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Aktuell

Umstrukturierung von Greenpeace

Greenpeace verändert sich

Von Michael Pauli, Greenpeace-Online, 22.6.14

Eine globale Organisation neu aufzustellen, die mit mehr als 2.000 Menschen in über 40 Ländern arbeitet, ist eine Herausforderung. Umso mehr, wenn diese Organisation wie Greenpeace von ihrer kulturellen Vielfalt und zivilem Ungehorsam lebt.

Greenpeace verändert sich, warum weiß keiner davon?

Glaubwürdigkeit ist für Greenpeace ein wichtiges Gut. Greenpeace veröffentlicht deshalb nur dann etwas, wenn es gesichert ist. Viele Augen prüfen Berichte, Tabellen, Erklärungen, Studien, bevor sie nach draußen gehen. Das führte dazu, dass die internationale Umstrukturierung von Greenpeace nur im Zusammenhang mit konkreten Kampagnen, im Gesamtbild aber nicht aktiv von uns bekannt gemacht wurde: Wir waren bisher nicht an dem Punkt angekommen, wo wir überzeugt davon waren, dass es jetzt so bleibt, wie es gerade ist. Denn: Eine globale Organisation neu aufzustellen, die mit mehr als 2.000 Menschen in über 40 Ländern arbeitet, ist eine Herausforderung. Umso mehr, wenn diese Organisation wie Greenpeace von ihrer kulturellen Vielfalt und zivilem Ungehorsam lebt.

Was verändert sich eigentlich?

Brigitte Behrens hatte es vor ein paar Tagen in ihrem Artikel an die Förderer schon angesprochen: Die internationale Umweltschutzorganisation Greenpeace passt sich mit einer neuen Organisationsstruktur den neuen Herausforderungen im globalen Umweltschutz an. Die Bedrohungen für unseren Planeten werden größer – und sie verschieben sich.

Mit der seit 2013 laufenden internen Umstrukturierung bei Greenpeace International in Amsterdam und bei der Entwicklung und Umsetzung internationaler Kampagnen stellt sich die Organisation daher dezentraler auf. Greenpeace wandelt sich von einer derzeit zentral aus Amsterdam gesteuerten Organisation zu einem Netzwerk einzelner Länderbüros. Früher wurden globale Kampagnen von Greenpeace International entwickelt und gesteuert. Künftig geschieht dies immer häufiger regional und zwischen den Länderbüros. So kann Umweltzerstörung besser dort bekämpft werden, wo sie heute am drastischsten ist: vor allem in den schnell wachsenden Volkswirtschaften in Asien, Afrika und Südamerika. Die Büros dort können auch besser als eine Zentrale einschätzen, was die brennenden Probleme sind.

Wie läuft das Operating Model?

Das „Operating Model“ oder bei Greenpeace kurz OM genannt, hat bereits positive Ergebnisse: Ein gutes Beispiel für die Erfolge dieses neuen Organisationsmodells ist die internationale „Detox!“-Kampagne: Europäische Greenpeace-Büros unter Leitung der Deutschen Kampaigner erhöhen dabei den Druck auf große Marken, ihre Kleider ohne giftige Chemikalien produzieren zu lassen. Erst im Juni hatte Adidas zugestimmt, die Produktion umzustellen. Im Vorfeld hatten Greenpeace-Büros in Asien die Verursacher der Umweltzerstörung recherchiert, Labore in Großbritannien testeten die Ergebnisse, Dutzende von Büros und Hunderte von ehrenamtlichen Gruppen organisierten weltweite Proteste. So sorgt „Detox!“ dafür, dass sowohl unsere Kleidung als auch Chinas Flüsse sauberer werden.

Gibt es Kritik?

