AktuellHilferuf der Yanomami
Sonntag, 30. Dezember, 13:04 Uhr Yanomami-Indianer bitten Bundesregierung um HilfeOsnabrück (ddp). Die Yanomami-Indianer im brasilianischen Amazonas-Gebiet bitten die Bundesregierung um Unterstützung im Kampf für ihren Lebensraum. Der Sprecher des Yanomami-Volkes, Davi Kopenawa, verwies in der «Neuen Osnabrücker Zeitung» (Montagausgabe) auf die Umweltzerstörung in seiner Heimat. Kopenawa sagte: «Der Himmel ist dunkel und voller Rauch, weil die Weißen den Wald abbrennen.» Er fügte hinzu: «Wir sind sehr besorgt, dass das Feuer uns Menschen, alle Tiere und Vögel des Waldes tötet.» Er wolle Politiker und Unternehmen davon überzeugen, «dass die Welt ohne das natürliche Kraftwerk Wald zugrunde geht.»"Der weiße Mann muss uns zuhören"Von Marcus Tackenberg, Neue Osnabrücker Zeitung, 30.12.07Bei seinem Besuch in Berlin trägt er Pulli, Jeans und Jacke wie jeder andere und würde kaum auffallen, wenn da nicht sein bunter Haarfederschmuck wäre. Davi Kopenawa kommt aus einer anderen Welt: Der Sprecher und Schamane des Yanomami-Volkes im brasilianischen Amazonas-Gebiet hat eine Botschaft für Kanzlerin Angela Merkel im Gepäck. Darüber, über sein Leben und die Zerstörung der Umwelt berichtet er im Interview mit unserer Zeitung: Herr Kopenava, wie geht es Ihrem Volk? Die Yanomami stehen vor vielen Problemen. Der weiße Mann ist nicht im Stande, uns und andere indigene Völker zu respektieren und zu schätzen. Aber wir sind die Bewohner des Waldes und waren lange vor dem weißen Mann hier. Seitdem uns "Omame" hergebracht hat. Wer ist Omame? Der Erschaffer der Yanomami. "Urihi" nennen wir den Wald, in dem wir pflanzen, jagen, fischen, Früchte und Pilze sammeln. Er bringt uns Reichtümer, Regen und Gesundheit. Für uns ist der Urwald unsere wahre Regierung, da er uns von Omame gegeben wurde. Doch die Weißen wollen ihn nur wegen des Geldes zerstören und brachten uns nichts als Krankheiten. Wen meinen Sie und welche Krankheiten genau? Bis zu 30000 Goldgräber sind in den achtziger Jahren in unser Land eingedrungen. Nach und nach wurden diese zwar vertrieben, doch die Krankheiten blieben bei uns. Es gibt heute Malaria, Tuberkulose, Masern, Grippe und sexuell übertragene Krankheiten wie Gonorrhoe und Syphilis. Sogar Krebs. Bevor die Weißen kamen, kannten wir diese Krankheiten nicht. Es gab nur die Krankheiten im Wald, die durch unsere Schamanen geheilt werden konnten. Erhalten Sie heute Medikamente vom Staat? Zurzeit gibt es ein großes Problem mit der nationalen Gesundheitsbehörde, die sich auch um die gesundheitliche Versorgung der Yanomami kümmert. Sie arbeitet nicht gut. Das Geld wird nicht an der richtigen Stelle eingesetzt, nicht in Medizin, Mikroskope, Impfungen und Kühlschränke zur Konservierung investiert. Viel Geld verschwindet in der Bürokratie. Die Sterberate der Yanomami ist in letzter Zeit wieder gestiegen. Hilft uns die Regierung nicht medizinisch, wird unser Volk aussterben. Ist denn das Problem mit den Goldgräbern gelöst? Nein, sie kommen wieder. Wir haben schon die Bundespolizei gebeten, die Goldgräber zu vertreiben. Aber sie sagen, sie hätten weder Personal noch Geld dafür. Die Goldgräber verschmutzen unsere Flüsse mit Quecksilber und bringen Krankheiten. Auch die Rinderzüchter und Reisbauern im Bundesstaat Roraima nähern sich unserem Land, und ich befürchte, dass auch sie bald bei uns einfallen werden. Sie werden durch Politiker unterstützt, die weder uns Indianer, den Wald noch die Erde mögen. Sie suchen ständig nach Reichtümern, indem sie riesige Löcher graben, Gold und Uran herausholen und immense Zerstörungen hinterlassen. Sie würden lieber tote als lebende Yanomami sehen. Meinen Sie mit den Politikern auch Präsident Lula? Die Lula-Regierung hat den Ureinwohnern Brasiliens viele Versprechen gegeben, die sie nicht gehalten hat. Sie haben praktisch nichts für uns getan. Ich bin zum Beispiel sehr besorgt über einen Gesetzesentwurf zum Bergbau, der im Kongress diskutiert wird. Weder erläutert ihn die Regierung, noch fragt man uns um Rat. Vor kurzem traf ich Präsident Lula im Bundesstaat Amazonas. Ich sagte ihm deutlich: "Herr Lula, ich schaue Ihnen genau in die Augen, damit Sie mir zuhören. Ich möchte keinen großangelegten Minenabbau auf unserem Land. Ich fürchte, er wird die Natur und die Flüsse, in denen wir baden und aus denen wir trinken, zerstören." Stellt der Ethanol-Boom nicht auch eine Gefahr dar? Den Wald mit Dollars zu kaufen und Biokraftstoff anzupflanzen wird meiner Meinung nach nichts bringen. Es ist