianer und
Paranusssammler waren folkloristische
Gestalten. Seit dem Ersten Treffen der
Waldvölker haben sich diese folkloristischen
Gestalten in gesellschaftliche Akteure
gewandelt. Heute gibt es eine
Reihe von Schutzgebieten zur nachhaltigen
Nutzung (reservas extrativistas) und
wir haben die Einrichtung von Naturschutzgebieten
und Indianerreservaten
durchgesetzt, die alle durch Positionierung
im brasilianischen politischen
Raum erkämpft wurden. Dies war unser
größter Erfolg.
Carta Maior: Trotz der Anerkennung
und Berücksichtigung vieler Forderungen
der sozialen Bewegungen Amazoniens
gibt es im Moment eine große Unzufriedenheit
in Bezug auf einige Infrastruktur-
Projekte der Regierung in der Region.
Wie bewertet die politische Vertretung
der Waldvölker dieses Problem?
Adilson Vieira: Aus genau diesem
Grund haben wir das zweite Treffen ins
Leben gerufen. Beim ersten Treffen hatten
wir dieselben Probleme, große
Straßenprojekte waren geplant, und
Staudämme wie das Wasserkraftwerk Tucuruí.
Dies alles geschah auf Bestreben
großer, vor allem asiatischer, Holz verarbeitender
Betriebe. Aber damals wurden
wir relativ wenig beachtet. Heute wird
die Diskussion um die großen Bauvorhaben in Amazonien anders geführt. Gegen
einige dieser Bauvorhaben haben wir
nichts einzuwenden, gegen andere
schon. Wir befürworten den Bau der BR-
163, der Verbindungsstraße zwischen
Santarém und Cuiabá, solange dieser
organisiert abläuft und Investitionen in
die Region stattfinden – wir sind nicht
gegen den Fortschritt Brasiliens. Aber wir
wollen an ihm teilhaben. Wir sind zum
Beispiel gegen das Wasserkraftwerk am
Rio Madeira, auch wenn wir verstehen,
dass Brasilien Energie benötigt. Aber
statt große Wasserkraftwerke zu bauen,
sollte man zuerst daran denken, traditionelle
Gemeinschaften der Waldregion,
die wie im 18. Jahrhundert leben und
keine elektrische Energie besitzen, ins
21. Jahrhundert zu versetzen, und zwar
über eine Reihe von alternativen Maßnahmen
zur Energiegewinnung auf lokaler
Ebene. Viele Kinder aus diesen Bevölkerungsgruppen
können nicht geimpft
werden, weil es in ihren Siedlungen keine
Möglichkeit gibt, den Impfstoff zu kühlen.
Diese grundsätzlichen Probleme
müssen erst gelöst werden. Ein Programm
zur Beschleunigung des brasilianischen
Wachstums ist bestimmt interessant,
aber wir wollen Teil dieses
Wachstums sein. Es reicht nicht aus, lediglich
große Bauwerke für das Wirtschaftswachstum
in den großen Zentren
zu planen, während wir weiterhin in
Armut leben. Wir wollen zwei Dinge klar
voneinander trennen: Wir sind für den
Bau der BR-163, solange die gesamte
Bevölkerung davon profitiert. Wasserkraftwerke
am Rio Madeira lehnen wir
jedoch ab, da deren Bau für uns keinen
Nutzen hat.
Carta Maior: Im Moment ist die globale
Erwärmung eines der dringlichsten Themen
der internationalen Debatte um die
Zukunft des Planeten, und es ist erwiesen,
dass die Entwaldung für ca. 70%
des brasilianischen Anteils an diesem
Problem verantwortlich ist. In diesem Zusammenhang
stellt die Kontrolle über die
Entwaldung Amazoniens eine große
Herausforderung für die Regierung und
die brasilianische Gesellschaft dar. Wie
gehen die im Wald lebenden Bevölkerungsgruppen
mit diesem Thema um?
Adilson Vieira: Die Waldvölker, die am
wenigsten zur globalen Erwärmung beitragen,
sind am stärksten von diesem
Problem betroffen. Das hat sich an der
Dürrekatastrophe gezeigt, die Amazonien
2005 traf. Die Indigenen und die Flussanwohner,
die in ihrem gesamten Leben
mit nicht einmal einer Tonne CO2 an der
globalen Erwärmung beteiligt sind, waren
von der Außenwelt abgeschnitten,
ohne Wasser und ohne Transportmöglichkeit.
Diese Menschen sind die Opfer
eines in den Städten praktizierten Konsummodells.