Die Reorganisation ist umstritten. Greenpeace Deutschland hatte sich zunächst gegen die Umsetzung ausgesprochen, intern gab es intensive Debatten. Die Skepsis von Greenpeace Deutschland bezog sich vor allem darauf, dass wir es gerne von Anfang an detaillierter hätten, wir sind typisch deutsch, wir wollen gerne vorher einen genauen Plan haben, bevor man mit so großen Veränderungen anfängt. Andere Kulturen planen aber „auf dem Weg“, das muss und soll man aber auch akzeptieren. Greenpeace ist eine weltweite Organisation, mit vielen unterschiedlichen Kulturen und auch Erfahrungen, auch unterschiedlichen Ansichten, wie denn ein ideales Greenpeace aussieht. Hier darf man keine gleichen Maßstäbe anlegen. Was in Europa eine "normale" Aktion von Aktivisten ist, zum Beispiel ein Protest mit Bannern vor einem Regierungsgebäude, ist in anderen Ländern ein sehr mutiges Wagnis, das mit Gefängnis bestraft werden kann. Da müssen wir, also alle Büros, immer weiter ein gemeinsames Verständnis entwickeln und dürfen auch nicht pauschal bewerten, was die anderen tun. So gab es zum Beispiel auch einen Vorschlag härtere Aktionen durchzuführen, die Greenpeace Deutschland sofort vehement abgelehnt hat. Bis klar wurde, was die Kollegen aus Afrika damit meinten, eine Menschenkette um ein Kohlekraftwerk. Das ist in Afrika eine radikale Aktion, weil es gefährlich für die protestierenden Aktivisten ist.

Wichtig war und ist uns auch: Wie schnell lassen sich genügend qualifizierte Experten in den einzelnen Ländern finden? Wenn man den Zentralismus aus Amsterdam auflöst und die Verantwortung an die einzelnen Büros verteilt, wenn sie sich zu Kampagnen zusammenschließen, zu sogenannten Clustern, sind nicht sofort genügend erfahrene Kollegen da, die Greenpeace oder zivilen Widerstand schon gelernt haben, besonders in Ländern, wo es gar keine Zivilgesellschaft gibt. Deswegen haben wir auch ein intensives Ausbildungs- und Trainingsprogramm, das auch Greenpeace Deutschland unterstützt.

Ob es nun in einem Operating Model ist, oder in einer anderen Organisationsstruktur - Greenpeace in Deutschland wird weiter hier und auch in anderen Ländern für den Erhalt unserer Erde kämpfen. Dafür spenden fast 600.000 Menschen jedes Jahr in Deutschland. Ihnen und der Umwelt sind wir verpflichtet.


Ein Fehler, keine Spekulation

Brigitte Behrens, Geschäftsführerin von Greenpeace Deutschland, zu dem Defizit bei Greenpeace International

Greenpeace-Online, 19.6.14

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Förderinnen und Förderer,

In einer internationalen Organisation zu arbeiten ist voller Herausforderungen und voller guter, aber auch schlechter Nachrichten.

Die guten Nachrichten sind zum Beispiel die Erfolge, die unsere Kampagnen weltweit haben. Aktuell ist das der Einsatz für eine giftfreie Textilherstellung in Asien und Südamerika: Adidas hat im Juni nach der Greenpeace DETOX Kampagne zugestimmt, seine Produktion umzustellen. Damit sollen nicht nur die Flüsse in China sauberer werden, sondern auch Ihre Sportkleidung. Die schlechten Nachrichten, die wir durch die internationale Arbeit täglich mehr bekommen, sind der fast nicht mehr überschaubare, weltweite Raubbau an Natur und Umwelt, der unwiederbringlich Teile unserer Erde zerstört.

Eine schlechte Nachricht für Greenpeace in Deutschland ist aber auch der Millionenverlust, den Greenpeace International in Amsterdam erwirtschaftet hat. Ich verstehe, wenn Sie von dieser Nachricht enttäuscht sind. Was ist passiert, fragen uns in diesen Tagen viele Förderer am Telefon, per Brief und Mail. Journalisten wollen Aufklärung, die Grünen mischen sich ein und fordern Aufklärung. „Ihr seid Zocker, Spekulanten.“ Börsenspekulationen werden plötzlich genannt und all die kritikwürdigen Punkte des internationalen Investmentbankings. Wenn man die Möglichkeit hat, mit den Anrufern in Ruhe zu sprechen, verstehen die meisten, was passiert ist, und ihre Aufregung legt sich.

