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Aktuell

Abschaffung von Amazonas-Indigenen-Schutzgebieten?

Agrarlobby will Schutz des Regenwaldes beenden

Von Sara Westerhaus, Greenpeace-Online, 2.10.13

Alarmierende Nachrichten aus Brasilien: Der in den letzten Jahren erreichte Schutz des Amazonas-Regenwaldes soll zurückgefahren werden. Die im Parlament stark vertretene Agrarlobby diskutiert derzeit dutzende Gesetzesvorlagen. Diese Änderungsanträge zielen darauf ab, die bestehenden Schutzgebiete abzuschaffen, beziehungsweise deren Fläche zu reduzieren und das Recht der Ureinwohner auf eine freie Entfaltung ihres kulturellen Lebensstiles zu beschneiden.

„Bereits vor einem Jahr wurden die Waldschutzgesetze in Brasilien maßgeblich von der Agrarlobby massiv geschwächt und brachten Straffreiheit für all jene, die jahrelang den Regenwald illegal gerodet haben und sich um Schutzgebiete nicht kümmerten. Doch nun unternimmt die Agrarlobby den finalen Schlag gegen den Schutz des Amazonas: Den Angriff auf die Gesetzgebung über Schutzgebiete der Ureinwohner“, sagt Oliver Salge, Leiter der Waldkampagne bei Greenpeace.

Schutzgebiete der indigenen Völker sind bisher im brasilianischen Amazonas das wirkungsvollste Mittel für den Schutz des Regenwaldes und seiner Bewohner, wie die Studie von Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) zeigt. Durch die Schutzgebiete werden der Regenwald und dessen Artenvielfalt gleichermaßen geschützt. Und die vielen Dienstleistungen, die der Regenwald ganz kostenlos liefert, gleich mit: Wasserreinigung und Wasserspeicher, Schutz des Bodens und der Flüsse, Reinigung der Luft und ein positiver Kohlenstoffspeicher, um dem Klimawandel zu begegnen. Ohne den Schutz durch die offiziellen indigenen Gebiete wären die zahlreichen traditionellen Gemeinden und Ureinwohner Brasiliens der Holz- und Agrarindustrie gnadenlos ausgeliefert.

Schutzgebiete werden abgeschafft

Die Gebiete der Ureinwohner in Brasilien sind durch die Verfassung geschützt, indem sie das alleinige Recht haben, ihre Gebiete zu nutzen. Solche Gebiete indigener Völker (Terra Indigena) machen 13,3 Prozent der Fläche Brasiliens bzw. 1,1 Mio. km² aus (im Vergleich: das ist dreimal die Fläche Deutschlands). Die meisten Schutzgebiete indigener Völker liegen im Regenwald, so dass die Abschaffung des Schutzes der Ureinwohner zugleich den Waldschutz in Brasilien weiter schwächen würde.

„Wo heute noch Jaguare oder Flussdelphine leben, sollen morgen in den Augen der Agrarlobby Holzeinschläge in großem Stil stattfinden, Rinder weiden oder Soja auch für den Export nach Deutschland wachsen“, kommentiert Waldexperte Oliver Salge die Entwicklung in Brasilien.

Wurden noch zwischen 1990 und 1998 alleine über 630 km² Indianerschutzgebiete und zwischen 2003 und 2006 487 km² Wald-Schutzgebiete neu geschaffen, hat die brasilianische Regierung unter Präsidentin Dilma Rousseff in den letzten drei Jahren diesen Fortschritt für die Indigenen Völker sowie den Wald- und Artenschutz zunichte gemacht. Heute liegen alleine in der Amazonasprovinz Para über einhundert Anträge vor, um den Schutz von 18 Indianerschutzgebieten zu reduzieren oder abzuschaffen.

Greenpeace fordert die brasilianische Regierung auf, die jüngst drastisch gestiegenen Entwaldungsraten zum Anlass zu nehmen, die Kontrolle und Strafverfolgung der Farmer und Holzkonzerne ernster zu nehmen. "Die Rechte der Ureinwohner dürfen nicht beschnitten werden und ihr Recht auf ihr Land muss unangetastet bleiben. Wir fordern die Präsidentin Rousseff auf, die gefährlichen Vorschläge der Agrarlobby abzulehnen und zu den Akten zu legen", so Salge. "Auch Deutschland als großer und wichtiger Geldgeber für den Schutz des Regenwaldes im Rahmen des sogenannten Regenwaldschutzprogrammes PPG7 hat seit 1992 eine Verantwortung für den Wald und seiner Bewohner übernommen und muss dieser gerecht werden."