für alle besser, mit den Indianern zu reden, um eine Lösung gegen die Abholzung zu finden. Der Wald ist lebenswichtig für unser Weltklima. Ein gutes Stichwort: Fühlen Sie den Klimawandel? Ja. Der Himmel ist dunkel und voller Rauch, weil die Weißen den Wald abbrennen. Im vergangenen Sommer wurde es heißer als sonst. Wir sind sehr besorgt, dass das Feuer uns Menschen, alle Tiere und Vögel des Waldes tötet. Gerade ging die Konferenz auf Bali zu Ende: Wie lautet Ihr Appell zur Rettung des Klimas? Wir alle, die hier zusammen auf der Erde leben, weiße, schwarze, rote und indigene Menschen, müssen überlegen, wie wir als Bewohner der Erde dieses Problem lösen können und die Zerstörung des Planeten stoppen. Ich würde gern mit den Autoritäten und Regierungen überall auf der Welt sprechen, mit den Firmen, die Öl und Eisenerze fördern, mit Fabrikbesitzern, die Kohle verbrennen, und mit den Viehzüchtern. Ich möchte sie überzeugen, dass die Welt ohne das natürliche Kraftwerk Wald zugrundegeht. Der weiße Mann muss uns zuhören. Wir Yanomami wissen, wie man den Wald nutzen kann, ohne ihn zu zerstören. Sie übergaben Bundeskanzlerin Merkel eine Botschaft. Was erwarten Sie von ihr? Ich fordere Frau Merkel darin auf, die Politiker in Deutschland und andere Regierungschefs in Europa, die Konvention 169 der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), die ein weltweites Gesetz zum Schutz indigener Völker ist, zu unterzeichnen. Leider hat mich Frau Merkel nicht persönlich empfangen. Was besagt die Konvention? Sie besagt, dass wir das Recht haben, in unserem Land zu leben. Wenn die deutsche Regierung Projekte im Amazonas-Gebiet finanziert, muss sie wissen, dass wir die Besitzer dieses Landes sind. Politiker und Unternehmer müssen uns regelkonform konsultieren. In dieser Absicht hat uns die Nichtregierungsorganisation "Survival International" sehr stark geholfen. Was können wir von Naturvölkern wie den Yanomami lernen? Als Schamane bin ich darin ausgebildet, die Umwelt zu schützen. Ich habe dafür zu sorgen, dass der Himmel und die Flüsse nicht verschmutzen, dass es nicht zu viel regnet oder zu heiß wird. Wir Schamanen tun dies nicht nur für unsere eigenen Völker, sondern für die ganze Welt. Noch halten wir eine große Welle zurück. Aber wenn die Erde weiter aus dem Gleichgewicht gerät, wird die Welle auf uns zukommen und uns alle zerstören. Wie stark hat sich das Leben der Yanomami seit dem ersten Kontakt mit Weißen verändert? Ich wurde geboren an einem Platz, der Marakana genannt wird. Als kleiner Junge wusste ich noch nicht, dass es Weiße gibt. Als ich das erste Mal von den Schamanen von ihrer Existenz hörte, war ich sehr neugierig. Und dann kam der Tag der ersten Begegnung: Ich versteckte mich in großer Angst zusammen mit meiner Mutter. Die Männer waren Missionare und Leute von der Kommission zur Kartierung der brasilianischen Grenzen. Danach sahen wir Soldaten, die Kasernen bauten. 1973 baute die Regierung die Bundesstraße "Perimetral Norte Road", die durch unser Land verläuft. Gibt es Schulen im Yanomami-Land? Ja. Um unabhängig zu bleiben, starteten wir ein Projekt zur Bildung von Schulen, um unserem Volk die Yanomami-Sprache und Portugiesisch beizubringen. 2004 gründeten wir "Hutukara", unsere eigene Kultur-Organisation, zur Verteidigung unserer Rechte. Trotz vieler Veränderungen leben die Yanomami immer noch sehr traditionell. Die Schamanen unterweisen die Jugendlichen in den alten Riten. Verfällt die junge Generation den westlichen Werten? Die jungen Yanomami lernen viel, vor allem, die Welt um sie herum zu verstehen. Mein Sohn Dario ist Lehrer und kann einen Computer bedienen. Das ist wichtig, weil er uns so sein Wissen von der Welt der Weißen weitergeben kann, damit mein Volk versteht und das Land schützt. Natürlich sind einige junge Leute abenteuerlustig, wollen etwas Neues ausprobieren und die Außenwelt sehen. Aber normalerweise verursacht das verrückte, hektische Leben in der Stadt eine starke Sehnsucht nach ihrem Dorf. Schon bald wollen sie zurück nach Hause in den Wald und zu ihren Familien. Wie sehen Sie die Zukunft Ihres Volkes? Es ist schwer, an die Zukunft zu denken. Es gibt Millionen Weiße in Brasilien und nur noch sehr wenige Indianer. Wir sind eingezäunt, und die Krankheiten der sogenannten Zivilisation töten uns. Wir benötigen weiterhin die Hilfe von Menschenrechtlern, Hilfsorganisationen und allen Menschen, die die Freunde der Indianer und des Waldes sind. » zurück |
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