Denn mit Zockerei, womöglich an der Börse, hatte der Verlust nichts zu tun. Und Spenden aus Deutschland sind davon nicht betroffen.

Was ist passiert? Greenpeace arbeitet weltweit, und daher hat Greenpeace International (GPI), die Zentrale in Amsterdam, die Aufgabe, Gelder für Kampagnen an Büros in anderen Ländern zu überweisen. Damit dort in der eigenen Währung die Kampagnen bezahlt werden können. Jeder kennt das: Wenn er ins Ausland reist und fremde Währungen kauft, wäre das aber manchmal zu einem anderen Zeitpunkt günstiger gewesen. Wenn man wie GPI in Amsterdam rund 60 Millionen Euro im Jahr für den Umweltschutz verteilt, machen dann selbst 2 Prozent Schwankung beim Wechselkurs schon 1,2 Millionen Euro Unterschied aus. Manchmal im Plus, manchmal im Minus, in den letzten Jahren hat sich das mehr oder weniger ausgeglichen. Greenpeace International trägt alleine für die anderen Büros das Risiko der Wechselkursdifferenzen, und daher laufen die Gewinne bzw. Verluste aus Wechselkursschwankungen bei GPI alleine auf.

Als viele Menschen Angst vor dem Ende des Euros hatten, gab es bei GPI die Überlegung, den Wechselkurs abzusichern. Denn die Büros in Asien oder Südamerika, aber auch Russland oder Afrika sollten weiterhin die nötigen Gelder für ihre Arbeit und die Kampagnen bekommen. Würde der Euro zusammenbrechen, wäre auch das Geld für den Umweltschutz weniger wert. Deswegen hat ein Kollege bei GPI in Amsterdam 2013 feste Wechselkurse gekauft, in guter Absicht. Als der Euro aber wider Erwarten stieg, konnten die Verträge nicht gekündigt werden und führten zu Verlusten. Hier ist der Fehler entstanden, es gab keine Zockerei an der Börse, es wurden keine Gelder angelegt, um Gewinne zu machen. Es ging um die Absicherung der Arbeit für den Umweltschutz. In seinem Artikel legt Thomas Breuer konkreter dar, wie der Verlust entstanden ist. Thomas Breuer ist Finanzexperte und arbeitet heute als Leiter des Energiebereichs von Greenpeace Deutschland.

Die Ereignisse bei Greenpeace International werden gerade noch untersucht, es wird einen Bericht geben, die Ergebnisse werden bekannt gemacht. Der offizielle Jahresreport der Wirtschaftsprüfer von KPMG soll im Juli/August veröffentlicht werden. Diesen werden wir wie immer prüfen. Der Artikel im Spiegel ist der Veröffentlichung des Berichts zuvorgekommen, daher haben wir noch nicht alle Antworten auf Fragen, die auch wir an GPI gestellt haben. Unter anderem die, warum die Kontrollmechanismen versagt haben. Die Verluste 2013 bzw. die drohenden Verluste 2014 aus der Absicherung von Wechselkursschwankungen belaufen sich auf 3,8 Millionen Euro. Rücklagen zum Ausgleich des Verlustes sind vorhanden.

Was bedeutet der Verlust für Greenpeace in Deutschland? Zunächst, dass keine Gelder der Spender betroffen sind, denn wir werden und dürfen nicht für die Verluste einstehen.

Dies ist im deutschen Gemeinnützigkeitsrecht geregelt und wird entsprechend bei Greenpeace Deutschland umgesetzt und im Rahmen der Jahresabschlussprüfung geprüft. Greenpeace in Deutschland überweist Gelder für einzelne Kampagnen, die nur dafür ausgegeben werden dürfen. Sollte der Verwendungszweck nicht erfüllt worden sein, werden die Gelder entsprechend laut Vereinbarung zurückgefordert.