Weltweite Proteste gegen Angriff auf die Rechte indigener Völker in Brasilien

In Berlin forderten gestern Anhänger von Survival, FIAN und anderen Organisationen von Brasilien einen Stopp der bedrohlichen Gesetze und den Schutz indigenen Landes

Survival International Deutschland e.V. Pressemitteilung, 2.10.13

Anhänger der Menschenrechtsorganisation Survival International und anderer Organisationen protestierten am Dienstag lautstark vor der Botschaft Brasiliens in Berlin, um ihre Unterstützung für die Tausenden indigenen Demonstranten zu zeigen, die diese Woche in Brasilien gegen Angriffe auf ihre hart erkämpften Rechte protestieren.

Heute wird ein weiterer Protest vor der brasilianischen Botschaft in London folgen, den Nixiwaka Yawanawá, ein Amazonas-Indigener aus Brasilien, samt Kopfschmuck und Gesichtsbemalungen seines Volkes anführen wird. Zahlreiche Survival-Unterstützer werden erwartet, die ebenfalls Gesichtsbemalungen und Plakate tragen werden.

Nixiwaka erklärte: “Wir sind hier, um unsere indigenen Brüder und Schwestern in Brasilien zu unterstützen, die den schlimmsten Angriff auf ihre Rechte seit Jahrzehnten erleben. Wir, brasilianische Indigene, haben seit Menschengedenken auf unserem Land gelebt und wir können nicht ohne es leben. Diese Gesetze würden das Ende des Rechtes auf unser Land bedeuten und sie dürfen nicht verabschiedet werden!”

Brasilien präsentiert sich in wenigen Tagen als “Land voller Stimmen” als Ehrengast bei der Frankfurter Buchmesse. Proteste finden in dieser Woche in ganz Brasilien und weltweit statt. Sie richten sich gegen die Aushebelung der in der Verfassung verankerten Rechte indigener Völker im Namen von Industrialisierung und “Entwicklung” durch die brasilianische Regierung.

Einige neue Gesetzesinitiativen werden derzeit debattiert. Ihre Verabschiedung würde die Kontrolle indigener Völker über ihr Land dramatisch schwächen und das Überleben vieler Völker in Brasilien bedrohen, darunter besonders verletzliche unkontaktierte Völker.

Einer der Vorschläge würde Brasiliens Kongress, der stark von der anti-indigenen Agrarlobby beeinflusst ist, Mitsprache bei der Demarkierung indigener Gebiete gewähren. Ein anderer Gesetzesentwurf würde indigenes Land für Militäreinrichtungen, Bergwerke, Staudämme und andere Industrieprojekte öffnen, und ein weiterer Entwurf könnte erstmals indigene Schutzgebiete für großflächigen Bergbau zugänglich machen.

Diese Änderungen wären für brasilianische Indigene wie die Guarani, die bereits heute unter Gewalt durch lokale Farmer leiden, da sie ihr angestammtes Land zurückverlangen, und die Awá, die zum bedrohtesten Volk der Welt geworden sind, weil ihr Wald massiv zerstört wird, verheerend.

Stephen Corry, Direktor von Survival International, sagte heute: “Diese Schwemme an Gesetzesentwürfen könnte faktisch einen Todesstoß für Brasiliens erste Völker bedeuten – indigene Völker überleben nicht, wenn ihr Land gestohlen wird. Wie viele wissen von den Repressionen der Regierung, während Brasilien sich bei der Buchmesse in Frankfurt präsentiert und bald Fussballfans aus aller Welt begrüßen will?”


Guarani-Anführerin führt nach dem Tod drei ihrer Kinder Landbesetzung an

Survival International Deutschland e.V. Pressemitteilung, 18.9.13

Guarani-Indigene haben eine mutige Retomada (Wiederbesetzung) ihres angestammten Landes gewagt, das von einer Zuckerrohr-Fabrik besetzt wird. Die Gruppe wird von einer Guarani-Frau angeführt, die im Lager, in dem die Gemeinde seit zehn Jahren am Rand einer Straße kampieren musste, den Tod ihres Mannes und drei ihrer Kinder erlebt hat.