Das muss sich ändern. Wir
wollen über eine nationale Maßnahme
zum Schutz der Wälder diskutieren. Brasilien
muss sich in Richtung einer sehr
viel geringeren Abholzungsquote bewegen,
trotz Verringerung, die bereits stattgefunden
hat. Wir wollen, dass das Ziel
tatsächlich aus einem kompletten Abholzungsstopp
besteht. Aber zusätzlich müssen
wir mit der Stadtbevölkerung eine
Änderung in ihrem Konsumverhalten
aushandeln. Es ist für uns Waldbewohner
unhaltbar, dass wir unseren Teil erfüllen
und die Abholzung einschränken, während
die Städter weiterhin in dicken Autos
herumkutschieren. Die brasilianischen
Städte müssen ebenfalls ihren Teil
erfüllen.
Carta Maior: Der Umweltschutz wird
zunehmend als fundamentaler Dienst am
Planeten angesehen. Wie sehen Sie die
Debatte über eine Vergütung für diese
Art Dienst?
Adilson Vieira: Dies ist ein Vorschlag
der sozialen Bewegungen Amazoniens.
Vor sechs Jahren haben wir z.B. die
Schaffung eines so genannten „Pro-Ambiente-
Programms“ vorgeschlagen. Hierbei
handelt es sich um wirtschaftliche Anreize
für Dienstleistungen im Umwelt10
schutzbereich. Ebenso wie Fabrikbesitzer
Anreize erhalten, um Alkohol zu produzieren,
und eine Anzahl von umweltschädlichen
Industrien staatlich subventioniert
wird, wollen auch wir für unsere
nachhaltige Produktionsweise eine staatliche
Vergütung bekommen. Dies kann in
Form eines Rabatts bei Krediten erfolgen
oder tatsächlich in Form einer Bezahlung
für Umweltdienste. Es kann nicht sein,
dass wir, die wir einen so hohen Beitrag
zum Umweltschutz leisten, manchmal
dadurch in schwierige Situationen geraten
und nichts dafür bekommen. Dieser
Problematik muss sich die Gesellschaft
stellen. Wenn sie weiterhin ihre Dieselautos
mit hohem Schadstoffausstoß
benutzen aber gleichzeitig wollen, dass
wir die Abholzung des Tropenwaldes einschränken,
müssen wir dafür einen
Ausgleich in irgendeiner Form erhalten.
Wir benötigen irgendeine Art der
Vergütung für unseren Dienst.
Carta Maior: Waren die Dringlichkeit
der Umweltdebatte und die Sichtbarmachung
der von den traditionellen Bevölkerungsgruppen
Amazoniens diskutierten
Fragen wichtige Faktoren bei der Entscheidung,
Belém do Pará als Ort für das
nächste Weltsozialforum im Januar 2009
vorzuschlagen?
Adilson Vieira: Die Umweltfrage wird
inzwischen von niemandem mehr ignoriert.
Aber das Weltsozialforum in Amazonien
stattfinden zu lassen, bedeutet, das
größte noch erhaltene Tropenwaldgebiet
des Planeten und eine multiethnische
und multikulturelle Region ins Zentrum
der internationalen Debatte zu stellen.
Die Völker Amazoniens haben viel beizutragen
zum Kampf der sozialen Bewegungen
weltweit. Wir können z.B. unsere
Erfahrungen mit der Verwaltung von
Naturgebieten durch traditionelle Gemeinschaften
einbringen. Hierzu gehören
die Schutzgebiete für SammlerInnen
(Reservas Extrativistas / Resex) und die
Projekte zur nachhaltigen Entwicklung
(Projetos de Desenvolvimento Sustentável/
PDSs), beides rein amazonische
Erfahrungen, die inzwischen bereits in
anderen Regionen Anwendung finden.
Carta Maior: Es fehlen noch fast anderthalb
Jahre bis zum Weltsozialforum
2009. Wie wird sich der Mobilisierungsprozess
in der Region Amazonien bis dahin
fortsetzen?
Adilson Vieira: Wir werden versuchen,
auf dem Weltsozialforum der Methode zu
folgen, die für das Panamazonische Sozialforum
entwickelt wurde, wie z.B. für
die Anreise der Teilnehmer Omnibus- und
Bootskarawanen zu organisieren. Wir
streben eine „partizipative“ Methode an,
d.h. wir wollen die Bevölkerungsgruppen,
die aus finanziellen Gründen nicht nach
Porto Alegre reisen konnten, alle indigenen
und anderen traditionellen Gruppen,
in großer Anzahl anreisen lassen. Es sollen
nicht ein, sondern hundert Tikuna
teilnehmen und nicht zwei, sondern
zweihundert Yanomami. Die 2009 stattfindende
Veranstaltung wird vielen unserer
Häuptlinge und Wortführer die
Gelegenheit bieten, an einem Weltsozialforum
teilzunehmen.
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