Greenpeace Deutschland tätigt keine Währungsabsicherungsgeschäfte. Die Gelder, die aktuell nicht für Kampagnen ausgegeben werden, werden auf Tages- sowie Festgeldkonten bei Geschäftsbanken wie der Bank für Sozialwirtschaft AG, GLS Gemeinschaftsbank, EthikBank, SEB AG und Hypo-Vereinsbank angelegt, für die wir die marktüblichen Zinsen wie Sie bekommen. Drittens gibt es bei Greenpeace Deutschland ein sehr genaues Kontrollsystem. Schon ab einer Summe von 30.000 Euro muss die Geschäftsführung die Projekte entsprechenden Gremien zur Beratung vorlegen. So sind also rund sechs bis acht Mitarbeiter als Kontrolle eingeschaltet. Ab einer Ausgabe von 130.000 Euro muss sogar zusätzlich der Aufsichtsrat zustimmen.

Wie geht es weltweit weiter mit Greenpeace? Auch hier ergeben sich Veränderungen, die wichtig sind. Es ist nicht mehr alleine das Ringen um das Ende des Atomzeitalters in Deutschland, das uns hier beschäftigt, oder der Einsatz für die ökologische Landwirtschaft und gegen Spritschlucker-Autos. Wir arbeiten für die Menschen in Deutschland schon seit vielen Jahren international: Die Lebensmittel, die Sie heute kaufen können, sind auch deswegen besser geworden, weil wir in Europa, in Asien, in Afrika Druck bei den Erzeugern machen und Missstände aufdecken. Deswegen brauchen Greenpeace Büros unsere finanzielle Unterstützung, damit wir dort etwas verändern können, was gleichzeitig uns in Deutschland und Europa hilft. Der Urwald ist nicht nur ein schützenswerter Lebensraum für Tiere und Ureinwohner, er schafft auch einen Teil des Sauerstoffs, den wir atmen. Jeder Baum dort ist es wert, sich dafür einzusetzen. Es ist auch unsere Pflicht, Menschen in China vor der Luftverschmutzung durch Kohlekraft zu schützen. Daher werden wir in den nächsten Jahren weiterhin Kampagnen in Regionen wie Asien, Russland, Südamerika und Afrika finanziell unterstützen.

In den nächsten Jahren wird sich die Organisation der Kampagnen weiter verändern. Bisher hatte GPI die Leitung aller globalen Kampagnen, künftig werden die nationalen und regionalen Büros die Verantwortung übernehmen. Ein Beispiel dafür ist die vorher erwähnte DETOX Kampagne gegen Chemie in Textilien, oder Kampagnen gegen uralte Atomreaktoren in Europa, wo die Kollegen von unserer Erfahrung und unserem Wissen durch den Atomausstieg profitieren, wir aber davon, dass weitere Länder aus der Atomenergie aussteigen. Und ganz sicher ist auch die Arktis Kampagne, für die sich unter anderem die Büros aus Deutschland, England, Schweden und Russland zusammengeschlossen haben, ein Beispiel für ein neues Greenpeace. Dass solche Veränderungen, bei der viele Kulturen in einer globalen Welt miteinander arbeiten und ihre individuellen Interessen kennen lernen müssen, nicht ohne Probleme und Reibungen abgehen, liegt auf der Hand.

In dieser globalen Welt muss Greenpeace global handeln, um sich für die Umwelt einzusetzen. Wir tun alles, um dabei Fehler zu vermeiden. Und wir werden alles versuchen, um diesen Fehler, der passiert ist, aufzuklären. Glaubwürdigkeit ist für Greenpeace unendlich wichtig, Greenpeace Deutschland kann nicht zulassen, dass sie leichtfertig gefährdet wird.

Ich versichere Ihnen: Weltweit geben alle Greenpeace-MitarbeiterInnen ihr Bestes, damit der Einsatz für die Umwelt uneingeschränkt weiterläuft. Wir danken Ihnen herzlich für Ihr Vertrauen und hoffen, dass Sie gerade auch in schwierigen Zeiten Teil der Greenpeace-Bewegung für den Schutz der Umwelt bleiben.

Ihre Brigitte Behrens




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