Das Straßenlager der Guarani wurde im August unter ungeklärten Umständen durch ein Feuer zerstört und den Guarani wurde von bewaffneten Söldnern der Tod angedroht. Das gleiche Lager wurde bereits 2009 von Sicherheitskräften in Brand gesteckt.

In einer Erklärung, die Damiana Cavanha, die Anführerin der Gemeinde Apy Ka’y, am Montag veröffentlichte, heißt es: “Wir haben uns entschieden einen Teil unseres traditionellen Landes wieder zu besetzen. Dort gibt es einen Brunnen mit gutem Wasser und ein kleines Stück verbliebenen Wald.”

“Wir haben uns entschieden auf das Land zurückzukehren, auf dem drei unserer Kinder, die von Fahrzeugen der Rancher überfahren und zerrissen wurden, begraben liegen. Dorthin, wo auch zwei unserer Anführer, die von bewaffneten Sicherheitskräften der Rancher erschossen wurden, und ein 70-jähriger Schamane, der durch das Einatmen von Pestiziden starb, die ein Flugzeug auf das Getreide sprühte, begraben liegen.”

Dies ist das vierte Mal, dass die Gemeinde Apy Ka’y ihr Tekoha (angestammtes Land) in Brasiliens Bundesstaat Mato Grosso do Sul wieder besetzt, seit Rancher das Gebiet vor etwa 15 Jahren übernahmen. Jedes Mal, wenn die Guarani zurückkehrten, vertrieben die Rancher sie mit Gewalt. Die Gemeinde lebt seit nunmehr zehn Jahren unter armseligen und gefährlichen Verhältnissen am Rand einer Straße.

Die Guarani von Apy Ka’y sind jetzt in großer Gefahr. Sie haben drei Morddrohungen erhalten und sagen, dass man nach der Besetzung am Sonntag versucht hat ihr Wasser zu vergiften.

Die Ranch, die das Guarani-Land belegt, beschäftigt eine berüchtigte Sicherheitsfirma, um die Guarani einzuschüchtern. Die Staatsanwaltschaft in Brasilien hat das Unternehmen Gaspem als “Privatmiliz” bezeichnet und die Schließung der Firma gefordert. Ein Bericht der Staatsanwaltschaft über den Umgang mit der Gemeinde aus dem Jahr 2009 kam zu dem Schluss, dass “es keine Übertreibung ist von Genozid zu sprechen”.

Damiana Cavanha fügte in der Erklärung dazu: “Angesichts der Drohung des Todes, dem Verlust unserer Angehörigen und so viel Leides und Schmerzen, entschieden wir am 15. September 2013 zum vierten Mal unser Land zu besetzen, APYKA’I (Apy Ka’y). Wir haben entschlossen, für unser Land zu kämpfen.”

Die Situation der Gemeinde Apy Ka’y ist für die Guarani in Brasilien nicht ungewöhnlich. Viele Guarani werden von den gewaltsamen Angriffen durch die Rancher, die ihr angestammtes Land besetzen, zunehmend in die Verzweiflung getrieben.

Enttäuscht von den langsamen Fortschritten bei der Demarkierung ihres Landes durch die Regierung, haben einige Guarani-Gemeinden in den letzten Jahren Retomadas durchgeführt.

Survival Internationals Direktor Stephen Corry sagte heute: “Dass die Regierung versagt hat, den Guarani Land zurückzugeben, ist beschämend, illegal und katastrophal für die Indigenen. Präsidentin Rousseff ist eindeutig der Agrarlobby hörig, welche sehr kraftvoll und einflussreich ist, und sie scheint bereit, einfach ihre gesetzlichen Pflichten zu ignorieren. Unter diesen Umständen ist es nicht überraschend, dass die Guarani ihre Angelegenheiten selbst in die Hand nehmen. Sie brauchen dringend Unterstützung, da es sehr wahrscheinlich ist, dass sie wieder vertrieben und angegriffen werden.”




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